Nach Europol-Razzia: Wie geht Europa gegen illegale Drogen vor?

Interview

Drogenschwemme in Europa:Expertin: "Schmuggler und Händler finden immer einen Weg"

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Europol meldet einen Rekord-Einsatz gegen illegale Drogenlabore. Die Zollbehörden im Hafen von Antwerpen beschlagnahmen wieder mehr Drogen. Interview mit einer führenden Expertin.

Ein Pressesprecher des Zolls Hamburg präsentiert auf einem Medientermin im Hafen einen kleinen Teil des mit mehr als 2,6 Tonnen sichergestellten Kokains, aufgenommen am 24.02.2022

Der Hafen in Antwerpen ist Europas Einfallstor für Drogen. Immer wieder finden Zollbehörden große Mengen Kokain. Eine Bilanz und die Pläne der belgischen Behören, um den Schmuggel zu bekämpfen.

21.01.2026 | 2:04 min

Es sei der "größte Einsatz aller Zeiten" gegen synthetische Drogen, erklärte die europäische Polizeibehörde Europol am Morgen. Einer der wichtigsten Drogenhändlerringe sei zerschlagen worden. Dabei haben Polizeibehörden aus Deutschland und fünf weiteren EU-Ländern mitgewirkt. Es gab 85 Festnahmen und 24 Drogenlabore von "industriellem Maßstab" wurden aufgelöst, so Europol. Wo Drogen wie MDMA, Amphetamine und Methamphetamine hergestellt worden seien.

Ordentliche Zahlen melden Stunden später die Behörden im Antwerpener Hafen. Im Jahr 2024 war die Menge vor allem des beschlagnahmten Kokains stark gesunken. Doch im vergangenen Jahr sind im größten Einfallstor für Kokain in Europa fast 55 Tonnen beschlagnahmt worden, ein Plus von 24 Prozent. Die belgischen Fahnder beunruhigen vor allem zwei Trends. Erstens, dass die beschlagnahmte Menge Marihuana ebenfalls stark gestiegen ist. Und zweitens, dass Lieferungen vermehrt über andere Nordseehäfen mit weniger Kontrollmöglichkeiten abgewickelt würden.

Tino Igelmann, Leiter Zollkriminalamt, bei einer Pressekonferenz zu den Ermittlungen. Dabei wurden Labore zerschlagen und tonnenweise Chemikalien und Drogen sichergestellt.

Nach jahrelangen Ermittlungen gegen Hersteller synthetischer Drogen ist Europol nun ein großer Erfolg gelungen. 24 Drogenlabore wurden geschlossen, 85 Verdächtige festgenommen.

21.01.2026 | 1:44 min

Der Hamburger Hafen könnte ein neuer Hotspot werden, erklärt Letizia Paoli, Professorin für Kriminologie an der Universität im belgischen Leuven, im Gespräch. Sie forscht seit den 90er Jahren zu organisierter Kriminalität, Drogen, illegalen Märkten und ist Vizepräsidentin der europäischen Fachgesellschaft für Kriminologie.

Blick auf das Gebäude der EU-Polizeibehörde Europol.

Beim größten Einsatz gegen synthetische Drogen hat Europol in mehreren Ländern 24 Drogenlabore ausgehoben. 85 Verdächtige wurden festgenommen, darunter die mutmaßlichen Anführer des Drogenrings.

21.01.2026 | 0:27 min

ZDFheute: Warum wird Hamburg ein neuer Hotspot?

Letizia Paoli: Wir sprechen hier vom Wasserbett-Effekt, nämlich von der Tatsache, dass, sobald man drückt, also an einem bestimmten Punkt, etwa einem Einfallstor für Drogen, dann ist der Kokainhandel wie das Bett, das sich wölbt und bewegt, sich einfach zu anderen Häfen oder zu anderen Flughäfen orientiert. Wir warten also noch auf die Zahlen aus anderen Häfen. Aber tatsächlich befürchten viele Experten, dass Hamburg der nächste große Zugangspunkt werden könnte.

Insgesamt geht der Trend in Europa zu kleineren Häfen. Davon gibt es viele.

Letizia Paoli, Kriminologin

Und dort sind die Kontrollen viel weniger ausgefeilt als in den großen Häfen wie Rotterdam und Antwerpen. Und Hamburg hat da auch Nachholbedarf. Daher rührt die Sorge.

Daniel Brombach, Leiter der Europäischen Beobachtungsstelle für Organisierte Kriminalität

In Europa boome besonders das Kokain. Das Vorgehen der USA werde den Drogenhandel nicht bremsen, so der Leiter der Europäischen Beobachtungsstelle für Organisierte Kriminalität.

24.10.2025 | 12:22 min

ZDFheute: Die Fahnder sprechen gerne über KI. Dass damit möglich sein könnte, viel mehr Container zu kontrollieren. Wie hilfreich kann das sein?

