Südafrika: alle 2,5 Stunden ein Femizid:Wie sich Südafrikas Frauen gegen die tödliche Gewalt wehren
von Verena Garrett
Siphosihle Mavimbela lebt versteckt vor ihrem Partner, hat durch ihn Gewalt erlebt, wie Millionen Frauen in Südafrika. Der Protest gegen ein System, das sie nicht schützt, wächst.
Eine junge Mutter, die partnerschaftliche Gewalt erfahren hat, baut sich im Frauenhaus ein neues Leben auf.
12.08.2026 | 6:18 minSiphosihle Mavimbela blickt heute mit Hoffnung in die Zukunft. Denn: Sie hat überlebt. Seit fünf Monaten lebt die Mutter von drei Kindern in einem Frauenhaus in der Nähe von Johannesburg. Mit Todesangst kam sie hierher. Ihr Partner schlug sie, vergewaltigte sie, drohte sie und die Kinder zu erschießen.
Es ist ihre zweite Notunterkunft, in der Ersten konnte sie nur zwei Monate bleiben: "Der Täter lebte ganz in der Nähe. Ich weiß nicht, wie er herausgefunden hat, wo ich war, aber er begann, nach mir zu suchen", sagt Siphosihle.
Schließlich hätten die Mitarbeitenden sie heimlich an einen anderen Ort bringen müssen.
Immer mehr Frauen werden Opfer von Femiziden. Delikte, bei denen Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind. Es geht um strukturelle Gewalt, von patriarchalen Gesellschaftsstrukturen geprägt.
22.11.2025 | 5:38 minJahrelang ist sie bei ihrem Partner geblieben - trotz der Gewalt. Weil sie nicht wusste, wohin. Irgendwann überwog die Angst, dass er den Kindern etwas antut.
25 Plätze gibt es im Frauenhaus. Wer hier ist, ist sicher. Doch die Frauen lassen nicht nur ihre Partner zurück, sondern ihr gesamtes Leben - und verlieren mit der Flucht oft auch den Rückhalt ihrer Familie.
Wenn sie gehen, heißt es, sie haben versagt. Es gibt ein Sprichwort in unserer Kultur, dass frei übersetzt besagt "Eine Frau muss dort sterben, wo sie verheiratet ist". Ganz egal, ob sie misshandelt wird - dort soll sie bleiben, bis sie stirbt.
Joan Hlako, Sozialarbeiterin
Die Farbe Lila als Symbol des Protests
Siphosihle ist keine Ausnahme. Doch die Frauen schweigen nicht mehr, gehen landesweit zu Tausenden in leuchtendem Lila auf die Straßen. Sie wollen gesehen, gehört, und vor allem geschützt werden.
"Wir wollen, dass das System uns hilft und unterstützt", sagt eine Demonstrantin.
Die Farbe Lila ist in Südafrika zum zentralen Symbol im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Femizide geworden.
Als Femizid wird die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts bezeichnet. Gemeint sind Frauentötungen, die durch hierarchische Geschlechterverhältnisse motiviert sind. Oft werden diese in (Ex-)Partnerschaften ausgeübt, sie können aber auch außerhalb stattfinden. Der Begriff zielt unter anderem darauf ab, die strukturelle Dimension der Gewalt zu betonen.
(Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)
Initiiert von der Organisation "Women for Change", fordern Frauen in den sozialen Medien und auf der Straße Solidarität und ein Ende der hohen Mordrate im Land: alle 2,5 Stunden stirbt in Südafrika eine Frau.
Ich kämpfe für meine Mutter, die Gewalt überlebt hat. Ich kämpfe für meine Mitschülerinnen. Es reicht. Ein Nein ist ein Nein. Bitte tut etwas, bevor es noch schlimmer wird.
Amafazi Bazopela, Demonstrantin
Viele Frauen berichten, dass sie sich in ihrem eigenen Land nicht sicher fühlen. "Jeder Mensch sollte sich sicher fühlen können", sagt eine junge Aktivistin. "Aber Frauen sind es hier nicht. Dass ich nachts nicht allein rausgehen kann oder kein Uber nehmen kann, ist inakzeptabel."
