Selenskyj im ZDF-Interview: Der Faktencheck zu seinen Aussagen

Faktencheck

Ukrainischer Präsident:Stimmten Wolodymyr Selenskyjs Aussagen im ZDF-Interview?

von Nils Metzger und Jan Schneider

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Im exklusiven ZDF-Interview sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj über die Folgen des Iran-Kriegs und sein Reformprogramm im Land. Die Aussagen im Check.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Gespräch mit ZDF-Moderatorin Maybrit Illner am Dienstag, den 14. April 2026, im Rahmen der deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen in Berlin.

Was bedeutet der Iran-Krieg für die Lage der Ukraine? Und wie ist das Verhältnis zu den USA und Deutschland? Antworten gibt der ukrainische Präsident im Exklusiv-Interview mit Maybrit Illner.

14.04.2026 | 36:11 min

Im exklusiven ZDF-Interview mit Maybrit Illner musste der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auch zu kritischen Themen Stellung nehmen - etwa dem Stand der politischen Reformen im eigenen Land und den weltweiten Auswirkungen der ukrainischen Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur. Was ist dran an den Aussagen? Der Faktencheck:

Keine Inflation in Europa durch ukrainische Energie-Angriffe?

Verschärfen ukrainische Angriffe auf Russlands Ölindustrie den Preisschock des Iran-Kriegs? Zuletzt hatte Selenskyj von entsprechenden Sorgen anderer Staaten berichtet. Er sei aufgefordert worden, die Angriffe zurückzufahren.

Im Interview wies Selenskyj nun einen Zusammenhang zwischen seiner Kampagne und steigenden Preisen in Europa zurück:

Die Energieinfrastruktur von Putin beeinflusst die Inflation nicht so stark, dass die Preise wachsen würden. Es ist nicht so, dass Russland großen Einfluss hat auf alles. Sie beeinflussen Preise in Europa gar nicht.

Wolodymyr Selenskyj, ukrainischer Präsident

Die Ukraine hat ihre Angriffe auf den russischen Energiesektor seit mehreren Wochen massiv ausgeweitet. Betroffen ist unter anderem der wichtige Exporthafen in Ust-Luga an der Ostsee.

Das russische Wirtschaftsportal "Kommersant" meldete am 9. April, dass die tägliche Exportmenge über die Terminals Ust-Luga und Primorsk in Folge der Angriffe um rund ein Drittel gefallen sei. Die Nachrichtenagentur Reuters berechnete Ende März, dass rund 40 Prozent der russischen Exportkapazitäten durch Drohnenangriffe beeinträchtigt seien.

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Die ukrainischen Angriffe haben also einen spürbaren Effekt. Aber verglichen mit den rund 700.000 Fass Öl, die zuvor täglich über Ust-Luga flossen, hat die Straße von Hormus mit rund 14 Millionen Fass Öl pro Tag im ersten Quartal 2025 eine ganz andere Dimension.

Die wichtigsten Abnehmer des Öls aus Ust-Luga sind laut "Kommersant" Indien (59 Prozent), die Türkei (16 Prozent) und China (13 Prozent). Die EU hat russisches Öl mit einem Teilembargo belegt. Laut der Statistikbehörde Eurostat importierte die EU im letzten Quartal 2025 noch Öl im Wert von 1,1 Milliarden Euro aus Russland. Abnehmer war primär Ungarn, das rund 90 Prozent seines Öls aus Russland bezog.

Im ersten Schritt sind die Auswirkungen vor allem dort am größten, wo das Öl nun nicht hin geliefert werden kann - dort müssen womöglich Tankstellen oder Betriebe schließen, wenn sie keine Ersatzlieferanten finden. Aber auch das durch Hormus fließende Öl geht primär nach Asien und trotzdem spüren wir die Folgen.

Die Karte zeigt die Straße von Hormus, eine Meerenge zwischen Oman, den VAE und Iran. Etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und verflüssigten Gases (LNG) muss durch die Straße von Hormus.

Denn die Preise an den Weltmärkten reagieren auf solche Schocks unmittelbar. Was oft vereinfacht als "der Ölpreis" gilt, sind tatsächlich viele verschiedene Preise. Das können verschiedene Ölsorten sein, oder sogenannte "Future"-Preise, also wie viel ein Fass Öl zu einem bestimmten Liefertermin in der Zukunft kosten wird. Solche Märkte sind komplex - wie groß der Effekt ausbleibender russischer Lieferungen in einem bestimmten Land ist, kann schwer exakt berechnet werden.

In seinen Lieferverträgen musste Russland wegen der internationalen Sanktionen teils deutliche Preisabschläge auf sein Öl hinnehmen, um genügend Abnehmer zu finden. Unternehmen, die nun kurzfristig andere Lieferanten suchen, müssen also womöglich deutlich mehr als vorher zahlen. Produktions- oder Logistikkosten weltweit steigen.

Verglichen mit den massiven Auswirkungen der Hormus-Blockade sind die russischen Lieferausfälle allein wegen der Mengenunterschiede in Europa weniger spürbar. Doch im Kleinen werden diese ausfallenden Lieferungen auch in Europa zu steigenden Kosten beitragen.

Florian Neuhann | ZDF-Wirtschaftsexperte

Das Entlastungspaket "hilft vor allem Menschen, die viel Auto fahren. Das sind Gutverdiener" - und das in Zeiten, in denen gespart werden müsste, berichtet der ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann.

14.04.2026 | 4:36 min

Ist die Ukraine wirklich Vorbild bei Reformen?

Im ZDF-Interview wurde Selenskyj auch zur Reformfähigkeit der Ukraine befragt. Mehrere Geldgeber des angegriffenen Landes hatten ihre Zahlungen mit Auflagen verbunden, darunter die Europäische Union, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds IWF. Selenskyj verteidigte seine Maßnahmen:

Die Ukraine setzt Reformen viel schneller um als irgendein anderes Land in Europa heutzutage, das Mitglied der Europäischen Union werden möchte.

Wolodymyr Selenskyj, ukrainischer Präsident

Diese Aussage ist nur teilweise richtig. Die sieben Bedingungen, die die EU-Kommission 2022 an die Vergabe des Kandidatenstatus geknüpft hatte - darunter Justizreformen, ein Oligarchengesetz und Veränderungen im Mediensektor - hat die Ukraine tatsächlich zügig abgearbeitet. So zügig, dass die Kommission bereits Ende 2023 grünes Licht für Beitrittsverhandlungen gab.

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14.04.2026 | 1:31 min

Selenskyj sagte im Interview ebenfalls, die EU-Anforderungsliste sei länger gewesen als die bei allen anderen Kandidaten. Dafür findet sich jedoch kein Beleg. Albanien oder Nordmazedonien müssen vor ihrem möglichen EU-Beitritt seit Jahren ähnliche umfangreiche Demokratie- und Rechtsstaatlichkeitsbedingungen zu erfüllen.

Zuletzt gab es aber auch kritischere Anmerkungen seitens der EU, nämlich rund um die sogenannte Ukraine-Fazilität: Bis 2027 stellt sie der Ukraine bis zu 50 Milliarden Euro in Zuschüssen und Darlehen zur Verfügung, davon sind bis zu 32 Milliarden Euro direkt an konkrete Reformfortschritte geknüpft - gebündelt im sogenannten Ukraine-Plan vom März 2024.

Die Zahlungen sollen so ablaufen: Die Ukraine stellt quartalsweise einen Zahlungsantrag, die EU-Kommission prüft, ob vereinbarte Reformindikatoren erfüllt wurden, und zahlt dann aus.

Bei der ersten regulären Zahlung im Sommer 2024 erfüllte die Ukraine neun Indikatoren zufriedenstellend, unter anderem Reformen in der öffentlichen Finanzverwaltung und im Energiesektor. Bei der dritten Zahlung im März 2025 waren es dreizehn Indikatoren, unter anderem in den Bereichen Verkehr, Landwirtschaft und Finanzen. Insgesamt wurden bis zur vierten Zahlung im August 2025 bereits über 22,7 Milliarden Euro im Rahmen der Ukraine-Fazilität ausgezahlt. Selenskyjs Aussage, dass die Ukraine Reformen durchführe, ist also nicht aus der Luft gegriffen.

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Im Oktober 2025 entschied die EU-Kommission über eine weitere Zahlung an Kiew im Rahmen der vierten und fünften Geld-Tranche. In drei Fällen hielt die EU jedoch Geld vorübergehend zurück, da die Prüfung der ukrainischen Maßnahmen negativ ausgefallen war. Konkret wurden Reformauflagen in den Bereichen Justiz, Korruptionsbekämpfung oder Wirtschaft nicht erfüllt. Diese Mittel sind nicht gestrichen, sondern können ausgezahlt werden, sobald die Ukraine die ausstehenden Reformen nachholt.

Hinzu kommen vier ausstehende Punkte beim Weltbank-Programm mit einer Frist bis zum 20. April. Und zwei noch nicht verabschiedete Steuergesetze als IWF-Bedingung für ein Acht-Milliarden-Dollar-Programm. Zu den ausstehenden Reformen gehören die Wahl der Richter für das Hohe Antikorruptionsgericht, die Reform der staatlichen Vermögensverwaltungsbehörde ARMA und die Ernennung des Leiters des Büros für wirtschaftliche Sicherheit.

Die Ukraine erfüllt also Reformen, zuletzt aber mit wachsendem Rückstand genau dort, wo es um Antikorruption und Justiz geht. Selenskyj versuchte die IWF-Auflagen im Interview als "keine Reformen, sondern Steuergesetze" umzudeuten. Die Kernfrage, warum vereinbarte Bedingungen trotz drohender Milliardenverluste nicht fristgerecht umgesetzt werden, blieb aber unbeantwortet.

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Über dieses Thema berichtete "maybrit illner" am 14.04.2026, online verfügbar ab 18:15 Uhr. Teile des Interviews werden in den aktuellen Nachrichtensendungen und am 16.04.2026 ab 22:15 Uhr im ZDF-Polittalk "maybrit illner" ausgestrahlt.

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