Studie aus England:Warum Gewalt gegen Frauen nach Fußballspielen zunimmt
Nach Fußballspielen steigt die häusliche Gewalt gegen Frauen. Das zeigt eine britische Studie. Studienautor Tom Kirchmaier erklärt die Gründe und was sich dagegen tun lässt.
Eine Studie zeigt, dass Gewalt gegen Frauen nach Fußballspielen zunimmt. Tom Kirchmaier, Mitautor der Studie, erklärt im ZDFheute Interview, woran das liegt.
04.07.2026 | 1:32 minZDFheute: Was hat Fußball mit dem Gewaltanstieg gegen Frauen zu tun?
Tom Kirchmaier: Fußball an sich hat erst einmal nichts mit dem Gewaltanstieg zu tun.
Das Problem ist der Alkoholkonsum im Rahmen dessen.
Wir haben herausgefunden, dass ein früher Anpfiff, etwa zur Mittagszeit, den Anstieg verschärft.
Die Männer gehen nach dem Spiel noch in die Kneipe und haben länger Zeit, sich zu betrinken, bis sie nach Hause gehen. Sie verlieren die Kontrolle über sich und dann passieren Sachen, die nicht passieren sollten. Höhepunkt des Ganzen ist acht Stunden nach Anpfiff, wie unsere Daten zeigen.
Der Bundestag hat für eine Reform des Gewaltschutz-Gesetzes gestimmt. Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking sollen besser geschützt werden.
08.05.2026 | 0:23 minZDFheute: Spielt es eine Rolle, ob die eigene Mannschaft gewinnt oder verliert?
Kirchmaier: Wir haben dazu nichts gefunden. Aber die Forschung in Amerika zeigt beim American Football, dass eher die Erwartungshaltung eine Rolle spielt. Wenn ich erwarte, dass meine Mannschaft gewinnt und sie verliert, dann ist das ganz schlecht. Wenn sie gewinnt, obwohl man erwartet hat, dass sie verliert, wirkt sich das nicht aus. Also: Nicht das Endresultat zählt, sondern meine eigene Erwartung.
ZDFheute: Wie groß ist das Ausmaß?
Kirchmaier: Es fällt mir schwer, eine Zahl zu nennen, denn es gibt viele verschiedene Faktoren, die Einfluss nehmen können. Wir beobachten zum Beispiel, dass linear zum Anstieg der Temperatur auch die häusliche Gewalt steigt.
Ein wichtiger Schritt für Opfer häuslicher Gewalt: Der Bundestag hat heute ein Gesetz beschlossen, das Gewalttäter zum Tragen einer Fußfessel verpflichten kann.
08.05.2026 | 1:41 minLogisch, es ist heiß, die Leute trinken mehr und dann auch mehr Alkohol. Oder wenn das Spiel auf einem Feiertag liegt. Dann trinken die Männer meist über mehrere Stunden. Der entscheidende Faktor ist der Alkohol.
ZDFheute: Wie haben Sie das untersucht?
Kirchmaier: Wir haben fast acht Jahre an der Studie gearbeitet und uns angeschaut, wie die Gewalt nach Fußballspielen in Manchester zunimmt. Dafür haben wir Zugang zu den Polizeidaten bekommen. Manchester ist eine interessante Stadt, hat zwei größere und zwei kleinere Fußballclubs. Und es ist eine Stadt mit ungefähr drei Millionen Einwohnern im gesamten Ballungsraum.
Wir hatten also ausreichend Daten zur Verfügung, um stichhaltig forschen zu können, woher der Effekt kommt. Wir gehen aber davon aus, dass das Problem noch viel größer ist, denn in einigen Fällen wird die Polizei nicht eingeschaltet. Wir wissen nicht, wie groß die Dunkelziffer ist.
... ist der Leiter der Forschungsgruppe "Policing and Crime" an der London School of Economics and Political Science. Ein Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf häuslicher Gewalt. Zusammen mit drei weiteren Wissenschaftlerinnen hat er die Studie "Football, alcohol, and domestic abuse" verfasst.
Über acht Jahre lang haben die Studienautor*innen Polizeidaten der Stadt Manchester in Großbritannien ausgewertet und dabei herausgefunden, dass nach Fußballspielen die Vorfälle häuslicher Gewalt steigen. Der Effekt ist bei frühen Spielen am stärksten und geht vor allem von männlichen Tätern aus, die Alkohol konsumiert haben. Die Ergebnisse zeigen: In den ersten vier Stunden nach einem Spiel steigt die häusliche Gewalt alle zwei Stunden um fünf Prozent an. Der stärkste Anstieg mit 7,4 Prozent tritt zwischen 10 und 12 Stunden nach Spielbeginn auf.
ZDFheute: Ist der Gewaltanstieg nach Fußballspielen nur ein britisches Phänomen?
Kirchmaier: Nein, das glaube ich nicht. Großbritannien ist nur das Beispiel, weil wir hier sehr guten Zugang zu den Polizeidaten hatten. Aber das spielt sich genauso in Deutschland oder in allen anderen Ländern der Welt ab.
ZDFheute: Wie haben die Fußballverbände auf Ihre Studie reagiert?
Kirchmaier: Gar nicht.
Hass und Drohungen schlagen nicht etwa den männlichen Tätern, sondern den Frauen entgegen, die über sexualisierte Gewalt sprechen. Salwa Houmsi fragt: Wann wechselt die Scham die Seite?
15.05.2026 | 44:55 minZDFheute: Wie lässt sich der Gewaltanstieg vermeiden?
Kirchmaier: Indem wir den Anpfiff auf spätere Uhrzeiten legen. Nach dem Spiel sind die Kneipen und Biergärten schon geschlossen und die Männer gehen einfach nach Hause und trinken keinen Alkohol. Und dann gibt es auch keinen Anstieg bei der häuslichen Gewalt. Wir empfehlen einen Anpfiff ab 18 Uhr.
Das Interview führte Sophie Burkhart.
- Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": 116 016, Online-Beratung via Chat oder E-Mail
- Bundesweite Frauenhaussuche
- KI-Hilfe-Chat Maya: ein KI-Chat, der rund um die Uhr auf vielen Sprachen anonym und sicher verfügbar ist und hilft, passende Unterstützungsangebote zu finden.
- Juristische Unterstützung: Die Feminist Law Clinic gibt kostenlose Rechtsberatung für Betroffene von Gewalt oder Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, auch zum Gewaltschutzgesetz. Die Beratung ist bundesweit online sowie in Köln, München, Hamburg, Tübingen und Göttingen in Person möglich. Weitere Infos via Mail an beratung@feministlawclinic.de erhältlich.
- Weitere Unterstützung: Bundesweit gibt es unterschiedliche Anlaufstellen beispielsweise für Selbsthilfegruppen oder die anonyme Spurensicherung.
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