Welt-Aids Konferenz in Rio:Wie Kürzungen den Kampf gegen Aids in Südafrika gefährden
von Anne Siebelhoff, Johannesburg
HIV und Aids sind heute so gut behandel- und vermeidbar wie nie zuvor. Doch fehlende Gelder gefährden diese Erfolge - vor allem bei Prävention, Beratung und lokalen Hilfsangeboten.
HIV-Infektionen im Süden Afrikas sind hoch. Doch in den letzten Jahren sind die Zahlen gesunken dank neuer Schutz-Medikamente und Vorsorge. Finanzielle Kürzungen gefährden jetzt diese Erfolge.
30.07.2026 | 1:42 minDie Nachricht traf Nomonde Ngema völlig unvorbereitet. Als Anfang letzten Jahres bekannt wurde, dass internationale Gelder für die HIV-Bekämpfung gekürzt werden, rief sie sofort ihre Großmutter an, erzählt sie ZDFheute. Aus Angst, die Medikamente könnten knapp werden, bat sie sie, vorsorglich einen Vorrat aus der Klinik zu holen.
Niemand wusste, wie lange die Medikamente noch verfügbar sein würden.
Nomonde Ngema, HIV- Aktivistin
Nomonde Ngema lebt seit ihrer Geburt mit HIV. Seit ihrem siebten Lebensjahr nimmt die Südafrikanerin täglich Tabletten, die die Viruslast in ihrem Blut unterdrücken. Dank der Therapie kann sie heute ein gesundes Leben führen - doch mit den angekündigten Kürzungen kehrte eine Angst zurück, die sie längst überwunden glaubte.
Südafrika hat die höchste HIV-Rate weltweit. UNAIDS warnt vor Rückschritten durch Kürzungen bei Entwicklungshilfen. Betroffenen macht das neue Medikament Lenacapavir Hoffnung.
01.12.2025 | 1:49 minIn Südafrika leben besonders viele HIV-Infizierte
In Südafrika ist diese Sorge besonders groß. Das Land hat weltweit die höchste Zahl an Menschen, die mit HIV leben: Rund acht Millionen Menschen sind infiziert - und das bei einer geschätzten Gesamtbevölkerung von 65 Millionen Menschen.
Jede Woche stecken sich dort allein rund 1.000 Mädchen und junge Frauen neu an. Aktuell erhalten rund sechs Millionen eine antiretrovirale Therapie. Nach den internationalen Kürzungen sprang die südafrikanische Regierung ein und konnte die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten weitgehend sichern.
Prävention gerät unter Druck
Auf der 26. Internationalen AIDS-Konferenz in Rio de Janeiro beraten Fachleute derzeit darüber, wie HIV und Aids bis 2030 eingedämmt werden können. Doch der Kampf gegen das Virus steht gleichzeitig unter Druck. Auslöser sind drastische Kürzungen internationaler Hilfsgelder, die zahlreiche HIV- Programme insbesondere in ärmeren Ländern getroffen haben.
Die Menschen in der Flüchtlingsstadt Dadaab sind auf Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen. Die USA kürzen nun wichtige Gelder für die Hilfen. Welche Auswirkungen haben die Einsparungen auf das Leben der Menschen?
04.06.2025 | 15:03 minViele Staaten haben ihre eigenen Ausgaben erhöht, um die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten aufrechtzuerhalten. Dieses Geld fehle nun jedoch an anderer Stelle, sagt Mary Mahy von UNAIDS, dem gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von HIV/AIDS, im Interview mit ZDFheute. Besonders betroffen seien Präventionsprogramme und lokale Organisationen. "Die Behandlung konnten wir bislang sichern. Jetzt müssen wir wieder stärker in Prävention und die Arbeit lokaler Organisationen investieren", erklärt sie.
Gerade diese Angebote seien entscheidend. Sie erreichten besonders gefährdete Gruppen wie junge Frauen, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter oder homosexuelle Männer häufig oft besser als staatliche Gesundheitsdienste. Bei diesen lokalen Organisationen erhalten Betroffene Beratung, HIV-Tests oder Medikamente in einem Umfeld, in dem sie weniger Angst vor Stigmatisierung haben müssen.
