Gewalt durch organisierte Kriminalität:Massentötungen erschüttern Südafrika
von Verena Garrett, Johannesburg
Zwei Massenschießereien innerhalb weniger Stunden, Dutzende Tote: Südafrika erlebt eine Serie schwerer Gewalttaten. Experten warnen vor einem Staat, der die Kontrolle verliert.
18 Menschen sterben, als am Wochenende Bewaffnete eine Bar bei Johannesburg stürmen. Nicht der einzige Vorfall in wenigen Stunden. Droht der Staat, die Kontrolle zu verlieren?
30.09.2026 | 3:09 minEs ist kurz vor zwei Uhr morgens. Das Lokal im Township Lwandle bei Kapstadt ist voll. Menschen feiern, dann fallen Schüsse. Zehn Menschen sterben, elf weitere werden verletzt. Kamvalethu Galada ist an diesem Abend dort, sie überlebt unverletzt.
Überall waren Leichen. Manche lagen auf Leuten, die noch am Leben waren.
Kamvalethu Galada, Augenzeugin
Augenzeugen berichten, die Täter hätten wahllos in die Menge geschossen. Warum das Lokal zum Ziel wurde, ist noch nicht abschließend geklärt. "Nach Aussagen des Besitzers und dem Stand unserer Ermittlungen sieht es so aus, als ob geschäftliche Rivalität hier der Grund sein könnte", sagt Polizeichef Sizakhele William Dyantyi.
18 Tote bei Angriff nahe Johannesburg
Nur wenige Stunden zuvor, rund 1.300 Kilometer entfernt, wird eine Kneipe in Carletonville bei Johannesburg zum Tatort. Acht bewaffnete Männer stürmen eine Kneipe und eröffnen mit Sturmgewehren das Feuer. 18 Menschen werden getötet, 15 weitere verletzt. Zwei Autos werden in Brand gesetzt.
Eine junge Mutter baut sich im Frauenhaus ein neues Leben auf - ohne Angst vor ihrem Partner. Gewalt ist Alltag für viele Frauen in Südafrika, die sich auch politisch gegen das Patriarchat auflehnen.
12.08.2026 | 6:18 minDie Polizei prüft einen möglichen Vergeltungsangriff. Gleichzeitig schließen die Ermittler einen Konflikt zwischen rivalisierenden Banden nicht aus. "Wir können die Frage der Revierkämpfe im Zusammenhang mit dem illegalen Bergbau nicht außer Acht lassen", so der Polizeichef der Provinz Gauteng, Tommy Mthombeni.
Dutzende Massentötungen in diesem Jahr in Südafrika
Zwei Vorfälle, die für eine Entwicklung stehen, die Südafrika seit Jahren beschäftigt: organisierte Kriminalität und extreme Gewalt. Die Globale Initiative gegen transnationale organisierte Gewalt (GI-TOC) hat seit Januar 45 Massentötungen mit mindestens 210 Todesopfern erfasst. Die Dunkelziffer dürfte vermutlich höher liegen. Die Organisation wertet öffentlich zugängliche Informationen aus und geht selbst von einer Untererfassung aus.
Seit Wochen kommt es in Südafrika zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen. Fremdenfeindliche Gruppen greifen dabei gewaltsam Zuwanderer an.
30.06.2026 | 1:40 minAllein im September dokumentierte GI-TOC mehrere schwere Angriffe. Wenige Tage vor den Schießereien in Carletonville und Lwandle wurden bei einem Angriff nahe Durban zwölf Menschen getötet, darunter eine schwangere Frau.
Hinter der Gewalt stehen laut Experten vor allem Konflikte um kriminelle Märkte: "Die jüngsten Fälle in Johannesburg stehen im Zusammenhang mit illegalem Bergbau. Andere Tötungen sind mit Erpressung, Bandenkriminalität und Drogen verbunden - oder mit der Gewalt im Taxi-Gewerbe", so GI-TOC- Sicherheitsexperte Julian Rademeyer. Die Opfer seien dabei oft nicht das eigentliche Ziel.
In manchen Fällen wollen die Täter eine Botschaft senden und Angst verbreiten. Wenn sie dann das Feuer eröffnen, nehmen sie keine Rücksicht darauf, wer ins Kreuzfeuer gerät.
Julian Rademeyer, Sicherheitsexperte
In Kapstadts Armenvierteln herrscht extreme Gewalt. Deshalb patrouillieren Soldaten und Polizei gemeinsam, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Doch viele Bewohner zweifeln an einem Erfolg im Kampf gegen die Kriminalität.
15.04.2026 | 1:44 minKorruption als Problem in Südafrika
Es fehle dem Staat an einer Antwort auf die Gewalt, sagen Sicherheitsexperten, die sich seit Jahren mit der Gewalt im Land beschäftigen. Südafrika setzt bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität auch auf das Militär. Soldaten unterstützen die Polizei in besonders betroffenen Regionen. Doch die Gewalt geht weiter.
Ein weiterer Aspekt: Die organisierte Kriminalität hat nach Einschätzung Rademeyers auch die Sicherheitsbehörden des Landes erreicht. Korruption erschwere Ermittlungen und schwäche den Staat von innen. "Wir sehen immer wieder, dass Einsätze lange im Voraus geplant werden und die Polizei dann niemanden vorfindet - obwohl der Einsatz geheim gehalten werden sollte. Informationen gelangen nach außen, Akten verschwinden, Fälle schaffen es gar nicht erst vor Gericht", so Julian Rademeyer.
Gewalt ist Alltag in den Townships
Gleichzeitig hat die Gewalt in vielen Regionen Südafrikas eine lange Vorgeschichte. Armut, soziale Ungleichheit und jahrzehntelange Gewalterfahrungen haben Spuren hinterlassen. "In vielen Fällen haben wir es mit einem generationenübergreifenden Trauma zu tun - als Folge davon, wie gewalttätig Südafrika war und weiterhin ist", so Julian Rademeyer.
Gerade in den Townships des Landes wachsen Kinder mit Gewalt im Alltag auf. Das prägt ihr Leben. Wenn diejenigen, die die Gewalt bekämpfen sollen, selbst Teil des Problems werden, wird es für den Staat immer schwieriger, die Kontrolle zurückzugewinnen.
Verena Garrett ist Studioleiterin im ZDF- Studio Johannesburg.
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