Syriens Minderheiten: Wie Racheakte den Neubeginn gefährden

Angriffe auf Minderheiten:Wie Racheakte Syriens Neubeginn gefährden

Golineh Atai

von Golineh Atai

|

Syriens religiöse Minderheiten fühlen sich so verwundbar wie nie. Für die neue Regierung sind die Massaker gegen Alawiten und der Anschlag auf eine Kirche eine Bewährungsprobe.

Sicherheitskräfte der syrischen Übergangsregierung stehen im Fond eines Fahrzeugs, das an einer Straße geparkt ist

Minderheiten in Syrien fürchten sich vor den neuen Machthabern. Wie sicher ist ihr Leben in der instabilen Lage im Nahen Osten?

18.06.2025 | 6:47 min

Die Porträts von Angela Merkel und Nelson Mandela hängen am Schaufenster seines kleinen Cafés in Baniyas an Syriens Mittelmeerküste. Jaber Aboud war unter Präsident Baschar al-Assad mehrmals im Gefängnis. Der Bundeskanzlerin verdankt er, dass seine Frau und zwei Söhne in Berlin Zuflucht fanden. Den südafrikanischen Freiheitskämpfer verehrt er, weil die Idee des gewaltlosen Widerstands und der Versöhnung für Syrien ein Vorbild sein könnte.

Im März verlor Aboud sieben Familienangehörige und etliche Freunde. Sie gehörten zu den mindestens 900 Zivilisten - alle aus der Religionsgruppe der Alawiten, aus der auch der Assad-Clan stammt - die von sunnitischen Kämpfern zuhause oder auf der Straße getötet wurden.

Angriffe und Anschläge auf Alawiten, Drusen, Christen

"Nach der Freude über den Sturz eines Diktators hatten wir keine Massenmorde erwartet. Was mich besonders wütend macht: Dass Einwohner von Baniyas beim Plündern und Morden mitmachten. Ich fühle mich seitdem wie ein Fremder im eigenen Land", sagt Aboud mit Tränen in den Augen.

Syriens religiöse Minderheiten sind so verunsichert wie noch nie. Nach den Massakern an Alawiten folgten kaum zwei Monate später Auseinandersetzungen mit drusischen Bewaffneten - und erneut Dutzende getötete Zivilisten.

Dann geschah das Bombenattentat in der griechisch-orthodoxen Mar-Elias-Kirche in Damaskus, während der Sonntagsmesse, mit 25 Toten - nach Regierungsangaben verübt von einer IS-Splittergruppe, die auch für die Vergehen an der Küste verantwortlich gewesen sein soll.

Assads ehemalige Militärs morden und schüren Gewalt

Für Christen, Alawiten oder Drusen ist das Attentat ein Angriff auf die Vielfalt Syriens, auf das ethnische Gewebe des Landes. Dass weder der Präsident noch der Innen- oder Außenminister sich in der Kirche blicken ließen, und ihr Mitgefühl nur in Telefonaten und Ansprachen äußerten, vertiefte die Gräben umso mehr.

Jubel in Syrien nach dem Sturz des langjährigen Diktators Baschar al-Assad

Freiheit nach 13 Jahren Krieg. Euphorie, Schmerz und Misstrauen bestimmen Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes. Eine Reise durch ein Land, das wieder zusammenfinden muss.

06.02.2025 | 30:03 min

An Syriens Küste fing alles mit einem massiven, koordinierten Aufstand ehemaliger Assad-Militärs an - nachdem diese mehr als 300 Regierungskämpfer getötet hatten, begann die Rache der Gegenseite.

Jaber Aboud berichtet von ausländischen Kämpfern in seinem Haus. Sie zündeten Häuser und Cafés an, verbrannten Leichen auf der Straße, nahmen alle Wertgegenstände mit - und schienen vor allem getrieben von religiösem Hass gegen "Alawiten-Schweine", wie sie sagten. Auch Sunniten aus den umliegenden Dörfern waren beteiligt - teils auch getrieben aus Rache an Massakern der Alawiten an ihnen, vor einem Jahrzehnt.

