Care-Report: Wo humanitäre Krisen 2025 unsichtbar geblieben sind

Grafiken

Care-Report:Wo humanitäre Krisen unsichtbar bleiben

von Marcel Burkhardt

|

Zentralafrikanische Republik, Sambia, Malawi: Viele humanitäre Großkrisen sind kaum im Blickfeld der Weltöffentlichkeit, analysiert die Hilfsorganisation Care. Warum ist das so?

Karl-Otto Zentel, Generalsekretär CARE Deutschland

Klimatische Veränderungen haben dramatische Folgen für Millionen, so Karl-Otto Zentel von Care Deutschland - oft unbeachtet von der Welt.

28.01.2026 | 2:18 min

Konflikte, Wetterextreme und Hunger zerstören die Existenzen von Millionen Menschen in vielen afrikanischen Staaten wie etwa der Zentralafrikanischen Republik, aber auch in Mittelamerika oder in Nordkorea - dabei nimmt die Weltöffentlichkeit kaum Notiz davon.

Für 43 Millionen Menschen "Kampf ums Überleben"

Die zehn humanitären Katastrophen, über die global 2025 am wenigsten berichtet wurde, betreffen laut aktuellem "Krisenreport" der Hilfsorganisation Care etwa 43 Millionen Menschen in Not. Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland, sagt dazu:

Hinter jeder Zahl in humanitären Krisen steht ein Mensch: Frauen, Männer, Kinder, die ums Überleben kämpfen, ohne Zugang zu Wasser, Bildung oder Sicherheit.

Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland

Dass viele Großkrisen global betrachtet kaum Schlagzeilen machten, ist Zentel zufolge auch Ausdruck eines "erheblichen Ungleichgewichts in der Berichterstattung".

Madagaskar: Rund 4,7 Millionen Menschen, darunter 2,3 Millionen Kinder, benötigten 2025 humanitäre Hilfe. (Archivbild)

In Madagaskar benötigten 2025 - kaum beachtet von der Welt - rund 4,7 Millionen Menschen, darunter 2,3 Millionen Kinder, humanitäre Hilfe. (Archivbild)

Quelle: dpa

Im Schatten des Gaza-Kriegs

Eine von Care beauftragte internationale Medienanalyse zeigt: Von insgesamt fünf Millionen ausgewerteten Online-Artikeln zu humanitären Notlagen handelten 1,9 Millionen vom Gaza-Krieg.

Zudem im Fokus der Weltöffentlichkeit: die Konflikte und Kriege in Syrien, Venezuela, Afghanistan und der Ukraine, die in insgesamt 1,1 Millionen Online-Artikel thematisiert worden sind.

Zum Vergleich: Nur etwas mehr als 40.000 Online-Artikel befassten sich mit diesen humanitären Katastrophen:

Global am wenigsten beachtete humanitäre Krisen

ZDFheute Infografik

Ein Klick für den Datenschutz

Für die Darstellung von ZDFheute Infografiken nutzen wir die Software von Datawrapper. Erst wenn Sie hier klicken, werden die Grafiken nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server von Datawrapper übertragen. Über den Datenschutz von Datawrapper können Sie sich auf der Seite des Anbieters informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in den Datenschutzeinstellungen. Ihre Zustimmung können Sie im Bereich „Meine News“ jederzeit widerrufen.

Klimakrise "konkrete Bedrohung" für Millionen

In vielen betroffenen Ländern sorgen vom Klimawandel verursachte Wetterextreme wie Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen für Ernteausfälle und Hungersnöte. Charlene Pellsah Ambali, stellvertretende Care-Länderdirektorin in Simbabwe, sagt dazu:

Die Klimakrise ist im südlichen Afrika kein abstrakter Begriff, sondern eine konkrete Bedrohung für Leib und Leben von Millionen Menschen.

Charlene Pellsah Ambali, Care Simbabwe

Häufig kommen politische, ethnische und religiöse Spannungen sowie wirtschaftliche Ungleichheit und Korruption als Krisenursachen hinzu. Manche Staaten drohen daran völlig zu zerbrechen.

Millionen von Menschen in der Region am Horn von Afrika hungern aufgrund der Dürre, und Tausende sind bereits gestorben.

Am Welternährungstag macht die UN auf die 673 Millionen unterernährten Menschen aufmerksam. Afrikanische Länder sind besonders betroffen.

16.10.2025 | 1:46 min

"Chronische Krise" als "blinder Fleck"

In der Zentralafrikanischen Republik etwa herrscht laut Care eine "chronische Krise". Zwar verfüge das Land über große Rohstoffvorkommen, darunter Diamanten, Gold und Uran, dennoch zählt der Staat zu den ärmsten der Welt - mehr als 80 Prozent der 5,5 Millionen Einwohner leben in Armut.

Bewaffnete Konflikte, Angriffe auf Kliniken und Schulen, sexualisierte Gewalt verschärfen die Not. Ein Fünftel der Bevölkerung ist auf der Flucht. Dennoch war die Krise in der Zentralafrikanischen Republik medial der "blindeste Fleck" auf der Weltkarte.

Die vergessenen Krisen der Welt

ZDFheute Infografik

Ein Klick für den Datenschutz

Für die Darstellung von ZDFheute Infografiken nutzen wir die Software von Datawrapper. Erst wenn Sie hier klicken, werden die Grafiken nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server von Datawrapper übertragen. Über den Datenschutz von Datawrapper können Sie sich auf der Seite des Anbieters informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in den Datenschutzeinstellungen. Ihre Zustimmung können Sie im Bereich „Meine News“ jederzeit widerrufen.

Was Michelle Nunn, Präsidentin von Care in den USA, mit Blick auf die "vergessenen Krisen" besorgt, sind die global stark sinkenden Mittel für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit:

Die drastische Kürzung der humanitären Hilfe der USA - nachdem die Vereinigten Staaten über viele Jahre fast 40 Prozent der weltweiten Hilfe finanziert hatten - war ein Schock für das gesamte System.

Michelle Nunn, Care USA

Die verfügbaren Ressourcen würden zunehmend an enge nationale Interessen gekoppelt, die nicht immer dem größten Bedarf an Hilfe entsprechen, so Nunn. Sie warnt:

Vernachlässigte Krisen können auch die Sicherheit gefährden, die Zivilgesellschaft schwächen, Migration begünstigen und gefährliche Instabilität hervorrufen.

Michelle Nunn, Care USA

Eine ältere äthiopische Frau sitzt neben einem Sack mit Weizen, nachdem dieser von der Relief Society of Tigray in der Region Tigray im Norden Äthiopiens verteilt wurde.

1985 sammelten die größten Musiker ihrer Zeit wegen einer Hungerkrise Spenden für Äthiopien. Vierzig Jahre später ist das Geld wieder knapp und der Hunger noch immer nicht besiegt.

13.07.2025 | 2:46 min

Ohne Aufmerksamkeit keine Hilfsmittel

Ramesh Rajasingham, Leiter des Amts der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), mahnt in dem Zusammenhang zu mehr Aufmerksamkeit. Denn: "Ohne diese Aufmerksamkeit mangelt es humanitären Krisen an Ressourcen und Maßnahmen", so Rajasingham.

Dass die mediale Aufmerksamkeit hart umkämpft ist, verdeutlicht Care auch durch einen Hinweis auf die Berichterstattungsfülle über "Celebrity"-Themen wie der Hochzeit des Amazon-Gründers Jeff Bezos oder dem Weltraumflug von Sängerin Katy Perry.

Was 2025 medial für Aufmerksamkeit sorgte

ZDFheute Infografik

Ein Klick für den Datenschutz

Für die Darstellung von ZDFheute Infografiken nutzen wir die Software von Datawrapper. Erst wenn Sie hier klicken, werden die Grafiken nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server von Datawrapper übertragen. Über den Datenschutz von Datawrapper können Sie sich auf der Seite des Anbieters informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in den Datenschutzeinstellungen. Ihre Zustimmung können Sie im Bereich „Meine News“ jederzeit widerrufen.

Über die "chronische Krise" in der Zentralafrikanischen Republik sind 2025 laut Care 1.532 Online-Artikel veröffentlicht worden. Das Beispiel zeigt exemplarisch: Weil diese Krisen selten in einem einzigen dramatischen Moment eskalieren, geraten sie leicht aus dem Blick. Im Gespräch mit ZDFheute sagt Karl-Otto Zentel:

Aber für die betroffenen Menschen bedeutet das Ausbleiben von Aufmerksamkeit oft auch ein Ausbleiben von Hilfe.

Karl-Otto Zentel, Care Deutschland e.V.

Er erinnert deshalb daran, dass humanitäres Leid nicht weniger real ist, nur weil es leiser geschieht.

Für den aktuellen Care-Krisenreport sind zunächst alle Krisen erfasst worden, die im Jahr 2025 mindestens eine Million Menschen betroffen haben. Die Gesamtzahl der von jeder Krise betroffenen Menschen ergibt sich laut Care durch eigens ermittelte Daten sowie Informationen des Analyseportals ACAPS und des Informationsdiensts Reliefweb.

Das Ergebnis - eine Liste von 43 Krisen - wurde einer Medienanalyse unterzogen und nach der Anzahl der weltweit veröffentlichten Online-Artikel aus fünf Sprachräumen (Arabisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch) geordnet. Für den aktuellen Report analysierte der internationale Mediendienst Meltwater im Zeitraum 1. Januar bis 30. September 2025 insgesamt fünf Millionen Online-Artikel.


Über den Care-Krisenreport 2025 berichtet die ZDFheute in dem Beitrag "Situation in Nordkorea 'sehr schwierig'" am 28.01.2026 um 06:01 Uhr.

Mehr zu humanitären Krisen in Afrika

  1. Ein Mann in Warnweste verräumt Zylinder vor einer Wand aus Kartons.

    UN-Welternährungstag in Afrika:Zurück ins Kriegsgebiet - um dem Hunger zu entgehen

    Susann von Lojewski, Nairobi

  2. Mitglieder des ägyptischen Roten Kreuzes packen Pakete mit Lebensmitteln zur humanitären Hilfe für die Unterstützung der Menschen im Gazastreifen

    "Zunehmend unter Beschuss":Kriseneinsätze für Helfer immer gefährlicher

    Susann von Lojewski, Nairobi
    mit Video2:36

  3. Menschen stehen in einem provisorischen Lager auf einem offenen Feld nahe der sudanesischen Stadt Tawila für Lebensmittelrationen Schlange

    Größte globale Vertreibungskrise:Sudan - die vergessene Katastrophe

    von Marcel Burkhardt
    mit Video1:42

  4. Ein Vater hilft seinem unterernährten Sohn beim Gehen in der Nähe ihrer Hütte in dem Dorf Lomoputh im Norden Kenias

    UN-Welternährungsbericht 2024:Welche Lösungen helfen gegen Hunger auf der Welt?

    von Rosalie Röhr
    mit Video16:55