Iran-Krieg: Warum der Iran-Krieg die ganze Region destabilisiert

Interview

Daniel Gerlach zur Eskalation in Nahost:Warum die Golfstaaten unter Druck geraten

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Die Eskalation zwischen den USA, Israel und Iran belastet auch die Golfstaaten. Politologe Gerlach ordnet ein, weshalb ihr bisheriges Sicherheitskonzept plötzlich brüchig wirkt.

Die iranische Flagge steht auf den Trümmern eines zerstörten Gebäudes.

37 Jahre hat Chamenei sein Volk unterdrückt. Das ist Geschichte. Die blutige Herrschaft des Regimes ist es aber nicht.

04.03.2026 | 7:59 min

Nach dem Angriff der USA und Israel auf Iran antwortet Teheran mit Vergeltungsschlägen. Was die militärische Eskalation für die Lage in der Region bedeutet, erklärt Politikwissenschaftler Daniel Gerlach im ZDF-Interview.

ZDF: Wie gefährdet die aktuelle Instabilität in der Region die Diversifizierungspläne von Saudi-Arabien, den Emiraten und Katar?

Daniel Gerlach: Die Situation ist ein absolutes Desaster für die Golfstaaten. Fast alle leben vom freien Handel, vom Export von Rohstoffen, Öl und Gas, vom Tourismus und von den Flugdrehkreuzen in der Region. Diese ganzen Wirtschaftszweige werden lahmgelegt. Und es ist nicht mal so, dass die Golfstaaten von den plötzlich anwachsenden Öl- und Gaspreisen profitieren können, denn das ist eine sehr kurzfristige Entwicklung, die eher den Markt verunsichert.

Standbild: Kulturzeit-Gespräch mit Daniel Gerlach

... ist Chefredakteur des Nahost-Fachmagazins "zenith" und Direktor der Denkfabrik Candid Foundation. Gerlach studierte Geschichte und Orientalistik in Hamburg und Paris.


Mehrere Golfstaaten beherbergen amerikanische Militärbasen. Eigentlich war das Kalkül dieser Staaten, wir haben keine wirkliche Militärallianz, also nutzen wir die Amerikaner als Schutzmacht, insbesondere gegenüber Iran.

Die Präsenz der amerikanischen Truppen hat sich jetzt ins Gegenteil verkehrt, denn aufgrund der amerikanischen Truppen werden sie zum Angriffsziel.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Die iranische Seite sagt: In Friedenszeiten hatten wir nichts dagegen, dass Amerikaner bei euch stationiert sind, aber wenn wir von den Amerikanern aus eurem Territorium angegriffen werden, dann gelten die Golfstaaten für uns als feindliches Territorium.

TEHERAN, IRAN – 4. MÄRZ: Ein Blick auf die Zerstörung auf dem Enqelab-Platz nach den Angriffen der USA und Israels auf Teheran.

Der Iran-Krieg dauert an. Eine Rakete aus Iran wird auf dem Weg in die Türkei abgefangen. Vor Sri Lanka versenken die USA ein iranisches Kriegsschiff. Bombardements gehen weiter.

04.03.2026 | 2:33 min

ZDF: Könnte es nun passieren, dass die Golfstaaten aus Angst vor einer weiteren Eskalation Druck auf Washington ausüben?

Gerlach: Ich glaube, der Zug für Druck auf Washington ist ein Stück weit abgefahren. Denn die militärischen Angriffe Irans richten sich nicht nur auf amerikanische Ziele in den Golfstaaten, sondern auch auf das Territorium der Golfstaaten selbst, sogar auf einen Staat wie Katar, der eigentlich eine relativ iran-freundliche Position hatte.

Das hat, glaube ich, zu einem Strategiewechsel bei einigen Golfstaaten geführt.

Einige Golfstaaten sehen die Zeit für Mediation abgelaufen und warten darauf, dass die Amerikaner und Israelis diesen Krieg beenden, beziehungsweise dass denen die Munition ausgeht.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Andere Staaten, wie beispielsweise Saudi-Arabien, nehmen eine aggressivere Position ein und sagen, wenn diese Angriffe nicht aufhören, dann werden wir Iran angreifen beziehungsweise Gegenangriffe starten. Einige Golfstaaten denken darüber nach, ihre Politik neu auszurichten. Das ist in der Region nichts Ungewöhnliches.

SGS Busse Gökdemir

"Ich glaube, man hat gemerkt, dass man durch reine Luftbombardierung keinen Regimewechsel herbeiführen kann", sagt der Nahost-Experte Jan Busse zur US-Strategie im Iran-Krieg.

03.03.2026 | 4:59 min

ZDF: Welche Gefahr geht heute noch vom iranischen Netzwerk aus Stellvertreter-Milizen rund um Israel aus?

Gerlach: Was die Iraner aufgebaut haben, das nannten sie die Achse des Widerstands. Das war eine Kette von nicht-staatlichen Akteuren, von bewaffneten Milizen, die die Nachbarstaaten Irans durchdringen.

Sie sollten dafür sorgen, dass von diesen Staaten keine Angriffe auf Iran ausgehen, aber auch, dass von dort aus eventuell Angriffe gegen Israel durchgeführt werden können.

Diese Achse des Widerstands hat für die iranische Strategie nur Sinn gemacht, solange sie eine abschreckende Wirkung hatte.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

Aber als der Krieg in Folge des 7. Oktobers begonnen hat und tatsächlich Gruppierungen wie die Huthis im Jemen oder die Hisbollah im Libanon zu den Waffen gegriffen haben und in eine direkte militärische Konfrontation verwickelt wurden, da hat man gemerkt, dass diese abschreckende Wirkung eben nicht da ist.

Die einzigen Gruppen, die jetzt noch eine wirkliche strategische Bedeutung haben für Iran, sind schiitische Gruppen im Irak. Denn von dort gehen auch Drohnenangriffe auf Amerikaner und die Golfstaaten aus und die Huthis im Jemen.

Die Karte zeigt die Straße von Hormus, eine Meerenge zwischen Oman, den VAE und Iran. Etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und verflüssigten Gases (LNG) muss durch die Straße von Hormus.

ZDF: Wie realistisch ist die Vorstellung eines "letzten Krieges" im Nahen Osten?

Gerlach: Eines der Ziele dieser Angriffe von Israel und den USA ist die geopolitische Zurückdrängung, die Neutralisierung Irans in der Region. Man möchte den iranischen Einfluss abschneiden, ausschalten. Das halte ich für ein realistisches Ziel.

Benjamin Netanjahu behauptet, das wird der letzte Krieg im Nahen Osten. Danach sind alle Probleme Israels in der Region gelöst. Das ist ein Trugschluss.

Die Logik, dass man einen Krieg führen kann, der alle anderen Kriege beendet, die haben schon viele verfolgt in der Region. Das hat nie funktioniert.

Daniel Gerlach, Nahost-Experte

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Nach den Angriffen der USA und Israels auf Iran eskaliert nun auch der Konflikt zwischen der Hisbollah und Israel erneut. Die Lage in der Golfregion spitzt sich weiter zu.

03.03.2026 | 2:26 min

ZDF: Welche der möglichen politischen Wege verspricht derzeit am meisten Stabilität und Sicherheit in der Region?

Gerlach: Vielversprechend für die Sicherheit in der Region ist gar keine der Optionen. Denn es gibt keinen plausiblen Anhaltspunkt dafür, dass dadurch, dass man ein Regime und auch staatliche Strukturen in dieser Art und Weise mit militärischer Gewalt zerstört, Stabilität in der Region einkehrt.

Jetzt ist die Frage, was wäre das am wenigsten schlechte Szenario? Ein Fortbestehen dieses Regimes, das sich radikalisiert? Eine Übergangsphase, in der vielleicht jemand aus der Generalität der Revolutionsgarden die Macht übernimmt?

Oder eben ein Aufstand von bewaffneten, separatistischen Gruppen in den Provinzen, die sicher dafür sorgen würden, dass der Staat Iran auseinanderfällt und dass die Region eher noch unsicherer wird?

Das Interview führte ZDF-Reporter Luc Walpot.

Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 04.03.2026 ab 23:15 Uhr.

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