Politische und militärische Motive:Angriffe auf die Krim: Welche Strategie verfolgt die Ukraine?
von Christian Mölling und András Rácz
Die Angriffe auf die Krim sind Teil einer breiten Kampagne. Eine Befreiung durch die Ukraine ist derzeit unwahrscheinlich, die politischen Effekte sind aber groß.
Wiederholt hat die Ukraine Versorgungslinien und Infrastruktur auf der Krim empfindlich getroffen. ZDFheute live analysiert die Situation auf der russisch besetzten Halbinsel.
25.06.2026 | 45:00 minIn den vergangenen Wochen hat die Ukraine ihre Kampagne an der Südfront fortgeführt. Primäres Ziel sind die Verbindungen der Krim-Halbinsel zum russischen Festland und zu von Russland besetzten Gebieten. Die anhaltenden Angriffe zeigen Wirkung: Am heutigen Freitag verhängte der vom Kreml eingesetzte Gouverneur den Ausnahmezustand auf der Krim.
Diese Kampagne ist Teil eines wesentlich größeren und längeren Bemühens, die russischen militärischen Fähigkeiten auf der Krim zu schwächen, vor allem Luftwaffen-, Luftverteidigungs- und Drohneneinheiten sowie die Schwarzmeerflotte. Ziele sind zudem Militärflugplätze, Radarstationen, Flugabwehrraketenstellungen sowie Drohnenstartplattformen.
Die Krim ist seit Langem Ausgangspunkt massiver russischer Drohnen- und Raketenangriffe, insbesondere gegen die ukrainischen Regionen Cherson, Mykolajiw und Odessa sowie gegen den gesamten Süden des Landes.
Die Behörden auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim haben den Ausnahmezustand ausgerufen. Die Ukraine greift seit Wochen die Energie-Infrastruktur der Krim an.
26.06.2026 | 0:29 minBislang beeindruckende Erfolge
Die länger angelegte Kampagne war bemerkenswert erfolgreich: Anhaltende ukrainische Angriffe haben die Schwarzmeerflotte nach erheblichen Verlusten gezwungen, ihre noch einsatzfähigen Marineeinheiten nach Noworossijsk zu verlegen und die Nutzung der erheblichen Schiffbaukapazitäten auf der Krim praktisch aufzugeben.
Politischer und militärischer Zweck
Die laufenden Operationen dienen einem doppelten, militärischen wie politischen Zweck. Militärisch gilt: Je stärker die Logistik eingeschränkt wird, desto schwieriger wird es, die Krim als Plattform für Luft- und Raketenangriffe gegen die Südukraine zu nutzen.
Kiews Angriffe auf die von Russland besetzte Krim seien auch im Alltag der Russen spürbar, meint ZDF-Reporter Carsten Thurau. In der Ukraine fürchte man russische Gegenangriffe.
25.06.2026 | 4:02 minZudem spielen Versorgungsrouten über die Krim auch eine wichtige Rolle bei der Versorgung der russischen Kräfte in der besetzten Region Cherson. Dies gilt besonders, weil ukrainische Drohnen mittlerer Reichweite die Fernstraße Donezk-Mariupol-Melitopol stark unter Druck setzen.
Zusammen mit den Angriffen auf die Krim schränkt dies die Versorgung der russischen Kräfte besonders in den westlichen Teilen der besetzten Region Cherson (z.B. auf der Kinburn-Landzunge) erheblich ein.
... ist Senior Advisor beim European Policy Centre. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.
Landoperation unwahrscheinlich
Unterdessen ist ein ukrainischer Landangriff gegen die Krim kurz- und mittelfristig kaum realistisch. Der Dnipro stellt ein großes natürliches Hindernis für Angriffe gegen die besetzten Regionen Cherson und Saporischschja dar; selbst wenn es ukrainischen Kräften gelänge, ihn zu überqueren, müssten sie noch die Befestigungen der sogenannten Surowikin-Linie einnehmen, die Russland 2023 aufbaute.
Die Menschen auf der Krim spüren die Auswirkungen ukrainischer Drohnen-Attacken. Seit der russischen Annektion 2014 ist die Halbinsel eine wichtige Militärbasis für Russland.
24.06.2026 | 2:36 min
Weiter südlich ist die Krim nur über eine schmale Landenge und einige Brücken mit dem Festland verbunden; Letztere werden in diesen Wochen zerstört. Selbst wenn ukrainische Kräfte die Russen also aus Cherson und Saporischschja zurückdrängen könnten, bliebe ein erzwungenes Eindringen auf die Krim eine große Herausforderung.
Putins Legitimität angekratzt
Mit Blick auf die politischen Effekte gilt: Seit der russischen Besetzung der Halbinsel 2014 gehört der "Besitz" der Halbinsel zu den Eckpfeilern der politischen Legitimität des Systems von Wladimir Putin.
Vor mehr als 25 Jahren ist Wladimir Putin als Präsident an der Spitze der Atommacht Russland angekommen. Seitdem hat er den Staat immer stärker auf seine Person zugeschnitten.
25.06.2026 | 14:53 minAnhaltende ukrainische Angriffe auf die Halbinsel beschädigen daher eben diese politisch-ideologischen Grundlagen, indem sie zeigen, dass der Kreml ein derart entscheidend wichtiges Gebiet nicht verteidigen kann.
Bedeutung der Krim wendet sich gegen Moskau
Und man muss im Blick behalten, dass die Krim groß ist. Mit einer Fläche von etwa 27.000 Quadratkilometern ist sie größer als Slowenien, und nach Daten von Rosstat (Russisches Statistikamt) aus dem Jahr 2025 lebten auf der Halbinsel 1,9 Millionen Menschen.
Hinzu kommt: Wegen ihrer hohen politischen Bedeutung ist das, was auf der Krim geschieht, im russischen Diskurs im ganzen Land präsent. Mit anderen Worten: Durch die laufenden Angriffe wendet die Ukraine die übergroße politische Bedeutung der Krim für Russland gegen den Kreml.
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