Luftangriffe auf Nachbarland:Wie Israel Syriens Machtvakuum ausnutzt
Israel bestätigt, Hunderte Luftangriffe auf Syrien geflogen zu haben. Wie Israel das "kurzfristige Machtvakuum" nutzt - und welche Ziele die israelische Führung verfolgt.
Seit dem Sturz von Baschar al-Assad hat Israel die Intensität seiner Luftangriffe auf Syrien drastisch erhöht. Die israelische Armee hatte mitgeteilt, sie habe "einen Großteil der strategischen Waffenlager" im Nachbarland ins Visier genommen.
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu bestätigte am Abend: Er habe die "Bombardierung strategischer militärischer Einrichtungen des syrischen Militärs" genehmigt.
Terrorismusexperte Peter Neumann geht davon aus, dass Israel dadurch in den letzten 24 Stunden bis zu 80 Prozent der syrischen Militärinfrastruktur zerstört hat - darunter Raketenstellungen, Luftstützpunkte und mögliche Produktionsstätten chemischer Waffen.
Experte: Neue Machthaber für Israel "unbekannte Größe"
Damit wolle Israel sicherstellen, dass von seinem Nachbarland, das immer wieder von Israels Feinden Iran und der Hisbollah-Miliz unterstützt wurde, keine Bedrohung mehr ausgehe. Auch vor dem Hintergrund der Ungewissheit, welche künftige Führung in Syrien an die Macht komme.
"Assad war ein Verbündeter des Iran, er wurde von der Hisbollah unterstützt. Er war ein verbitterter Feind von Israel", erklärt Neumann im ZDF heute journal. Aus Israels Sicht sei es deswegen "natürlich gut, dass Assad weg ist".
Aber er war natürlich auch der Teufel, den sie gekannt haben. Jetzt haben wir eine unbekannte Größe. Man weiß nicht, wo die Fahrt hingeht.
Peter Neumann, Terrorismusexperte
Die Übergangsregierung in Syrien nimmt Gestalt an. Doch Zweifel an echter Freiheit bleiben, während Israel und die Türkei ihre Machtinteressen mit Gewalt verfolgen. Über die aktuelle Lage in Syrien berichtet Anna Feist.
11.12.2024 | 2:33 minKonfliktforscher: Israel nutzt Machtvakuum
Deswegen nutze "Israel das kurzfristige Machtvakuum", das in Syrien da ist, analysiert Stephan Stetter von der Bundeswehr-Universität in München im ZDF. "Israel hat jetzt Luftangriffe fliegen können, die wären früher viel schwieriger gewesen" - auch da man Russland hätte um Erlaubnis fragen müssen. Der Faktor falle jetzt weg.
Israel habe durch den Sturz Assads in der ganzen Region nun "ein wenig ein Momentum", da auch die Hisbollah und der Iran "massiv geschwächt wurden", so der Konfliktforscher.
Und das will Israel jetzt erst mal nutzen.
Stephan Stetter, Politologe
Im Prinzip sei die Motivation der israelischen Führung: "Egal, wer da in Syrien in Zukunft regiert - für Israel wird das keine Gefahr mehr sein", bilanziert Islamismusforscher Neumann.
Experte: Iran konnte Assad "offensichtlich" nicht unterstützen
Der Fall des syrischen Regimes schwäche "wahrscheinlich" auch den Iran. Damit sei ein weiteres wichtiges Teilziel Israels erreicht, erklärt der Islamismus-Experte. In der ausgeblieben Unterstützung Assads durch den Iran und die Hisbollah liege auch der Grund, warum der Machthaber schneller gestürzt sei, als viele erwartet hätten.
Zu dieser Unterstützung sei der Iran ganz offensichtlich nicht in der Lage gewesen. "Das bedeutet, dass der Iran möglicherweise schwächer ist, als viele denken." Viele im Iran hätten das auch registriert. Viele Iraner bemerkten wahrscheinlich jetzt, auf welch "tönernen Füßen dieses Regime steht".
Es ist vielleicht auch nur eine Frage der Zeit, bis der Funke dann auch auf den Iran überspringt, und die Iranerinnen und Iraner dann auch in ihrem eigenen Land versuchen, die Diktatur loszuwerden.
Peter Neumann, Terrorismusexperte
Syrien befindet sich im Umbruch.
Quelle: dpaIsraelische Armee: Mehr als 480 Ziele angegriffen
Die israelische Armee hatte nach eigenen Angaben seit Sonntag mehr als 480 militärische Ziele in Syrien angegriffen. Nach Worten von Verteidigungsminister Israel Katz soll das Militär in Südsyrien eine entmilitarisierte Zone schaffen.
Er habe die Armee angewiesen, eine "Verteidigungszone" ohne dauerhafte israelische Präsenz im Süden Syriens einzurichten. So solle verhindert werden, dass Terrorismus in Syrien Wurzeln schlage und sich organisiere.
Netanjahu warnt neues Regime in Syrien
Netanjahu hatte betont, Israel wolle sich nicht in die inneren Angelegenheiten Syriens einmischen. Aber er richtete eine scharfe Warnung an die Rebellen: "Wenn das neue Regime in Syrien dem Iran erlaubt, sich wieder zu etablieren, oder den Transport iranischer Waffen an die Hisbollah zulässt, werden wir energisch reagieren und einen hohen Preis fordern."
Die US-Regierung hat sich zurückhaltend über Israels Vorgehen in Syrien geäußert. "Wir erkennen selbstverständlich an, dass Israel in einer schwierigen Nachbarschaft lebt und - wie immer - das Recht hat, sich zu verteidigen", sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates der USA, John Kirby. Man wolle aber nicht, "dass irgendein Akteur auf eine Weise handelt, die es dem syrischen Volk erschwert, eine legitime Regierung zu erlangen".
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