Ohne Angst durch die Nacht:Amsterdam will mehr Sicherheit an unheimlichen Orten
von Selma Spangenberg
Gewalttaten haben Amsterdam aufgerüttelt. Nun will die Stadt, besonders für Frauen, die Sicherheit in Unterführungen, Metro-Stationen und auf abgelegenen Radwegen verbessern.
Die 17-jährige Lisa wurde im August 2025 nachts auf einem Radweg überfallen und ermordet. Amsterdam zieht Konsequenzen daraus. Öffentlicher Raum wird umgestaltet, um sicherer für Frauen zu werden.
26.03.2026 | 2:00 minDer Tod der 17-jährigen Lisa im August vergangenen Jahres hatte die Niederlande erschüttert: Nach dem Feiern war die Amsterdamerin mit dem Fahrrad unterwegs nach Hause, als sie erstochen wurde. Sie hatte ihren Verfolger noch bemerkt und selbst die Polizei gerufen, doch die Hilfe kam zu spät. Seitdem ist das Thema Sicherheit für Frauen in den Fokus gerückt, wurde ein neues Bewusstsein für ihre Situation geweckt.
Unterwegs mit dem Fahrrad: Fast die Hälfte sorgt sich um Sicherheit
Sechs Millionen Euro nimmt Amsterdam in die Hand, für Beleuchtung, Kameras und mehr Polizeipräsenz. Der öffentliche Raum bekommt ein "Makeover", denn die eigentlich so fahrradfreundliche Stadt hat ein Problem: Fast die Hälfte der Amsterdamerinnen und Amsterdamer hat Angst, auf dem Fahrrad belästigt zu werden. Unter den Frauen ist der Anteil sogar noch höher: Acht von zehn jungen Amsterdamerinnen fühlen sich auf dem Fahrrad unsicher - oft machen sie Umwege oder weichen auf ganz andere Transportmittel aus.
Ein Perspektivwechsel für den öffentlichen Raum
Einen Grund für das mangelnde Sicherheitsgefühl der Amsterdamerinnen sieht die stellvertretende Bürgermeisterin Melanie van der Horst in der Stadtplanung. Das Planungspersonal habe sich bisher zum überwiegenden Teil aus männlichen Kollegen zusammengesetzt. Dadurch sei der öffentliche Raum oft aus einer männlichen Perspektive entworfen worden. Das solle sich nun ändern.
Man muss diese Räume wirklich aus der Perspektive der Frauen betrachten.
Melanie van der Horst, stellv. Bürgermeisterin Amsterdam
Vollkommen ausgeglichen sei das Verhältnis der Stadtplanerinnen und Stadtplaner zwar noch nicht, aber man sei auf einem guten Weg. Und um auch den Blick der männlichen Kollegen zu schulen, setzt die Stadt auf Hilfe von außen: Lichtkünstlerin Titia Ex sensibilisiert Beamte für problematische Beleuchtung in Amsterdam. Sie hat junge Frauen auf ihren Wegen durch die Stadt begleitet und zu ihrer Unsicherheit befragt.
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25.11.2025 | 43:37 minMehr Licht für mehr Sicherheit?
Durch Mitlaufen, durch aufmerksames Zuhören versteht Titia Ex die Perspektive junger Frauen - und räumt mit planerischen Trugschlüssen auf. Der Glaube beispielsweise, mehr Licht biete mehr Sicherheit, sei in Amsterdam bisher weit verbreitet. Dabei sei das kontraproduktiv, es gehe darum, "das richtige Gleichgewicht zu finden", so die Künstlerin. Besonders unangenehm sei diese Überbeleuchtung in vielen der rund 700 Amsterdamer Unterführungen.
Wenn das Licht zu stark ist, läuft man am Tunnelausgang in eine Art blinden Fleck. Man wird eigentlich eine Art Beute.
Titia Ex, Lichtkünstlerin
Alternative Beleuchtungskonzepte
Für die Überarbeitung der rund 130 unsicheren Stellen, die sie in der Stadt ausfindig gemacht hat, schlägt die Künstlerin viele Ideen vor: Kaltes Röhrenlicht durch warme Farben ersetzen, durchgehende Beleuchtungsstreifen anbringen, um unregelmäßigen Hell-Dunkel-Phasen entgegenzuwirken. Umdenken von bloßer Quantität zu Beleuchtungsqualität.
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25.11.2025 | 1:41 minSchritt für Schritt mehr Sicherheit
Falsch beleuchtete Tunnel und abgelegene Radwege, das sind die ersten Baustellen, die Amsterdam nun angeht. Doch das sei erst der Anfang, so van der Horst. Neben Fahrradfahrerinnen wolle die Stadt den öffentlichen Raum in Zukunft auch für Joggerinnen zugänglicher machen. Diese würden nachts ebenfalls oft nicht rausgehen, "weil sie sich im Winter, im Dunkeln, unwohl fühlen". Die stellvertretende Bürgermeisterin sieht in den geplanten Projekten allerdings nicht nur für Frauen eine Chance:
Wenn wir den öffentlichen Raum aus der Perspektive junger Frauen gestalten, sorgen wir für eine angenehmere Stadt für alle.
Melanie van der Horst, stellv. Bürgermeisterin Amsterdam
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