Hunger in Afghanistan:"Leben von vier Millionen Kindern steht auf dem Spiel"
Der Hunger in Afghanistan breite sich aus, wie er es "noch nie erlebt" habe, warnt ein UN-Vertreter. Millionen Kinder sind unterernährt - doch den Hilfsorganisationen fehlt Geld.
Die Hungerkrise in Afghanistan spitzt sich zu. Laut dem UN-Welternährungsprogramm sind Kinder besonders schwer betroffen: Aktuell seien vier Millionen lebensbedrohlich unterernährt.
20.02.2026 | 0:22 minAngesichts der Hungerkrise in Afghanistan schlägt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) Alarm: "Wir haben es mit einer katastrophalen Ernährungskrise zu tun, da zwei Drittel des Landes von sehr schwerer oder kritischer akuter Unterernährung betroffen sind", sagt John Aylieff, Afghanistan-Direktor des Welternährungsprogramms.
Das ist der höchste Anstieg von Unterernährung, der jemals im Land verzeichnet wurde. Und das Leben von vier Millionen Kindern steht auf dem Spiel.
John Aylieff, Afghanistan-Direktor des WFP
Krisenreporterin Katrin Eigendorf reist mit dem ersten Fernsehteam seit zwei Jahren nach Afghanistan und wirft einen Blick hinter die Fassade des Taliban-Regimes.
18.12.2025 | 43:09 minHunger in Afghanistan hat viele Ursachen
Nach vier Jahrzehnten des Konflikts ist Afghanistan seit langem auf ausländische Hilfe angewiesen. Doch nach der Machtübernahme der Taliban 2021 kam die direkte Hilfe aus dem Ausland fast über Nacht zum Erliegen, Millionen Menschen wurden in Armut und Hunger getrieben.
Die Lage wird verschärft durch eine dahinsiechende Wirtschaft, eine schwere Dürre, zwei verheerende Erdbeben Ende 2025 und die Rückkehr von 5,3 Millionen Afghaninnen und Afghanen, die vor allem aus den Nachbarstaaten Pakistan und Iran ausgewiesen wurden.
Mit dem Welternährungstag möchten die UN auf die 673 Millionen unterernährten Menschen aufmerksam machen. Afrikanische Länder sind besonders betroffen.
16.10.2025 | 1:46 minWFP: Weisen drei von vier hungernden Kindern ab
Nun haben Kürzungen der Finanzmittel für humanitäre Organisationen, darunter die Einstellung der US-Hilfe für Programme wie die Lebensmittelverteilung des WFP, Millionen Menschen die Lebensgrundlage genommen. WFP-Afghanistan-Direktor drückt sich klar aus:
Die Hilfskürzungen waren verheerend.
John Aylieff, Afghanistan-Direktor des WFP
Von den vier Millionen akut unterernährten Kindern "müssen wir jetzt drei von vieren abweisen, weil wir einfach nicht das Geld haben". Das sei "beispiellos, und ich habe dergleichen in meinen mehr als 30 Berufsjahren bei humanitären Hilfsorganisationen noch nie erlebt".
- Care-Report: Wo humanitäre Krisen unsichtbar bleiben
Hunger führe zu einem Anstieg der Sterblichkeitsrate bei Kindern, sagt Aylieff. Das WFP habe in den vergangenen Monaten mehr als 500 Todesfälle bei Kindern verzeichnet. Die Zahl, betont er, sei nur "die Spitze des Eisbergs", da sich im Winter viele Todesfälle in Dörfern ereigneten, die vom Schnee von der Außenwelt abgeschnitten seien. Diese Todesfälle würden deshalb nicht registriert.
Weltweit ist fast jedes fünfte Kind von extremer Armut betroffen. Das gab das UN-Kinderhilfswerk Unicef zum Internationalen Tag der Kinderrechte bekannt.
20.11.2025 | 0:30 minBudget der Hilfsorganisationen immer kleiner
Die Budgets von Geberländern verteilen sich auf zahlreiche humanitäre Krisen weltweit, darunter der Hunger im Sudan und die Kriege im Gazastreifen und in der Ukraine. Im Jahr 2024 betrug das Budget des WFP in Afghanistan laut der Organisation 600 Millionen Dollar (507 Millionen Euro).
Im vergangenen Jahr ging die Summe um die Hälfte zurück, und in diesem Jahr rechnet die Organisation mit noch weniger, etwa 200 Millionen Dollar. Das reiche nicht aus, um ein Hungerproblem zu bewältigen, das außer Kontrolle gerate, fügt er hinzu.
Der Hunger in Afghanistan verschärft sich dramatisch. Weil Hilfsgelder fehlen, kann immer weniger Menschen geholfen werden.
Quelle: APPolitik der Taliban verschärft die Lage der Frauen
Die radikalislamische Taliban-Regierung in Afghanistan sei sich des Hungerproblems bewusst, heißt es von einem Vertreter - und man unternehme Schritte dagegen. Doch in Wahrheit ist es auch die radikalislamische Politik, die die Lage verschärft.
Besonders Frauen sind von der Zunahme des Hungers betroffen. Durch die drakonischen Beschränkungen für Frauen, die von der Taliban-Regierung verhängt wurden, sind auch Witwen mit Kindern von fast allen Berufen ausgeschlossen und daher besonders gefährdet. Das WFP verzeichne einen Anstieg von 30 Prozent bei der Zahl akut unterernährter schwangerer und stillender Frauen. WFP-Afghanistan-Direktor Aylieff fordert daher:
Wenn ich eine Bitte hätte, dann wäre es, die afghanischen Frauen nicht im Stich zu lassen, die jetzt unter bitterem Leid, Hunger und Unterernährung leiden und zusehen müssen, wie ihre Kinder sterben.
John Aylieff, Afghanistan-Direktor des WFP
Mehr zur Lage in Afghanistan
"Als Frau zu reisen, ist völlig sicher":Wie Influencer Afghanistan als Urlaubsziel inszenieren
von Oliver Klein und Nils Metzgermit Video1:46- Exklusiv
Umgang mit afghanischen Ortskräften:Geld für Nicht-Einreise? Brandbrief an die SPD-Spitze
von Dominik Rzepka und Jörg Brasemit Video1:44 - Interview
Nach Erdbeben in Afghanistan:Afghanistan: "Frauen und Kinder sind Hauptopfer"
Internationaler Strafgerichtshof :Haftbefehle gegen Taliban-Anführer erlassen
mit Video1:21