Einfluss des Kriegs auf Landwirtschaft:Ukraine: Gefüllte Getreidespeicher - und keine Absatzmärkte
von Henner Hebestreit
Die Getreideernte in der Ukraine ist gut ausgefallen. Aber die Bauern werden die Erträge kaum los. Woran das liegt und was sie künftig brauchen, um die Bevölkerung zu ernähren.
Dank riesiger Felder und fruchtbarer Böden gilt die Ukraine als Kornkammer der Welt. Doch der Krieg erschwert die Getreideexporte über das Meer und den Landweg zunehmend.
05.09.2026 | 1:34 min
Entlang der ukrainischen Schwarzmeer-Küste knattern Trecker über abgeerntete Stoppelfelder, ziehen lange Staubwolken hinter sich her. Der Boden ist knorretrocken. Trotzdem sind die Landwirte zufrieden mit der Ernte.
"Wir werden in diesem Jahr 85 Millionen Tonnen an Getreide und Ölsaaten einfahren", erwartet Pawlo Martyschew, an der "Kyiv School of Economics" stellvertretender Leiter des Agrarzentrums. Das ist für ukrainische Verhältnisse eine durchschnittliche Ernte, aber die größte seit Beginn der russischen Invasion.
Seit einer Woche stehe vor allem die Lagerinfrastruktur unter Beschuss, so ZDF-Reporter Henner Hebestreit in der Ukraine. Es könne zu kurzfristigen Engpässen kommen, räume auch die Regierung ein.
03.09.2026 | 6:00 minKein Getreide-Export möglich
In den vergangenen beiden Jahren litt die Ukraine dazu unter einer erheblichen Dürre. 2026 aber steht sie aber vor einem ganz anderen Problem:
Wir können das Exportpotential von etwa 50 Millionen Tonnen Getreide nicht auf den Weltmarkt bringen.
Pawlo Maryschew, Kyiv School of Economics
Das berichtet Martyschew im ZDF-Interview. "Ursache sind Angriffe auf die Hafeninfrastruktur - unsere Tiefwasserhäfen sind faktisch geschlossen."
Russlands Militär bombardiert systematisch ukrainische Häfen und Getreideexporte im Schwarzen Meer. Dadurch steigen auch die weltweiten Lebensmittelpreise.
14.08.2026 | 1:44 minNeue Taktik Russlands erschwert Export
Im zentralen Hafen von Odessa wurden in den vergangenen Jahren trotz Krieg noch große Mengen an Getreide verladen. Doch Russland hat seine Taktik verändert, greift jetzt Schiffe und Häfen an.
Der zweite große Seehafen in der Region Tschornomorsk südlich von Odessa wird fast jede Nacht angegriffen. Und auch der LKW-Transport an die Donauhäfen ist kaum noch eine Alternative: Die LKW werden gezielt angegriffen.
Russland und Ukraine greifen gegenseitig die Infrastruktur an. In Odessa hat Russland die Stromversorgung, die Abwasserversorgung und die Häfen getroffen. Der Ukraine gehen die Abwehrkräfte aus.
10.08.2026 | 2:22 minUnd wenn sie es bis zur Donau schaffen, hören die Probleme nicht auf. "Der Wasserstand der Donau ist extrem niedrig. Die Schiffe können nicht voll beladen werden", so Wissenschaftler Martyschew. Mitteleuropas regenarmer Sommer wirkt sich bis ans Schwarze Meer aus.
Russische Drohnen treffen Logistikzentren bei Kiew. Wie leicht die Geschosse die ukrainische Luftabwehr überwinden sei "in der Tat neu", berichtet Henner Hebestreit aus Kiew.
21.08.2026 | 2:03 minBauern geht das Geld aus
Die ukrainischen Landwirte stellt der schwierige Absatz ihrer Erzeugnisse vor riesige Probleme. "Wir können landesweit maximal 25 Prozent der Ernte exportieren. Viele Betriebe haben kein Geld mehr, um die Felder für das nächste Jahr zu bestellen", warnt Martyschew.
Oleksandr Tatarov, Bauer zwischen Mykolayew und Cherson, kämpft genau mit diesem Problem: "Unsere aktuelle Ernte können wir nicht verkaufen, die aufgelaufenen Kreditverpflichtungen, die Pacht für das Land - alles wird ständig teurer."
Wir haben keine Rücklagen mehr, um das auszuhalten.
Oleksandr Tatarov, Bauer
Sein Getreide und die Ölsaaten lagert er dezentral, um sie vor russischem Beschuss zu schützen, in langen Reihen unter Folien auf den leeren Feldern, auf seinem Hof oder in kleinen Scheunen. Die beiden großen Silos in Sichtweite seines Hofes sind nur noch Ruinen.
Marlena wird in Odessa eingeschult. Nach russischen Angriffen beginnt ihr erster Schultag im Schutzkeller. Viele Schulen setzen wegen des Krieges weiter auf Homeschooling.
01.09.2026 | 2:25 minSorge vor Ablehnung durch EU-Staaten
Der Export per Lastwagen in die benachbarten EU-Staaten ist für ihn keine Lösung: "Der Kraftstoff ist sehr teuer geworden, die LKWs stauen sich an den Grenzen und werden nur zögerlich durchgelassen", sagt Tatarov.
Er vermutet Absicht dahinter. "Viele EU-Staaten sind starke Spieler auf dem Landwirtschaftsmarkt. Aus wirtschaftlicher Sicht denke ich, dass sie uns auf ihrem Markt nicht haben wollen." Seine Beobachtung steht im krassen Gegensatz zu den Bekundungen der europäischen Partner, die der Ukraine immer wieder eine europäische Perspektive in Aussicht stellen.
Beim Treffen in Irland gab es „Solidaritätsbekundungen“, sagt ZDF-Korrespondentin Isabelle Schaefers. Mittlerweile seien eigentlich „alle Länder in Europa von hybriden Angriffen oder auch Drohnenvorfällen betroffen“.
02.09.2026 | 2:03 minLandwirt Tatarov schüttelt den Kopf und sagt: "Derjenige, der die Herzen der Ukraine erobert, wird viel stärker werden und in der Zukunft gut geschützt sein. Wir können ein sehr starker Partner sein für jeden Staat, der mit uns arbeitet."
Nach dem versuchten Anschlag auf den Leipziger Flughafen hat Deutschland ein härteres Vorgehen gegen die Schattenflotte angekündigt. Droht eine Konfrontation in der Ostsee? ZDF heute live
03.09.2026 | 35:08 minZur Rettung seines Betriebs ist er dabei, seinen Betrieb auf Erzeugnisse für den ukrainischen Binnenmarkt umzustellen: In einfachen Plastik-Gewächshäusern baut er Gurken, Paprika und Tomaten an.
Sorge vor Hungersnöten und Massenmigration
Wenn ihm und anderen Landwirten in der Ukraine der Export weiterhin schwer gemacht wird, gehen dem Weltmarkt 50 Millionen Tonnen Getreide verloren. Experten befürchten bereits Hungersnöte und dadurch ausgelöste neue Massenmigration. So wird Getreide zur Waffe.
Henner Hebestreit ist Studioleiter des ZDF-Studios in Kiel und berichtet zurzeit als Reporter aus Odessa.
Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog: