Hautnah dokumentierter Kriegsalltag:2.000 Meter in drei Monaten: Die Schlacht um Andrijiwka
von Bettina Blaß
Im Kampf um das Dorf Andrijiwka hat Oscar-Preisträger Mstyslav Tschernow ukrainische Soldaten begleitet. Ein schonungsloser Film über den hohen Preis des Krieges in der Ukraine.
Nur 2.000 Meter müssen die Soldaten der dritten ukrainischen Sturmbrigade zurücklegen, um das von Russland besetzte Dorf Andrijiwka im Osten der Ukraine zu befreien. Normalerweise ist das eine Distanz, die ein Mann in wenigen Minuten zurücklegt.
Für die ukrainischen Soldaten wird diese Strecke zu einem monatelangen Albtraum. Der Weg nach Andrijiwka führt durch einen schmalen, von Minenfeldern gesäumten Wald, in dem jeder Zentimeter Boden mit ihrem Blut erkämpft werden muss.
Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sind bereits 55.000 Soldaten verstorben - viele weitere vermisst. Das erklärt Präsident Selenskyj in einem Interview.
05.02.2026 | 0:17 minBlick auf die Frontlinie in der Ukraine
Nach seinem Oscar-prämierten Dokumentarfilm "20 Tage in Mariupol" richtete der ukrainische Regisseur Mstyslav Tschernow 2023 seine Kamera erneut auf die Frontlinien seines Heimatlandes. Für seinen neuen Film "2.000 Meter bis Andrijiwka" wurde er 2025 beim Sundance Film Festival in Utah in den USA mit dem Directing Award ausgezeichnet. Das ZDF zeigt die Doku in deutscher Erstaufführung kurz vor dem vierten Jahrestag des Ukraine-Kriegs.
Sehen Sie die Doku "2.000 Meter bis Andrijiwka" am 22. Februar um 00:10 Uhr bei ZDFinfo oder streamen Sie sie in der Zeit zwischen 23 und 6 Uhr oder mit Altersnachweis im ZDF-Streaming-Portal.
Statt auf Statistiken zu setzen, erzählt Tschernow die Geschichte der Eroberung des Dorfes Andrijiwka durch die Schicksale hoffnungsvoller junger Soldaten, die im Kampf gegen die russischen Aggressoren ihr Leben riskieren. Bodycam-Aufnahmen der ukrainischen Armee nehmen den Zuschauer mit in einen menschenfeindlichen, lebensvernichtenden Kosmos.
Mehr als nur Zahlen von Soldaten im Ukraine-Krieg
Der Film dokumentiert den permanenten emotionalen Ausnahmezustand der Soldaten, die sich unter Beschuss von Erdloch zu Erdloch vorkämpfen. Die Kamera ist ein nüchterner Beobachter, der die Brutalität des Kriegs einfängt.
Die Stadt Kramatorsk ist das letzte ukrainische Bollwerk in der von Russland beanspruchten Region Donezk. Doch regelmäßige Angriffe Russlands schwächen die Frontlinie der Ukraine enorm.
04.02.2026 | 1:26 minGagarin, Fedya oder Sheva stehen stellvertretend für die vielen Soldaten, die in diesem Krieg kämpfen. Der 46-jährige Sheva hatte sich freiwillig gemeldet und dafür einen sicheren Posten bei der Militärpolizei aufgegeben. In Tschernows Dokumentarfilm geht er in sein erstes Gefecht. Fünf Monate später wird er tot sein, verwundet in einer anderen Schlacht, gestorben im Krankenhaus.
Fedya ist 24. Er wurde zum Feldwebel befördert. Vor der Invasion war er Lagerist, im Krieg führte er seine Männer durch das unerbittliche Artilleriefeuer.
Gagarin, ebenfalls 24 und früher Lkw-Fahrer, kam, um seinen Freund Fedya bei einer Schlacht zu ersetzen, als sie noch 300 Meter von Andrijiwka entfernt waren. Er sollte diesen Tag nicht überleben.
Beerdigungen in Charkiw, täglicher Beschuss im Donbas. Soldaten, Zivilisten und Präsident Selenskyj lehnen einen Gebietsverzicht ab - zu groß ist das Misstrauen gegen Russland.
05.02.2026 | 2:24 minBeigesetzt wurde Gagarin in seiner westukrainischen Heimatstadt Polonne, einem Ort mit rund 20.000 Einwohnern, die in diesem Krieg schon viele Opfer zu Grabe tragen mussten.
Es war die 56. Beerdigung im Ort.
Mstyslav Tschernow, Dokumentarfilmer
In Saporischschja versuchen Familien, trotz Drohnenangriffen am Alltag festzuhalten, während Soldaten die Front sichern. Das nahe AKW bleibt ein großer Streitpunkt in Friedensverhandlungen.
11.02.2026 | 6:25 minEin Dorf, das nur noch ein Name ist
Am Tag der Beerdigung von Gargarin, drei Monate nach Beginn der Offensive, begann die letzte Schlacht um Andrijiwka. Schließlich erreichte die Brigade ihr Ziel. Vom Dorf selbst war nichts mehr übrig, die russischen Soldaten hatten es von der Landkarte getilgt. Inmitten der Trümmer habe es kaum Platz gegeben, die Flagge zu hissen, sagt Filmemacher Mstyslav Tschernow. Die Dorfbewohner seien tot oder weg.
Alles ist zerstört - Menschen, Tiere, Erinnerungen. Alles, was übrig geblieben ist, ist ein Name.
Mstyslav Tschernow, Filmemacher und Ukrainer
Andrijiwka und der größte Teil der während der Gegenoffensive 2023 zurückeroberten Gebiete wurden inzwischen erneut von Russland besetzt. Bis Januar 2026 kontrollierte Russland mehr als 116.000 Quadratkilometer - fast 20 Prozent der Ukraine.
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