Tausende drusische Studierende bedroht

Im April eine weitere Eskalation: Eine mutmaßlich gefälschte Tonaufnahme tauchte auf, in der ein drusischer Geistlicher den Propheten Mohammad beleidigt haben soll. Die Drusen sind wie die Alawiten eine islamische Minderheit.

Demonstrationen gegen "Drusen-Schweine" führten daraufhin dazu, dass Tausende drusische Studenten im Land bedroht wurden, ihre Wohnheime verlassen und ihr Studium abbrechen mussten.

"Ich studierte Maschinenbau in Aleppo und war im letzten Jahr. Aber ich habe keine Hoffnung mehr, an die Uni zurückzukehren. Am liebsten würde ich ins Ausland", sagt der Druse Adnam Ghannam, der jetzt bei seinen Eltern im Süden Syriens lebt. An seinem Arm und auf der Brust sind Messerstiche erkennbar.

Funktionierende Justiz fehlt

Im Juli wird ein Untersuchungsbericht der Regierung zu den Massakern gegen Alawiten erwartet.

"Es entstand ein massives Chaos. Es gab unkontrollierte Gruppen. Und mittendrin versuchte die Regierung, ihre Kontrolle wiederzuerlangen", erklärt Noureddin Al-Baba, der Sprecher des Innenministeriums, gegenüber dem ZDF. "Am Ende konnte die Regierung durch ihre moralische Autorität - weniger als durch ihre militärische Autorität - diese Gruppen, diese Leute, überzeugen, sich zurückzuziehen."

Was fehlt, ist eine funktionierende Justiz, die alle Gruppierungen, die Verbrechen verübten, zur Rechenschaft zieht - und weitere Angriffe verhindert. Je länger sie fehlt, umso mehr gärt das Misstrauen - und umso wahrscheinlicher ist neue Gewalt.

Golineh Atai leitet das ZDF-Studio in Kairo, das auch für Syrien zuständig ist.

Icon von whatsapp
Quelle: dpa

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann sind Sie beim ZDFheute-WhatsApp-Channel richtig. Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten auf Ihr Smartphone. Nehmen Sie teil an Umfragen oder lassen Sie sich durch unseren Podcast "Kurze Auszeit" inspirieren. Zur Anmeldung: ZDFheute-WhatsApp-Channel.


Aktuelle Nachrichten zu Syrien

  1. Archiv: Fahrzeuge und Bulldozer der israelischen Armee sind im Südlibanon im Einsatz, vom Norden Israels aus fotografiert.

    Trump kündigt Treffen an:Spitzengespräch zwischen Israel und Libanon geplant?

    mit Video0:24

  2. German Foreign Minister Johann Wadephul (L) talks with German Chancellor Friedrich Merz during the weekly cabinet meeting of the German government in Berlin, Germany, 01 April 2026.

    Nachrichten | heute journal:"80 Prozent": Weiter Debatte um Syrien-Ziel

    von Anselm Stern
    Video2:15

  3. Syrische Geflüchtete in Deutschland und ein Säulendiagramm
    Grafiken

    Alter, Jobs, Rückkehr:Die Lage von Syrern in Deutschland in fünf Grafiken

    von Marie Ries und Kathrin Wolff
    mit Video2:27

  4. Ein Mann geht vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorbei.
    Interview

    Merz-Aussage zu Flüchtlingen:Jurist: Rückkehr von 80 Prozent der Syrer "illusorisch"

    mit Video2:39

  5. Schaltgespräch Sievers mit Gerald Knause

    Nachrichten | heute journal:Abschiebung von Syrern "unrealistisch"

    Video6:17

  6. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

    Nachrichten | heute journal:Reaktionen auf Aussage zu Syrern

    von Ulrike Rödle
    Video2:39

  7. Friedrich Merz empfängt den syrischen Übergangspräsidenten: Ahmed al-Scharaa. Im Hintergrund stehen die syrische, die deutsche und die europäische Flagge

