Iran: Wie das Mullah-Regime Mediziner gezielt ins Visier nimmt

Analyse

Versorgung von Protestierenden:Wie das iranische Regime Mediziner gezielt ins Visier nimmt

Lisa Jandi, ZDF-Landesstudio Berlin

von Lisa Jandi

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Das iranische Regime geht systematisch gegen Mediziner vor. Wer verletzte Protestierende behandelt, wird verhaftet. Die EU hat die Revolutionsgarden auf ihre Terrorliste gesetzt.

Iranische Bereitschaftspolizei steht Wache, während Studenten vor der britischen Botschaft in Teheran protestieren.

Während die USA Druck auf den Iran ausüben, zeigen Berichte das brutale Vorgehen der Revolutionsgarden. Offiziell werden 3.000 Tote genannt, Menschenrechtler befürchten über 25.000.

30.01.2026 | 1:40 min

In seiner Kölner Praxis begutachtet Internist Dr. Masoud Takhshah Bilder von Verletzten aus Iran. Sie sind übersät mit Schrotkugeln, der ganze Oberschenkel, aber auch im Oberkörper stecken sie, nahe der Lunge, dann im Gesicht. Er zieht seine Kollegin, die HNO-Ärztin Shabnam Fahimi-Weber per Video-Call zu Rat, wie mit den Kugeln im Nasenbereich umzugehen ist. Der Patient: 17 Jahre alt. "Wir müssen mit Bildern arbeiten und mit dem, was eine dritte Person uns erzählt", erklärt Takhshah.

Die erste Frage ist, blutet sie? Ja, nein. Hat sie Fieber? Luftnot? Damit man sicher ist, okay, da ist Schrotmunition im Körper, aber inwieweit ist es eine akute Bedrohung.

Dr. Masoud Takhshah

Takhshah ist Mitbegründer des Netzwerks Parsimed, in dem deutsch-iranische Ärzte verschiedener Fachrichtungen versuchen, Verletzten in Iran per Ferndiagnose zu helfen. Denn wer in Iran ins Krankenhaus geht, riskiert sein Leben.

Sgs-wiese-schäfers

Man habe sich durchgerungen, die Revolutionsgarden auf eine Stufe zu stellen mit Hamas, Al-Kaida und auch dem Islamischen Staat, sagt Isabelle Schaefers in Brüssel.

30.01.2026 | 1:41 min

UN-Sonderberichterstatterin: Verletzte aus Klinik verschleppt

"Jetzt in diesem Moment gibt es ganz viele Menschen, die schwer verletzt sind, die zu Hause sitzen und die versuchen, irgendwie Hilfe zu bekommen", sagt Gilda Sahebi. Sie ist studierte Ärztin und Politikwissenschaftlerin mit vielen Kontakten ins Land. Ein Video in den sozialen Medien von Ende Dezember zeigt, wie bewaffnete Milizen ein Krankenhaus in der Stadt Ilam stürmen. Auch die UN-Sonderberichterstatterin für Iran bestätigt, dass Verletzte aus Kliniken verschleppt wurden. Und nicht nur das.

"Wir haben viele Bilder gesehen, von Menschen mit Elektroden auf dem Brustkorb und Infusionen noch am Arm, die einen Schuss im Kopf oder im Hirn hatten. Und da ist eindeutig, dass sie im Krankenbett erschossen wurden", so Dr. Takhshah.

Käufer spazieren am 28. Januar 2026 durch den Tajrish Basar in Teheran

Am Großen Basar in Teheran stockt das Geschäft. Preise steigen rasant, Kunden bleiben aus. Viele Händler berichten von Verzweiflung und fehlender Zukunftsperspektive.

29.01.2026 | 1:51 min

Einem Arzt droht die Hinrichtung

Wie schon bei der letzten großen Protestwelle 2022 behandeln Medizinerinnen und Mediziner anonym, doch auch sie verfolgt das Regime systematisch. Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Ersthelfer wurden festgenommen. Der Arzt Dr. Alireza Golchini soll der Spionage beschuldigt sein. Ihm droht die Todesstrafe.

"Weil das Regime nicht zulassen möchte, dass verletzte Protestierende versorgt werden, dass sie überleben und Hilfe bekommen, gehen sie an die Quelle. Und zwar an die Menschen, die helfen", so Gilda Sahebi.

Es will jede Motivation, jede Fähigkeit zu protestieren für immer ausschalten. Und wenn dann jemand überlebt hat, dann soll er sich nicht mal verarzten lassen können.

Gilda Sahebi, Politikwissenschaftlerin

Die Wirtschaft und das politische System in Iran stecken in einer tiefen Krise. Seit Dezember gibt es immer wieder Proteste: Die Menschen fordern den Sturz der Islamischen Republik. Seit der Islamischen Revolution 1979 hält sich das Mullah-Regime um den Obersten Führer an der Macht, seit 1989 ist das Ajatollah Ali Chamenei. Präsident ist seit 2024 Massud Peseschkian. Hauptstadt ist Teheran. Circa 92 Mio. Einwohner. Menschenrechte stark eingeschränkt. Hohe Inflation, Arbeitslosigkeit und Armut – internationale Sanktionen, Misswirtschaft und Korruption verschlimmern die Lage. Internationale Befürchtungen, dass Iran Atomwaffen bauen will.

Die Dimension der Brutalität ist noch nicht zu überblicken. Doch Menschenrechtsorganisationen gehen inzwischen von zehntausenden Toten in nur zwei Tagen aus. Auch das dürfte die Entscheidung der Europäischen Union beeinflusst haben, die iranischen Revolutionsgarden nach jahrelangen Diskussionen nun als Terrororganisation einzustufen.

Friedliche Proteste der Iraner in Lissabon

Immer mehr Videos aus Iran dringen an die Öffentlichkeit, die die Brutalität der Sicherheitskräfte zeigen. Augenzeugen und Experten sprechen von Massakern an Protestierenden.

26.01.2026 | 3:06 min

Sahebi: "Das werden die Menschen nie vergessen"

Viele Iranerinnen und Iraner im In- und Ausland haben darauf lange gewartet. "Es ist ein Meilenstein. Es heißt nicht, dass das Regime jetzt morgen stürzt. Aber diejenigen, die das Regime stützen, könnten zumindest zum ersten Mal das Gefühl haben, dass sie nicht mit allem davonkommen. Es herrscht eine absolute Straffreiheit in diesem Land. Die größten Verbrechen, die dort begangen werden, passieren ohne Strafe. Und deswegen ist das ein so wichtiger Schritt".

Es sei eine Gewalt, wie die iranische Gesellschaft sie noch nie erlebt hat, sagt Gilda Sahebi noch. Kaum jemand, der nicht jemanden kennt, der inhaftiert, gefoltert oder hingerichtet wurde. Langfristig werde das Regime damit nicht durchkommen, sagt sie. "Das werden die Menschen nie vergessen. Über Generationen nicht."

Lisa Jandi berichtet aus dem ZDF-Studio in Berlin.

Über dieses Thema berichtete die heute Sendung am 30.01.2026 ab 19 Uhr.
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