104 getötete Frauen, drei Geschichten: Angehörige, Kinder und Freunde berichten - die Doku mit Jochen Breyer deckt Muster, Warnsignale und Versäumnisse auf.
25.11.2025 | 43:37 minHöchste Zahl der Femizide weltweit - ein gesellschaftliches Problem
Die Ursachen der Gewalt sind tief verwurzelt: patriarchale Strukturen, extreme Armut, soziale Ungleichheit und die Nachwirkungen der Apartheid prägen die Gesellschaft Südafrikas bis heute. Die Zahl der Femizide liegt fünfmal höher als im globalen Durchschnitt.
Trotzdem erstatten viele Frauen keine Anzeige, wenn ihnen Gewalt angetan wird. Zu groß ist das Misstrauen in das Justizsystem - selbst Verurteilungen enden oft mit Bewährung.
Fast jeden Tag stirbt eine Frau durch einen Mann. In Spanien geht die Polizei gezielt mit einer Risikobewertungs-Software, viel Berufserfahrung und Fußfesseln gegen drohende Femizide vor.
21.11.2025 | 1:56 minBonnie Currie-Gamwo, südafrikanische Staatsanwältin mit Schwerpunkt Femizide, sieht die größten Lücken nicht nur bei Polizei und Gerichten: "Das größte Problem liegt gar nicht im Justizsystem, sondern in unserer Gesellschaft insgesamt", sagt sie. Opfer würden weiterhin beschämt - und genau das halte sie davon ab, Gerechtigkeit zu suchen.
Selbstverteidigung für Frauen in Armenvierteln
Besonders betroffen sind Frauen in den Townships, den Armenvierteln des Landes. Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt bestimmen hier den Alltag.
Risha Patak Harie, Gründerin der privaten Selbstverteidigungsinitiative I-Lead, gibt seit 2012 kostenlose Kurse für Mädchen und junge Frauen in den Townships. Sieben von zehn Mädchen hier gelten als Opfer von Gewalt.
Läuferinnen aus Kenia sind internationale Stars. Zuhause erleben sie oft Ausbeutung und Gewalt. Nach dem Mord an ihrer Freundin hilft Joan jungen Athletinnen, sich gegen Trainer zu wehren.
21.11.2025 | 12:05 minDie Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch höher, sagt sie: "Wir können nicht darauf warten, dass sich das System ändert oder die Regierung eingreift. Es geht vielmehr darum, was jede Einzelne für sich tun kann."
Mehr als 12.000 Menschen hat die Organisation inzwischen erreicht. Die Trainings finden in Schulen, in Universitäten, in Frauenhäusern statt. Dabei geht es nicht allein darum, Frauen beizubringen, wie sie sich körperlich gegen einen Angreifer wehren können. Die Teilnehmerinnen lernen, Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen, Grenzen zu setzen, selbstbewusst aufzutreten und im Ernstfall schnell zu reagieren.
Prävention in der Schule: Respekt für Frauen vermitteln
Dass Wissen allein nicht immer schützt, zeigt der Fall der jungen Journalistin Olorato Mongale. Im Mai 2025 war sie zu einem Date verabredet, am Ende war die 30-Jährige tot. Ihre Leiche wurde in einem Graben gefunden. Die mutmaßlichen Täter: drei Männer, verurteilt wegen Raub und Kidnapping einer Frau. Sie waren kurz vorher auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden.
Nach dem Tod ihrer Tochter gründete ihre Mutter eine Stiftung. Sie setzt auf Präventionsarbeit an Schulen - die sich gezielt an Jungen richtet.
Wir müssen bei den Jungen anfangen. Sie müssen früh lernen, Frauen zu respektieren.
Basetsana "Poppy" Mongale, Gründerin Olorato Mongale Stiftung
Über das, was ihrer Tochter passiert ist, spricht sie, damit andere Frauen wissen: gegen sie gerichtete Gewalt - ganz egal durch wen - darf niemals die Norm sein.
Verena Garrett ist Studioleiterin im ZDF-Studio Johannesburg.
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