    Nachrichten | heute 19:00 Uhr:Kritik an Merz-Aussage zu Ausreise von Syrern

    von A. Pöschel / H. Rascho
    Video1:43

  8. Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa und Bundeskanzler Friedrich Merz stehen am Rednerpult bei der gemeinsamen Pressekonferenz im Bundeskanzleramt, aufgenommen am 30.03.2026

    Nach Besuch von al-Scharaa:Ausreise von Syrern: Merz-"80 Prozent"-Aussage in der Kritik

    mit Video1:43

  9. Syrien, Harasta: Außenminister Johann Wadephul in Syrien, 2025

    "80 Prozent"-Aussage des Bundeskanzlers:Wadephul stellt sich hinter Merz-Äußerung zu Syrern

    mit Video2:27

  10. Schaltgespräch mit Armin Laschet

    Nachrichten | heute journal update:Laschet: "Zehntausend sind ausreisepflichtig"

    Video6:08

  11. Syriens Präsident al-Sharaa und Bundeskanzler Friedrich Merz.

    Nachrichten | heute journal:Syriens Präsident al-Sharaa in Berlin

    von Klaus Brodbeck
    Video2:27

  12. Berlin: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, r) und Ahmed al-Scharaa, Präsident der syrischen Übergangsregierung, während einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt.

    Rückkehr syrischer Flüchtlinge:Merz überrascht mit "80 Prozent"-Aussage

    von Jan Henrich
    mit Video2:27

  13. Große Teile Syriens sind durch den andauernden Bürgerkrieg vollkommen zerstört.

    Nachrichten | heute 19:00 Uhr:Syrien nach 13 Jahren Bürgerkrieg

    von Katrin Eigendorf
    Video1:28

  14. Der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa trifft sich heute mit Bundeskanzler Merz zu Gesprächen über den Wiederaufbau Syriens.

    Nachrichten | heute 19:00 Uhr:Merz empfängt umstrittenen Besucher

    von Daniel Pontzen
    Video1:46

  15. Beim letzten Besuch des syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa in Berlin fanden zahlreiche Kundgebungen für und gegen das syrische Übergangsregime statt.

    Nachrichten | heute:Umstrittener Staatsbesuch

    von Daniel Pontzen
    Video1:47

  16. Berlin: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU, r) und Ahmed al-Scharaa, Präsident der syrischen Übergangsregierung, während einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt.

Mehr zu Syrien

  1. Mann zwischen Trümmern in der syrischen Provinz Idlib

    Nachrichten | Thema:Syrien


  2. Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak hinter Grenzmauer an polnisch-weißrussischer Grenze

    Migrationsexperte zu Assad-Sturz:Flüchtlingssituation: Chance auf Entspannung?

    mit Video2:43

  3. Baschar al-Assad, der entmachtete syrische Präsident bei einem früheren Treffen mit Russlands Präsident Putin in Moskau

    Nach Umsturz in Syrien:Assad und Familie offenbar in Moskau

    mit Video2:43

  4. Assad und Putin im Jahr 2017

    ZDF-Korrespondent zu Assad-Sturz:"Für Russland ist das Ganze eine Blamage"

    mit Video2:45

  5. Israelische Panzerfahrzeuge parken entlang der sogenannten Alpha-Linie, die die von Israel annektierten Golanhöhen von Syrien trennt, nach dem Sturz des bisherigen syrischen Machthabers al-Assad.

  6. Nach Sturz des syrischen Regimes - Essen zeigen Syrer Siegeszeichen

  7.  Das Bild zeigt den Kopf des einstigen Al Kaida-Kommandanten Abu Mohammad al-Dschaulani in einem Rückspiegel eines Wagens.

    Anführer der Rebellenmiliz:Al-Dschulani: Der neue starke Mann in Syrien?

    mit Video1:35

  8. Rebellenkämpfer stellt Fuß auf Kopf einer gestürzten Statue von Bashar al-Assad
    FAQ

  9. Bürgerkrieg in Syrien
    Interview