Vizechefin des EU-Parlaments bei "Lanz":Barley: Europa kann nicht ad hoc gemeinsame Armee stellen
von Bernd Bachran
Katarina Barley erklärt bei "Markus Lanz", warum Europa keine Armee aus dem Stand bilden kann. Sicherheitsexpertin Claudia Major warnt vor anhaltendem Rüstungsnationalismus.
Sehen Sie hier die Sendung "Markus Lanz" vom 03. Februar in voller Länge.
03.02.2026 | 74:36 min"Die Europäische Union ist kein Staat." Mit dieser Feststellung der Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Katarina Barley, am Dienstagabend bei "Markus Lanz" wurde ein zentrales Problem der EU klar: mangelnde Einigkeit, die sie in der Vergangenheit immer wieder handlungsunfähig gemacht hat.
Barley erklärte, die EU könne nur in den Bereichen handeln, in denen die Mitgliedstaaten ihr entsprechende Kompetenzen übertragen hätten. Dort, etwa in der Wirtschafts- und Handelspolitik sowie im Verbraucherschutz, arbeite die Europäische Union effektiv.
Aber es braucht dann immer diese riesigen Krisen, bis die Mitgliedstaaten feststellen, dass sie vielleicht doch ein bisschen mehr europäisieren müssten.
Katarina Barley, Vizepräsidentin des EU-Parlaments
Barley: Europa kann nicht ad hoc gemeinsame Armee stellen
Die Europäische Union sei, so die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, durch die Bankenkrise, die Coronakrise und die Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs geeinter als zuvor. Allerdings sah auch Katarina Barley noch großen Handlungsbedarf beim "Kardinalbereich" Verteidigung.
In diesem Bereich hätten die Mitgliedstaaten bisher immer gesagt: "Finger weg, Europa! Das ist nicht für euch. Damit habt ihr nichts zu tun." Daher könne man auch jetzt nicht verlangen, dass Europa "von Null auf Hundert" eine gemeinsame Armee stellen kann.
"Die Nato ist nicht geeignet, um sich intern abzustimmen", sagt Sicherheitsexpertin Stefanie Babst. Europäer und Kanadier bräuchten einen anderen Raum, um Handlungsoptionen gegenüber den USA zu besprechen.
20.01.2026 | 5:49 minSicherheitsexpertin: "Rüstungsnationalismus" noch nicht überwunden
Die Politikwissenschaftlerin und Sicherheitsexpertin Claudia Major sprach in diesem Zusammenhang von "Rüstungsnationalismus" und erklärte, dieser sei noch nicht überwunden. In Europa sei bei der Beschaffung von militärischem Material die Tendenz ihrer Ansicht nach immer noch national statt europäisch.
"Das heißt, die Staaten kaufen zuallererst national, dann ein bisschen europäisch und dann ein bisschen amerikanisch." Daher könne man auch nicht pauschal sagen "wir hängen komplett von den Amerikanern ab, sondern das hängt von den verschiedenen Bereichen ab".
Die EU-Außenbeauftragte Kallas hat sich in Berlin mit Bundesverteidigungsminister Pistorius getroffen. Dort sprachen sie über die Stärkung der europäischen Verteidigung.
13.01.2026 | 0:28 minClaudia Major sprach davon, dass sich die europäischen Mitgliedstaaten eine Frage stellen und dann natürlich auch beantworten müssen: Was ist unser Ziel? Besonders angesichts dessen, "dass Russland aufrüstet und Russland nicht nur die Ukraine auf der Karte hat, sondern sich ganz explizit gegen Europa richtet".
Ist unser Ziel als Europäer zuerst eigenständig zu werden, unabhängig von den USA oder ist unser Ziel, so schnell wie möglich militärisch handlungsfähig zu sein?
Claudia Major, Sicherheitsexpertin
Major sagte, wenn die Europäer schnell handlungsfähig werden wollten, würden sie amerikanisch, international und europäisch kaufen müssen. Wenn das Ziel sei, sich zuallererst von den Amerikanern unabhängig zu machen, werde das alles viel länger dauern, weil unter anderem die Lieferketten komplett vermischt seien und es viele bestehende Kooperationen gebe.
Bundesfinanzminister Klingbeil will mehr Geld für Verteidigung bei europäischen Anbietern ausgeben. Europa müsse effektiver und lokaler investieren, so Klingbeil bei seinem Besuch in Warschau.
02.02.2026 | 0:47 minMajor: Russland zerstört Lebensgrundlagen der Ukrainer
Die Sicherheitsexpertin nahm bei "Markus Lanz" auch zur aktuellen Situation in der Ukraine Stellung und erklärte, Russland zerstöre seit 2022 systematisch die Lebensgrundlagen der ukrainischen Zivilbevölkerung.
Es sei kein Zufall, dass in jedem Winter und über die gesamte Zeit die Energieinfrastruktur zerstört worden sei und ebenso andere Grundlagen für alles, was Zivilisten bräuchten - vom Krankenhaus bis zur Schule.
Politikwissenschaftlerin spricht von Entvölkerung
Was Russland damit bezwecke, sei unter anderem eine Entvölkerung.
Das Land wird in den wirtschaftlichen Ruin bombardiert.
Claudia Major, Sicherheitsexpertin
Und so werde den Ukrainern die Lebensgrundlage entzogen. Russland hoffe, so Claudia Major, damit die ukrainische Bevölkerung zu zermürben. Aber "noch bleiben die Kiewer, noch bleiben die Ukrainer".
Unmittelbar vor neuen Friedensgesprächen hat Russland die Ukraine großflächig angegriffen – hunderttausende sind ohne Strom und Heizung. Henner Hebestreit berichtet aus Charkiw.
03.02.2026 | 1:06 minMajor erklärte, dieser Winter sei besonders hart, da große Teile der Infrastruktur bereits zerstört seien, nächtliche Angriffe mit Drohnen und Raketen zugenommen hätten und Ersatzteile zunehmend fehlten. Zudem erschwerten Temperaturen von minus 15 bis 20 Grad notwendige Reparaturen erheblich.
Von vielen ukrainischen Freunden höre Claudia Major: "Diesen Winter kriegen wir noch hin, den nächsten wahrscheinlich nicht mehr."
Mehr zur Ukraine
Gespräche ab Mittwoch geplant:Ukraine: Massive Angriffe vor neuer Verhandlungsrunde
mit Video1:33Moskau kritisiert Unterstützung für Kiew:Wadephul: "Billiger Ablenkungsversuch Russlands"
mit Video0:16Angriffe auf Energieinfrastruktur:Party auf dem Eis: Wie sie in Kiew Putins Kälteterror trotzen
von Henner Hebestreitmit Video1:47IT-Panne bei russischen Behörden:So grausam behandelt Russland seine eigenen Soldaten
von Sebastian Ehmmit Video6:32