Frauenmorde im Austragungsland der WM:Femizide: Mexikos verlorene Töchter
von Matthias Pupat
Femizide sind in Mexiko, einem der Gastgeberländer der diesjährigen Fußball-WM, trauriger Alltag. Besonders skandalös ist, dass die Täter sehr oft ungestraft davonkommen.
In Mexiko werden im Schnitt zehn Frauen pro Tag getötet, meist von ihren Partnern. Die Ursachen sind vielfältig. Hinzu kommt Straflosigkeit: Nur 10 Prozent der Morde werden aufgeklärt.
13.05.2026 | 9:07 minZehn Frauen werden in Mexiko im Schnitt jeden Tag ermordet. Das Land weiß um die Größe des Problems und findet doch keine Antworten. Obwohl die Gesetze in den vergangenen Jahren mehrfach verschärft wurden, ist keine Lösung in Sicht.
Ermittlungen, die zu keinem Ergebnis führen
Die Journalistin Brenda Martinez recherchiert seit Jahren zu Femiziden - also Tötungen von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts. Sie kennt die Gründe, warum die Täter so oft ungestraft davonkommen: dilettantische Ermittlungen, inkompetente Behörden und korrupte Staatsanwälte - all das begegne ihr immer wieder, erzählt sie.
Alle zehn Minuten wird weltweit eine Frau durch Gewalt in Partnerschaft oder Familie getötet. Darauf macht der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen aufmerksam.
25.11.2025 | 1:41 minExemplarisch ist der Fall von Daniela. Die Juristin aus Mexiko-Stadt starb in der Silvesternacht 2022, erlangte traurige Bekanntheit als erster Femizidfall im neuen Jahr. Seit über 1.000 Tagen ermitteln die Behörden - ohne dass jemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Ihre Mutter Ana Torres macht den Behörden schwere Vorwürfe: "Die Behörden kommen einfach nicht voran. Erst hieß es Selbstmord, dann: ein 'Unfall'."
"Man wird traumatisiert und verletzt"
Doch tatsächlich sei ihre Tochter mit eingeschlagenem Schädel und durchschnittener Kehle aufgefunden worden. Selbstmord? Ein Unfall? Praktisch ausgeschlossen. Mutter Ana Torres kämpft weiter um Gerechtigkeit. "Man wird traumatisiert und verletzt, kommt weinend nach Hause - nur um am Ende keine Antwort zu bekommen", schildert sie ihre Verzweiflung.
Die meisten Frauenmorde in Mexiko werden nicht aufgeklärt: Mit der Trauer um einen geliebten Menschen gehen Unverständnis und Wut gegenüber der Justiz einher.
Quelle: ZDFAna Torres ist sich sicher, dass die Familie des Ex-Freundes ihrer Tochter hinter der Tötung steckt. Denn dort habe Daniela Silvester gefeiert, und Nachbarn hätten lauten Streit aus der Wohnung gehört.
104 getötete Frauen, drei Geschichten: Angehörige, Kinder und Freunde berichten - die Doku mit Jochen Breyer deckt Muster, Warnsignale und Versäumnisse auf.
25.11.2025 | 43:37 minFemizide: "Die Straflosigkeit verstärkt die Gewalt nur"
Ein typischer Fall, meint die Journalistin Martinez. Neun von zehn Morden in Mexiko bleiben ohne Aufklärung.
Viele Täter erleben, dass es in diesem Land kaum Konsequenzen gibt. Die weitverbreitete Straflosigkeit verstärkt die Gewalt nur.
Brenda Martinez, Journalistin
Korruption, gepaart mit oft dilettantisch und desinteressiert ermittelnden Behörden - für den Gastgeber der kommenden WM eine erschreckende Bilanz.
Mexiko ist ohnehin chronisch von Gewalt geplagt: Allein im Kampf des Staates gegen die mächtigen Drogenkartelle starben in den vergangenen 20 Jahren rund 450.000 Personen gewaltsam. Die Hemmschwelle, Gewalt auch gegen Frauen anzuwenden, ist oft niedrig.
Zum Vergleich: Die Zahl der Femizide in Deutschland liegt im Schnitt bei etwa 150 Fällen pro Jahr - auch in Abhängigkeit von der genauen Definition.
Der Machismo ist eine wesentliche Ursache
Die Ursachen für die Femizide seien vielfältig, sagt Brenda Martinez: "Eine wichtige Rolle spielt der Machismo, also die Vorstellung der männlichen Überlegenheit, Macht über Körper und Leben einer anderen Person zu haben, sie zu besitzen oder als Objekt zu betrachten." Auch Verrohung, Armut und wirtschaftlicher Existenzdruck seien wesentliche Faktoren.
Jennifer Weist spricht über Gewalt in Beziehungen und gibt Betroffenen eine Stimme. Wie entkommt man toxischen Mustern? Welche Therapien und Hilfen gibt es für Opfer und Täter?
27.11.2025 | 43:30 minÜbergriff auf die Präsidentin
Seit gut eineinhalb Jahren wird Mexiko erstmals in seiner Geschichte von einer Frau regiert. Doch selbst Präsidentin Claudia Sheinbaum wurde schon Opfer eines Übergriffs, als ihr im Herbst ein fremder Mann in aller Öffentlichkeit an die Brust fasste.
Wir hoffen, dass die Präsidentin uns unterstützt. Auch weil sie selbst erfahren hat, wie verletzlich Frauen auf offener Straße sind.
Brenda Martinez, Journalistin
Hoffnung machen Projekte wie das von Dayra Fyah. Die 38-Jährige suchte einen Selbstverteidigungskurs, als ihre Tochter anfing, auszugehen. Doch es gab keinen, also nahm sie die Dinge selbst in die Hand. Nun bringt sie den Frauen in ihrer Wohngegend bei, wie sie sich wehren können. Sei es durch Flucht, verbal oder zur Not auch körperlich.
Selbstverteidigung in einem System der Gewalt: In Mexiko lernen Frauen, sich gegen alltägliche Bedrohungen zu wehren.
Quelle: ZDF"Mexiko opfert seine Töchter"
Kein Opfer mehr sein - das ist Fyahs Motto: "Wir alle wollen nicht dauerhaft in diesen Zuständen von Gewalt leben. Sondern wir sagen: Wir halten zusammen, und gemeinsam können wir Dinge verändern. Wir sind im Kampf, wir sind im Widerstand."
Fast jeden Tag stirbt eine Frau durch einen Mann. In Spanien geht die Polizei gezielt mit einer Risikobewertungs-Software, viel Berufserfahrung und Fußfesseln gegen drohende Femizide vor.
21.11.2025 | 1:56 minMexiko opfere seine Töchter Tag für Tag, sagt sie. Doch die Geschichte dürfe sich nicht immer wiederholen. Und dafür müssten die Frauen des Landes mit Stärke und Mut vorangehen.
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