Vor Militärparade in Moskau:"Putin ist deutlich nervöser als früher"
Militärexperte Gressel erklärt, warum Putin die Sicherheitsmaßnahmen rund um den 9. Mai massiv hochgefahren hat - und welche Chancen sich daraus für die Ukraine ergeben könnten.
Angesichts ukrainischer Drohnenangriffe tief in Russland sei man in Moskau vor dem 9. Mai in Sorge, so Militärexperte Gustav Gressel. Der Kreml nehme die mögliche Bedrohung ernst.
07.05.2026 | 23:27 minRusslands Präsident Wladimir Putin lässt Teile der Flugabwehr von der Front nach Moskau und St. Petersburg verlegen, um die diesjährige Militärparade zum 9. Mai abzusichern. Für den österreichischen Militäranalysten Gustav Gressel ist das ein Zeichen wachsender Unsicherheit im Kreml.
"Putin ist nach viereinhalb Jahren Krieg deutlich nervöser als früher", sagte Gressel bei ZDFheute live. Der Krieg laufe nicht in Richtung Sieg, und viele Russen fragten sich, wofür "weit über eine Million Mann Verluste für Gebietsgewinne im ländlichen Raum in der Ukraine" stünden. Hinzu kämen Debatten über eine mögliche weitere Teilmobilmachung - Maßnahmen, die vor allem in den großen Städten unpopulär seien.
- Kreml fürchtet Drohnenangriffe: Parade in Moskau erstmals ohne Militärfahrzeuge
Abgezogene Flugabwehr eröffnet der Ukraine Spielraum
Die Konzentration von Luftabwehrsystemen rund um die beiden Paradestädte hat nach Einschätzung Gressels eine militärische Kehrseite: Ziele im übrigen russischen Staatsgebiet - darunter Rüstungsbetriebe und Munitionsdepots - seien nun schlechter geschützt als sonst.
Die Verdichtung von Fliegerabwehrmitteln jetzt um die zwei großen Paradestädte kann der Ukraine durchaus die Möglichkeit eröffnen, jetzt nicht mehr so gut oder gar nicht mehr verteidigte militärische oder rüstungsindustrielle Ziele im Rest des russischen Staatsgebietes leichter angreifen zu können.
Gustav Gressel, Militäranalyst
Konkrete Hinweise auf ukrainische Vorbereitungen gebe es derzeit zwar nicht - aber es wäre "geradezu überraschend, wenn sie die Gelegenheit auslassen würde".
… ist Politikwissenschaftler und Hauptlehroffizier an der Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres. Er beschäftigt sich mit sicherheitspolitischen und militärstrategischen Fragen mit Fokus auf Osteuropa und Russland. Von 2014 bis 2024 war Gressel beim European Council on Foreign Relations in Berlin. Vor seiner wissenschaftlichen Laufbahn war Gressel unter anderem mehrere Jahre in militärischen Diensten in seiner Heimat Österreich. Seine Offiziersausbildung absolvierte er an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Ukraine greift tief im russischen Hinterland an
Seit Ende des vergangenen Jahres gelingt es der Ukraine zunehmend, Ziele bis zu 1.500 Kilometer hinter der Grenze anzugreifen - darunter Ölanlagen und Militärinfrastruktur. Gressel führt das auf eine systematische Entwicklung ukrainischer Langstreckendrohnen zurück, die gezielt russische Flugabwehrsysteme ausschalten. Die Bilanz:
Über den Zeitraum vom Spätherbst letzten Jahres bis zur Gegenwart hat die Ukraine deutlich mehr russische Flugabwehrsysteme ausgeschaltet, als die Russische Föderation produzieren kann.
Gustav Gressel, Militäranalyst
Das verschaffe günstigeren Waffensystemen wie dem Marschflugkörper Flamingo mehr Durchschlagskraft: Werde erst eine Lücke in die russische Luftabwehr geschossen, komme man "mit dem auch ganz gut durch".
Putin soll aus Angst vor Attentaten und Putschversuchen viel Zeit in Bunkern verbringen. Und in Russland wächst der Unmut: Die Wirtschaft schwächelt, der Krieg gegen die Ukraine zieht sich hin.
07.05.2026 | 41:45 minDrohnenangriff auf Moskauer Hochhaus kein Erfolg für Kiew
Ein Drohnenangriff, der zuletzt ein Hochhaus nahe dem Kreml traf, wertet Gressel nicht als Erfolgsmeldung für die Ukraine. Die Drohne sei durch russische elektronische Kampfführung gestört worden und sei "blind durch die Gegend" geflogen. Eigentliches Ziel sei ein Rüstungsunternehmen in einem Moskauer Vorort gewesen. Der Vorfall zeige vielmehr, "wie schwierig es ist, in Moskau durchzukommen."
Gressel betont auch, ein symbolischer Angriff auf die Parade bringe der Ukraine keinen strukturellen Vorteil. Wichtiger sei es, russische Produktionskapazitäten für Raketen und Munition zu zerstören - "bevor sie abgefeuert wurden".
Im Krieg gegen Russland macht die Ukraine aus ihrer Sicht wichtige Fortschritte. Welche Folgen das für das Machtverhältnis insgesamt hat, erklären die ZDF-Korrespondenten.
07.05.2026 | 10:38 minExperte: Einschüchterungsversuche aus Russland
Moskau hat im Vorfeld der Parade nochmal verbal aufgerüstet: Die russischen Warnungen, ausländische Botschaften in Kiew sollten evakuiert werden, ordnet Gressel als Einschüchterung ein. Russland wolle verhindern, dass die Ukraine die Parade stört, und richte die Drohungen "auch an die Adresse der Europäer, um nochmal zu unterstreichen, dass Russland es ernst meint mit einem Schlag auf Kiew".
Eine größere Eskalation oder gar ein nukleares Gegenschlagsszenario - sollte zum Beispiel der Kreml oder die Präsidentschaftstribüne bei der Parade getroffen werden - hält Gressel für wenig wahrscheinlich, schließt es aber nicht vollständig aus.
Er verweist darauf, dass China einem Einsatz von Atomwaffen entschieden entgegenstehe - aus Sorge, das nukleare Tabu könnte auch andere Staaten in der Region zum Griff nach der Bombe verleiten.
Das Interview führte Barbara Parente, Zusammenfassung von Jan Schneider.
Wichtiger Hinweis in eigener Sache
Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.
Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.
Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog: