Polnisch-ukrainische Beziehungen: Die Last der Geschichte

Streit überschattet Wiederaufbau-Konferenz:Polnisch-ukrainische Beziehungen: Die Last der Geschichte

von Thomas Dudek

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Ab heute wird in Danzig über den Wiederaufbau der Ukraine verhandelt. Doch ausgerechnet ein Streit zwischen den beiden Co-Gastgebern Polen und der Ukraine überschattet das Treffen.

Symbolbild: Polnische und ukrainische Flagge

Polen ist einer der wichtigsten Unterstützer der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland.

Quelle: imago images

In den vergangenen Tagen herrschte zwischen den Präsidialkanzleien in Kiew und Warschau reger Postverkehr. Er markierte den bisherigen Höhepunkt in einem laut ausgetragenen Streit zwischen Polens Präsident Karol Nawrocki und dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj.

Denn in der Sendung, die Selenskyj am Wochenende nicht über diplomatische Kanäle,  sondern per Post nach Warschau schickte und dies öffentlichkeitswirksam auf X verkündete, befand sich der Orden des Weißen Adlers. Es ist Polens höchste Auszeichnung, die in den letzten Jahrzehnten Persönlichkeiten wie Johannes Paul II., Václav Havel, Queen Elisabeth II oder auch Helmut Kohl und Gerhard Schröder verliehen bekamen.

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Auf der Wiederaufbaukonferenz in Polen wird es ab heute um die weitere Unterstützung für die Ukraine gehen. Überschattet wird das Treffen aber von einem politischen Streit beider Länder.

25.06.2026 | 2:49 min

2023 erhielt Selenskyj den Orden vom damaligen polnischen Präsidenten Andrzej Duda. Am Freitag entzog ihm dessen Nachfolger Karol Nawrocki die Auszeichnung. Der Grund für diesen Schritt war, dass Selenskyj im Mai einem Militärverband den Ehrennamen "Helden der UPA" verliehen hatte.

Die UPA: In der Ukraine verehrt, in Polen verhasst

Es ist ein Streit, der gar nicht so passen mag zu dem Bild, das man seit dem Beginn der russischen Großinvasion 2022 in die Ukraine von dem Verhältnis der beiden Länder im Ausland hatte. Denn Polen wurde nicht nur zu einer neuen Heimat für fast eine Million ukrainischer Flüchtlinge, sondern entwickelte sich zu einem der wichtigsten militärischen und politischen Unterstützer der Ukraine. Zudem ist Polen wegen seiner Grenze zur Ukraine ein zentraler Knotenpunkt für die westlichen Waffen- und Hilfslieferungen an das von Russland angegriffene Land.

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Ein umstrittener Ehrentitel für eine ukrainische Brigade löst diplomatischen Streit mit Polen aus. Der Zeitpunkt vor der "wichtigen Wiederaufbaukonferenz" sei "sensibel", so ZDF-Reporter Carsten Thurau.

24.06.2026 | 3:10 min

Doch wie fragil die polnisch-ukrainischen Beziehungen wegen der gemeinsamen schwierigen Geschichte sind, zeigt der aktuelle Disput. Denn während in der Ukraine die 1942 als militärischer Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten entstandene - und zeitweise mit dem nationalsozialistischen Deutschland kollaborierende - UPA wegen ihres bis in die 1950er Jahre andauernden Widerstands gegen die Sowjetunion verehrt wird, wird sie in Polen als "verbrecherische Organisation" betrachtet.

Von 1942 bis zum Kriegsende 1945 hat die Ukrainische Aufständische Armee auf dem Gebiet der heutigen Westukraine laut Schätzungen bis zu 100.000 polnische Zivilisten ermordet. 2016 erklärte das polnische Parlament das "Massaker von Wolhynien und Ostgalizien" in einer Resolution zu einem Völkermord.