Fielen diese Angebote weg, könne das langfristig zu mehr HIV-Neuinfektionen führen, warnt Mahy. Die Folgen würden sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen.
Fortschritte trotz Finanzierungslücke
Der aktuelle UNAIDS-Bericht zeichnet ein widersprüchliches Bild: Weltweit gehen Neuinfektionen und aidsbedingte Todesfälle seit Jahren zurück. Gleichzeitig sind die internationalen Mittel für die HIV-Bekämpfung 2025 um 18 Prozent eingebrochen - der stärkste Rückgang seit fast zwei Jahrzehnten.
Nach Angaben von UNAIDS fehlten allein 2025 rund 4,3 Milliarden US-Dollar, um das Ziel zu erreichen, HIV und Aids bis 2030 als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit zu beenden.
Hoffnung aus der Forschung: ein neues Medikament
Ein Hoffnungsträger in der HIV-Prävention ist Lenacapavir. Das Medikament schützt HIV-negative Menschen vor einer Infektion und muss nur zweimal pro Jahr gespritzt werden. Bis Ende Juni 2026 erhielten laut UNAIDS bereits mehr als 51.000 Menschen in neun Ländern südlich der Sahara den Wirkstoff.
Seit Jahren gilt die tägliche Tabletteneinnahme der PrEP als fester Bestandteil der HIV-Prävention - besonders in Risikogruppen. Könnte sie in Deutschland von einer Spritze abgelöst werden?
01.12.2025 | 5:07 minFinanziert seien derzeit rund drei Millionen Dosen. Langfristig würden nach Schätzungen von UNAIDS jedoch rund 20 Millionen benötigt, um die Zahl der Neuinfektionen deutlich zu senken.
Auch in Südafrika können bislang längst nicht alle Menschen erreicht werden, die eine HIV-Prävention brauchen. Linda-Gail Bekker vom Desmond Tutu HIV Centre fordert deshalb niedrigere Preise und eine deutlich größere Verfügbarkeit des Medikaments. Bis dahin müsse entschieden werden, wer den Wirkstoff zuerst erhalte.
In einem Land mit acht Millionen Menschen, die mit HIV leben, und rund 180.000 Neuinfektionen pro Jahr können wir Lenacapavir nicht allen anbieten.
Linda-Gail Bekker, Direktorin des Desmond Tutu HIV Centre
Aktivistin: "Wir dürfen jetzt nicht nachlassen"
Für Nomonde Ngema steht fest, dass sie sich weiter für Aufklärung und die Rechte von Menschen mit HIV einsetzen wird. Als Aktivistin reist sie um die Welt und spricht offen über ihre Geschichte.
Die 24-jährige Cecilia Dücker entdeckt im Rahmen einer Routineuntersuchung eine Chlamydien-Infektion. Wie kann man sich von einer der häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten schützen?
04.09.2025 | 5:02 minViele Menschen hätten vergessen, wie dramatisch die HIV-Epidemie noch vor wenigen Jahren gewesen sei, sagt sie. Gerade deshalb dürften Prävention und Aufklärung jetzt nicht vernachlässigt werden. Noch immer wüssten viele Menschen zu wenig über HIV - etwa, wie das Virus übertragen wird oder dass sich eine Infektion heute wirksam verhindern lässt.
HIV ist ein Virus, das das Immunsystem angreift und vor allem beim Sex übertragen wird. Unbehandelt schwächt es die Immunabwehr zunehmend. Das fortgeschrittene Stadium einer HIV-Infektion wird als Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome) bezeichnet.
Etwa 41 Millionen Menschen leben weltweit mit HIV. Im Jahr 2025 infizierten sich rund 1,2 Millionen Menschen neu, so die Zahlen von UNAIDS, dem Programm der Vereinten Nationen. Rund 570.000 starben an den Folgen von Aids.
Seit 2010 gingen die Neuinfektionen weltweit um 42 Prozent zurück, die aidsbedingten Todesfälle um 57 Prozent.
Die größten Rückgänge bei den HIV-Neuinfektionen verzeichnete Subsahara-Afrika: Seit 2010 sank die Zahl um 59 Prozent. Das Risiko einer Neuinfektion von Mädchen und Frauen ist dabei drei- bis viermal höher als das gleichaltriger Jungen und junger Männer.
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