Licht gegen Angsträume: Wien zeigt, wie wichtig Beleuchtung ist

Interview

Wien will Sicherheit in der Stadt:"Wichtig ist gleichmäßiges Licht ohne dunkle Ecken"

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Warum fühlen wir uns nachts auf Straßen und Plätzen unsicher und was hilft dagegen? Eine Wiener Stadtplanerin zeigt, welchen Unterschied gutes Licht im öffentlichen Raum macht.

Julia Girardi-Hoog steht mit fünf Personen bei einer nächtlichen Führung im Wiener Sonnwendviertel. Sie stehen an einem Grünstreifen zwischen mehrstöckigen Gebäuden, der mit Straßenlaternen hell beleuchtet ist.

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ZDFheute: Warum bieten sie die sogenannten Night Walks in Wien an? Was kann man sich darunter vorstellen?

Julia Girardi-Hoog: Wir gehen gemeinsam bei Dunkelheit durch ein Viertel und schauen uns an, wie die Stadt nachts wirkt. Viele Menschen nehmen ihre Umgebung dann ganz anders wahr.

Dabei wird klar, wie wichtig Licht, Orientierung und Sichtbarkeit für das Sicherheitsgefühl sind.

Genau diese Erfahrungen helfen uns auch bei der Planung neuer Stadtteile.

Julia Girardi-Hoog
Quelle: MD-Portraits

… hat Architektursoziologie studiert und arbeitete fünf Jahre für die Gewaltschutz-NGO WAVE (Women Against Violence Europa), wo sie Projekte für die Europäische Kommission realisierte. Seit 2013 ist sie für die Stadt Wien tätig. Seit drei Jahren verantwortet sie in der Stadtbaudirektion das "Gender Planning" und entwickelt Konzepte für eine sichere, lebenswerte und inklusive Stadtplanung.


ZDFheute: Wien gilt als eine der sichersten Städte der Welt. Warum beschäftigen Sie sich trotzdem so intensiv mit dem Sicherheitsgefühl?

Girardi-Hoog: Weil Sicherheit und Sicherheitsgefühl nicht dasselbe sind. Viele Menschen, vor allem Frauen, fühlen sich nachts im öffentlichen Raum unsicher - auch in einer objektiv sehr sicheren Stadt wie Wien. Dieses Phänomen beobachten wir weltweit. Deshalb überlegen wir bei jedem Projekt: Wie können wir Wege, Plätze und Parks so gestalten, dass Menschen sich dort wohlfühlen und angstfrei unterwegs sein können.

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ZDFheute: Wie kann Stadtplanung das konkret beeinflussen?

Girardi-Hoog: Ein zentraler Faktor sind Sichtachsen.

Menschen möchten sehen können, wohin sie gehen.

Wenn ich einen Weg überblicken kann, gibt mir das Orientierung und Kontrolle. Deshalb achten wir darauf, dass Wege offen gestaltet sind, dass keine dichten Büsche die Sicht versperren und dass Wartehäuschen oder andere Elemente möglichst transparent sind. Man soll seine Route planen können und Alternativen haben.

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ZDFheute: Warum sind Alternativen so wichtig?

Girardi-Hoog: Wenn ich sehe, dass sich auf meinem Weg eine Gruppe aufhält, der ich lieber ausweichen möchte, kann ich eine andere Route wählen. Dieses Gefühl, selbst entscheiden zu können, wie ich mich bewege, stärkt das Sicherheitsgefühl enorm. Menschen wollen ihre Umgebung lesen und einschätzen können.

Bereits seit den 1990er Jahren verfolgt Wien das Ziel, den öffentlichen Raum durch geschlechtergerechte Planung sicherer und besser nutzbar zu machen. Sogenannte Angsträume, Orte, an denen sich Menschen unsicher fühlen, werden durch gute Beleuchtung, freie Sichtachsen und übersichtliche Wege gezielt reduziert. So sollen sich alle, insbesondere Frauen, sicher und selbstbestimmt in der Stadt bewegen können.


ZDFheute: Welche Rolle spielt dabei die Beleuchtung?

Girardi-Hoog: Eine sehr große. In Wien wird genau berechnet, welche Leuchten wo eingesetzt werden.

Wichtig ist ein gleichmäßiges Licht ohne dunkle Ecken und starke Schatten. Die Hauptwege müssen gut ausgeleuchtet sein.

Gleichzeitig achten wir darauf, Lichtverschmutzung zu vermeiden und Rücksicht auf Tiere und Pflanzen zu nehmen. Gute Beleuchtung bedeutet nicht möglichst viel Licht, sondern das richtige Licht am richtigen Ort.

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ZDFheute: Viele Frauen haben Angst vor Übergriffen in der Öffentlichkeit. Entspricht das den tatsächlichen Risiken?

Girardi-Hoog: Die Statistiken zeigen ein differenzierteres Bild. Frauen erleben Belästigungen im öffentlichen Raum häufiger als Männer. Schwere Gewalt gegen Frauen findet jedoch oft im persönlichen Umfeld statt: Zu Hause sind sie viel gefährdeter. Gleichzeitig sind Männer häufiger Opfer von Gewalt durch fremde Täter im öffentlichen Raum. Doch das Unsicherheitsgefühl von Frauen ist real und beeinflusst ihr Verhalten. Deshalb nehmen wir es ernst.

Immer mehr Menschen leben in Städten. Was machen sie lebenswert? Wo fühlen sich die Menschen sicher? Was lässt sich gegen die zunehmende Hitze tun? Und wie funktioniert eine gute Nachbarschaft?

"City Vibes" von plan b begibt sich auf Spurensuche in Deutschland und Europa. "Wie kühlen wir unsere Städte ab?" können Sie am 28. Juni um 15:30 Uhr im ZDF sehen, "Wie machen wir unsere Städte sicherer?" am 5. Juli um 15:30 Uhr. Oder beide Teile jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.


ZDFheute: Sie planen bewusst aus weiblicher Perspektive. Warum?

Girardi-Hoog: Weil Frauen sehr genau beschreiben können, welche Situationen ihnen unangenehm erscheinen und was ihnen Sicherheit gibt. Wenn wir diese Erfahrungen berücksichtigen, profitieren am Ende alle davon. Wir achten bei der Stadtplanung auch immer darauf, dass es viele Sitzgelegenheiten gibt. Spielplätze, Grünflächen und Treffpunkte sollen dafür sorgen, dass sich verschiedene Gruppen im öffentlichen Raum aufhalten. Denn diese soziale Mischung stärkt ebenfalls das Sicherheitsgefühl.

Das Interview führte Babette Hnup.

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Eine Straßenlaterne erleuchtet einen schmalen Straßenabschnitt in der Nacht. Darunter hastet eine Person auf dem Gehweg vorbei. Sie hält Ihr Smartphone in der Hand.
Über dieses Thema berichtet die Sendung "City Vibes: Wie machen wir unsere Städte sicherer?", online verfügbar am 25.06.2026 um 10 Uhr, im ZDF am 05.07.2026 ab 15:30 Uhr.

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