Versuche des Dialogs, aber keine Annäherung

Obwohl es in den vergangenen drei Jahrzehnten bezüglich dieses dunklen Kapitels der gemeinsamen Geschichte, dem durch Vergeltungsaktionen der polnischen Heimatarmee auch bis zu 15.000 ukrainische Zivilisten zum Opfer fielen, wiederholt Versuche eines Dialogs gab, kam es nie zu einer echten Annäherung.

"Die polnische Seite hatte die Hoffnung, dass die Ukrainer kritisch auf die dunkle Seite ihrer Geschichte blicken werden", sagt Wojciech Konończuk, Direktor des polnischen Zentrums für Oststudien (OSW), ZDFheute. "Stattdessen setzte der gegenteilige Prozess ein", so der Politikwissenschaftler.

Die UPA wird auf staatlicher Seite für ihren Kampf gegen die Sowjets geehrt, doch ihre dunkle Seite versucht man zu verschweigen oder zu relativieren.

Wojciech Konończuk, Direktor des polnischen Zentrums für Oststudien

Zusätzlich belastet wurde das Verhältnis durch ein 2017 von der Ukraine verhängtes Verbot, das die Exhumierung polnischer Opfer des Massakers untersagte. Erst 2024 wurde dieses aufgehoben.

Streit überschattet Wiederaufbau-Konferenz in Danzig

Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass die Umbenennung einer Militäreinheit in "Helden der UPA" in Polen nicht nur in konservativen Kreisen für Empörung sorgte. Bemerkenswert ist jedoch die Dynamik, die der Streit angenommen hat und der auch die an diesem Donnerstag in Danzig beginnende Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine überschattet.

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"Man hoffe, dass Inhalte im Raum stehen", so ZDF-Reporter Andreas Weise zum Polen-Ukraine-Streit und der Wiederaufbaukonferenz. Das Ganze sei auch "eine riesen Industriemesse".

25.06.2026 | 1:41 min

Obwohl die Ukraine Co-Gastgeber der jährlich in unterschiedlichen Städten stattfindenden Veranstaltung ist, zu der auch Bundeskanzler Friedrich Merz anreist, wird das Land nicht von Selenskyj vertreten. Stattdessen führt Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko die ukrainische Delegation an. Das zeige, wie stark die Beziehungen belastet seien, sagt Politologe Wojciech Konończuk.

Das ist die schwerste Krise in den polnisch-ukrainischen Beziehungen seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991.

Wojciech Konończuk, Direktor des polnischen Zentrums für Oststudien

Politikwissenschaftler: "Krisenfaktoren nehmen seit 2023 zu"

Dies jedoch nur auf den aktuellen Streit um die UPA zurückzuführen, würde zu kurz greifen. "Die Krisenfaktoren nahmen seit 2023 zu", erklärt Konończuk. Er verweist unter anderem auf den polnisch-ukrainischen Streit um ukrainische Agrarexporte in die EU. Dieser veranlasste Selenskyj 2023 sogar dazu, in einer Rede vor den UN Polen vorzuwerfen, im Interesse Russlands zu handeln.

Innenpolitische Faktoren in beiden Ländern befeuern den Disput weiter. "In der Ukraine ist die Öffentlichkeit abgelenkt von der Korruptionsaffäre, die im nächsten Umfeld von Selenskyj ausgebrochen ist", so Konończuk. "In Polen gibt es wiederum Politiker, die von dem polnisch-ukrainischen Geschichtsstreit profitieren wollen. Ihre Munition ist das Massaker von Wolhynien und der Unwille der Ukraine, sich damit kritisch auseinanderzusetzen."

Neben den derzeit überkochenden Emotionen und innenpolitischen Machtspielchen gibt es aber auf beiden Seiten der Grenze Kräfte, die den Streit mit großer Sorge beobachten und zu Besonnenheit aufrufen. So heißt es etwa in einem gemeinsamen Appell, den mehr als 20 zivilgesellschaftliche Organisationen aus Polen und der Ukraine am Mittwoch veröffentlicht haben: "Jede Spaltung zwischen unseren Völkern spielt Russland in die Hände."

Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, unter anderem das gemeinsame Morgenmagazin von ZDF und ARD am 25.06.2026.

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