Experte Gerlach zu Sorge der Golfstaaten:Golfstaaten nicht willens, "Krieg gegen Iran zu führen"
Trotz Angriffe Irans auf die Golfstaaten ist dort die Gegenwehr bisher ausgeblieben. Welche Sorge und welche Strategie dahinter steckt erläutert Nahost-Experte Gerlach.
Die Golfstaaten hielten Iran für einen mächtigen und gefährlichen Nachbarn, erklärt Nahost-Experte Gerlach. Derzeit versuchten die Länder zu verhindern, aktive Kriegspartei zu werden.
16.03.2026 | 28:53 minSeit Beginn des Iran-Krieges hat die Islamische Republik ihre Nachbarstaaten wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate mit Drohnen und Raketen angegriffen, obwohl sie keine Kriegspartei sind. Bisher gab es keine Gegenreaktion. Nahost-Experte Daniel Gerlach analysiert bei ZDFheute live die Gründe.
Wichtigster Grund ist für Gerlach die Haltung gegenüber den USA. Die Golfstaaten hätten zwar in den letzten Jahren militärisch aufgerüstet. "Aber die Logik bei einem Großteil der arabischen Staaten war immer: die amerikanische Militärpräsenz schützt uns", erklärt Gerlach. Die Präsenz der US-Truppen sei "Garantie dafür", dass man nicht angegriffen werde. Und wenn, dann würde man verteidigt werden. Doch nun verkehre sich diese Logik ins Gegenteil: "Die Golfstaaten werden angegriffen, weil sie amerikanische Truppen beherbergen."
Logik Irans: Alle werden "mitreingezogen"
Teil der Logik Irans sei wiederum: Wenn man angegriffen werde, würden alle mitreingezogen. Diese Logik bestätige sich etwa bei Oman, das sogar als Verhandler zwischen USA und Iran fungierte.
Das selbst ein Land wie Oman angegriffen wird, an einer solch sensiblen Stelle, das spricht für die iranische Logik: 'Wir ziehen im Zweifelsfall die ganze Region mit in den Abgrund.'
Daniel Gerlach, Nahostexperte
Für Länder wie Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate wäre zwar ein militärisches Eingreifen möglich. Doch obwohl es massive Angriffe gegeben habe, wisse man: "Im Vergleich zu dem, was Iran angedroht hat und tun könnte mit seinem massiven Raketenarsenal - immer noch - ist das relativ wenig". Und dann könnten auch zivile Ziele in Mitleidenschaft gezogen werden.
Während Irans Angriffe auf die Golfstaaten anhalten, bleibt eine militärische Reaktion dieser Länder aus. Woran das liegt, erklärt Nahost-Experte Gerlach bei ZDFheute live.
16.03.2026 | 40:29 minMit Iran "auch nach dem Ende des Krieges" zusammenleben
Als weiteren Grund sieht Gerlach die Langfristigkeit der Strategie und die Verwundbarkeit: "Man weiß, dass man mit Iran auch nach dem Ende des Krieges zusammenleben muss." Man halte Iran für einen "mächtigen, gefährlichen Nachbarn". Das Geschäftsmodell basiere auf Tourismus, Welthandel oder Energieexport. Wenn die Golfstaaten als Kriegspartei wahrgenommen würden, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Krieg sich fortsetze.
Zudem sei der Krieg in der öffentlichen Meinung "durchweg unpopulär." Und: die USA und Israel hätten den Krieg begonnen. Und Länder wie Katar würden "gewiss nicht an der Seite von Israel und den USA in den Krieg gegen Iran treten."
Rüstung und Reichtum endlich
Weiterer Grund ist das Geld: Die militärischen Ressourcen seien endlich. Katar habe ein milliardenschweres, amerikanisches Radarsystem aufbauen lassen, das iranische Drohnen stark beschädigten. Die Kosten der Abfangmechanismen seien um ein Hundertfaches höher als die Kosten für die Produktion.
Raketen- und Drohneneinschläge gibt es nicht nur in Iran, sondern in vielen weiteren Golfstaaten. Auch an Orten, wo sich Menschen bisher sehr sicher fühlten, wie etwa in Dubai.
14.03.2026 | 1:40 minGleichzeitig: Je länger die Straße von Hormus geschlossen sei und je länger die Kämpfe dauerten - "desto mehr wird das Geschäftsmodell der Golfstaaten nachhaltig geschädigt werden." Mehr noch: Es gebe sogar die Gefahr, "dass diese Staaten ihren Reichtum verlieren und nicht mehr in der Lage sind, Öl oder Gas zu liefern und dann irgendwann auch finanziell in die Schieflage zu geraten".
Je nach Erfolg der USA und Israelis könnten einzelne Länder wie die Saudis ihre Strategie aber auch nochmal ändern - hin zu einer konfrontativen. Die Golfstaaten hätten über die Jahrhunderte gelernt, "die Strategie umzuschwenken, wenn es die Situation erforderlich macht". Die Region sei seit Jahrhunderten gewohnt, mit Imperien, "die in kriegerischer Absicht kommen, zu dealen".
Insofern ist es für diese Staaten nichts neues, in sehr sehr schwierigen Situationen Politik mit doppelten Strategien zu verfolgen. Manchmal auch etwas anders zu sagen, als das, was sie tun."
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
Überzeugung: Iraner sind "sehr strategisch"
Auf jeden Fall sei die Region sehr wachsam, wie sich die Geopolitik darstelle. Und sie sei fest von der Strategie des Irans überzeugt:
Man geht davon aus, dass die Iraner sehr strategisch sind - einen großen Plan haben.
Daniel Gerlach, Nahost-Experte
Und Iran hätte einen langen Atem. So sähen es die Golfstaaten. "Unabhängig davon, ob die iranische Strategie wirklich so langfristig ist, ist es ganz entscheidend, ob die Staaten, die Nachbarn in der Region glauben, dass diese Strategie so erfolgreich sein kann." Davon hänge natürlich auch ab, wie sie darauf reagierten.
Seit Beginn des Krieges gegen Iran melden die Golfstaaten zahlreiche iranische Angriffe. Auch in Metropolen wie Dubai sind die Auswirkungen spürbar.
14.03.2026 | 2:07 minAufbrechen religiöse Konflikte
Zuletzt sieht Gerlach noch die innenpolitischen Gründe: Der religiöse Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten habe sich zwar in den letzten Jahren eher beruhigt. "Wenn es aber zu einem Krieg zwischen Iran und den Golfstaaten direkt kommen sollte, könnten diese innergesellschaftlichen Konflikte wieder aufbrechen." Auch angefeuert durch Iran.
Fazit: Die Golfstaaten seien zwar sehr unterschiedlich. "Aber was sie schon eint, ist die Vorstellung, dass sie nicht willens sind, für Israel und die USA jetzt einen Krieg gegen Iran zu führen, der von ihnen nicht begonnen wurde", resümiert Gerlach.
Das Interview führte Christian Hoch, zusammengefasst hat es ZDFheute-Redakteurin Michaela Schmehl.
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