Konflikt Eritrea-Äthiopien eskaliert:Krieg in Tigray droht einen Flächenbrand auszulösen
von Susann von Lojewski und David Ammon, Nairobi
Äthiopische Truppen sollen vor der Grenze zu Eritrea stehen. Die einstigen Verbündeten im Krieg gegen die Provinz Tigray sind inzwischen erbitterte Feinde.
Die Sorge vor einem größeren Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea wächst, nachdem Regierungstruppen bewaffnete Rebellengruppen in der äthiopischen Region Tigray zurückgedrängt haben.
13.10.2026 | 1:55 minWenn Werkalem Assefa morgens die Eingangstür zu ihrem Geschäft in der tigrayischen Hauptstadt Mek’ele aufschließt, könnte man meinen, es sei ein Tag wie jeder andere. Doch die Regale ihres kleinen Ladens sind komplett leer, nichts ist, wie es einmal war.
Seitdem in der nordäthiopischen Provinz Tigray vor wenigen Wochen die Spannungen eskalierten, hat sich der Alltag der 28-Jährigen radikal verändert. "Mein Geschäft ging zurück. Ich sah mich gezwungen, meinen Laden zu schließen", erzählt sie. Nun reicht das Geld nicht mehr - die junge Frau zog wieder bei ihrer Mutter ein.
Steht der Einmarsch nach Eritrea bevor?
Ende September waren die Kämpfe in der Region Tigray wieder aufgeflammt, äthiopische Truppen nahmen die Provinzhauptstadt Mek’ele ein und rückten weiter an die Grenze zu Eritrea vor. Ziel war die Kontrolle von Tigray und das Zurückdrängen von sieben Milizen, die eine gemeinsame ethnische Nationalität haben.
Es ist eine komplizierte Gemengelage, die aber auch als Zwischenschritt eines möglichen Einmarsches nach Eritrea interpretiert wird, um dort den Hafen von Assab am Roten Meer kontrollieren zu können. Erst unlängst hatte der äthiopische Premierminister den Zugang zum Meer zu einer "Überlebensfrage" für sein Land erklärt. Möglich aber ist dieser Zugang nur über eritreisches Staatsgebiet.
Kaum ein Land auf der Welt ist so abgeschottet wie Eritrea. Das Land am Horn von Afrika wird autoritär regiert. Es gibt kaum Zugang zum Internet oder Social Media.
08.07.2026 | 28:42 minExperte befürchtet Audehnung über Landesgrenzen hinaus
Ulf Terlinden, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung am Horn von Afrika, befürchtet vor allem das Eskalationsrisiko über Äthiopien hinaus. "Schon jetzt wird berichtet, dass eritreische Verbände in Tigray durch äthiopische Drohnen zurückgedrängt wurden." Die Gefahr sei groß, dass sich der Krieg über die Landesgrenzen hinaus ausdehne. Dabei hätten beide Seiten zu wenig getan, um den seit Jahren schwelenden Konflikt zu bereinigen.
"Eritrea ist an diesem Konflikt in Äthiopien beteiligt, hat die verschiedenen ethnischen Milizen in Äthiopien nach vielen Berichten mit Waffen beliefert, ihnen freien Zugang gegeben. Andererseits hat Äthiopien dem eritreischen Regime mehrfach gedroht, seinen Hafen in Assab, wenn nötig, auch gewaltsam einzunehmen. Die Regierung beschreibt den Verlust des äthiopischen Meereszugangs mit der Unabhängigkeit Eritreas von Äthiopien 1993 als historischen Fehler, der korrigiert werden muss", sagt Terlinden.
Ethnohistoriker spricht von Kriegsmüdigkeit
Anders als beim letzten Konflikt zwischen Tigray und Äthiopien, der 2022 mit einem Waffenstillstand scheinbar beruhigt wurde, beobachtet der deutsche Ethnohistoriker und Äthiopienexperte Wolbert Smidt inzwischen in weiten Kreisen der tigrayischen Zivilbevölkerung, aber auch unter Soldaten, eine massive Kriegsmüdigkeit. "Das ist wie eine abgrundtiefe Depression, aufgrund all der Toten in fast jeder Familie, des ständigen wirtschaftlichen Stresses und des Mangels an Vertrauen in die eigene Führung."
Smidt rechnet mit einem starken Rückgang der Solidarität gegenüber der politischen Klasse - erst recht, wenn der Krieg lange andauern sollte. Das sehe man zunehmend auch an dem Druck aus der Bevölkerung für neue Lösungen, "die nicht nur die alten Muster wiederholen".
Die Grenze zu Eritrea ist nicht der einzige Konfliktpunkt in Äthiopien. Am Ursprungort des Arabica-Kaffees kämpfen äthiopische Kleinbauern trotz Verschiebung der EU-Verordnung weiter mit hohen Hürden und bürokratischen Anforderungen.
22.12.2025 | 2:15 minTerlinden: USA müssen Druck ausüben
Von 2020 bis 2022 war es in Tigray zu einem blutigen Bürgerkrieg gekommen, der Schätzungen zufolge mehr als 600.000 Menschenleben forderte. Die Lösung im jetzt wieder aufgeflammten Konflikt könne nur in einem "neuen Gesprächsrahmen" liegen, so Smidt. "Wir brauchen internationale Verhandler, die neu denken, die nicht nur die alten Muster wiederholen und sagen: 'Wir hatten Waffenstillstand, es wird alles eins zu eins umgesetzt werden, wie es damals vereinbart war.' Das wird nicht funktionieren.'"
Entscheidend hierfür, sagt auch Ulf Terlinden von der Heinrich-Böll-Stiftung für das Horn von Afrika, seien die USA. Von ihnen müsse Druck ausgeübt werden.
Die oberste Priorität muss jetzt sein, dafür zu sorgen, dass der Krieg nicht weiter eskaliert und die Landesgrenzen auch noch überschreitet. Die Gefahr ist wirklich groß. Und deshalb ist es wichtig, dass ganz dringend konzertierte diplomatische Aktionen angegangen werden.
Ulf Terlinden, Heinrich-Böll-Stiftung für das Horn von Afrika
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