Paoli: Tatsächlich haben wir bereits in den letzten zehn Jahren gesehen, dass Zollbehörden und Strafverfolgungsbehörden viel effektiver darin geworden sind, Container zu identifizieren, die ein Risiko darstellen könnten.

Auch weil sie jetzt wirklich Risikobewertungsmethoden anwenden, mit Hilfe der KI.

Letizia Paoli, Kriminologin

Andererseits, wenn man weiß, dass 250 Tonnen Kokain nötig sind, um den gesamten Kokainbedarf in Europa für ein Jahr zu decken, und dass 1,1 Milliarden Tonnen Waren jährlich aus Nicht-EU-Ländern importiert werden, in Containern, dann muss man zu dem Schluss kommen:

Die Drogenschmuggler und -händler finden immer einen Weg.

Letizia Paoli, Kriminologin

In der linken Bildhälfte ist eine Hand zu sehen, die ein Smartphone hält. Der Bildhintergrund ist blau und schwarz. Die Person scrollt womöglich durch soziale Medien

Unter dem Hashtag #pingtok zeigen Jugendliche ihren Drogenrausch millionenfach auf TikTok - ein unkontrollierter Trend, der immer mehr junge Menschen in den Konsum zieht.

02.01.2026 | 8:55 min

ZDFheute: Wie kommen die Drogen aus Antwerpen dann nach Deutschland?

Paoli: Die Niederlande sind das große Zentrum für den Kokainhandel in Europa.

In den letzten zehn Jahren haben wir eine wachsende Rolle belgischer Schmuggler gesehen.

Letizia Paoli, Kriminologin

Aber selbst heute geht der Großteil des nach Antwerpen gelangten Kokains direkt in die Niederlande und von dort aus, in kleineren Mengen unverpackt, dann nach Deutschland und ganz Europa.

ZDFheute: Die Niederlande, Stichwort Narco-Gangs, haben ein zunehmendes Problem. Belgische Politiker warnen jüngst davor, dass das Land zum Narco-Staat werden könnte. Auch anderswo in Europa hat man Sorge. Ist das berechtigt oder übertrieben?

Paoli: Meiner Meinung nach ist diese Behauptung übertrieben. Der Narco-Staat ist kein klar definiertes Konzept, aber meiner Meinung nach gibt es drei Hauptmerkmale. Erstens, wenn ein sehr großer Anteil der Wirtschaftsleistung am BIP dort erwirtschaftet wird. Zweitens, wenn die drogenbedingte Gewalt wirklich übermäßig geworden ist. Und drittens sprechen Sie von einem Narco-Staat, wenn Sie sehen, dass mit dem Geld sehr hochrangige Staatsvertreter gekauft werden können. Das ist nirgendwo in Europa auch nur annähernd der Fall.

Hessen, Wiesbaden: Hendrik Streeck (l-r), Drogenbeauftragter der Bundesregierung, Alexander Dobrindt (CSU), Bundesinnenminister, und Holger Münch, BKA-Präsident, stellen auf einer Pressekonferenz im Bundeskriminalamt (BKA) die Bundeslagebilder Rauschgift und Organisierte Kriminalität 2024 vor.

Drogen bleiben in Deutschland aus Sicht von Innenminister Dobrindt ein massives Problem. Vor allem wächst der Konsum von harten Rauschmitteln.

24.10.2025 | 1:34 min

ZDFheute: Was wäre Ihr Rat an Politik und Behörden?

Paoli: Ich würde eine große Studie starten, um herauszufinden, ob die Schäden, die wir jetzt mit dem aktuellen Regime des Prohibitionismus zu verhindern versuchen, tatsächlich geringer oder höher sind als die Schäden und Kosten, die das Verbot von Kokain und anderen Drogen unbeabsichtigt verursacht. Denn einerseits ist klar, dass die derzeitige Politik eingeführt wurde, um konsumbedingte Schäden zu verhindern. Aber wir sehen auch, dass die Tatsache, dass wir Kokain und andere psychoaktive Substanzen verboten haben, unbeabsichtigt Anreize für Menschen ohne Skrupel erzeugt, die sogar bereit sind, ihre Freiheit, manchmal sogar ihr Leben, zu riskieren, um schnell Geld zu verdienen.

Mit unserer aktuellen Politik füttern wir wirklich die illegale Wirtschaft und organisierte Kriminalität.

Letizia Paoli, Kriminologin

Wir nähren die Korruption, wir nähren die Gewalt.

Das Gespräch führte Andreas Stamm, ZDF-Korrespondent im Studio Brüssel.

Über dieses Thema berichteten am 21.01. 2026 unter anderem die Sendung heute in europa am 21.01.2026 um 16 Uhr und die ZDFheute Nachrichten um 17 Uhr.

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