Positivtrend im Vorlesemonitor 2026:Warum immer mehr Kindern vorgelesen wird
von Kai Remen
Die Gute-Nacht-Geschichte liegt offenbar im Trend. Immer mehr Kindern wird vorgelesen. Ein Grund für den Anstieg dürften Förderprogramme sein, doch eines steht vor dem Aus.
Eltern lesen ihren Kindern häufiger vor. Die Stiftung Lesen sieht bei Ein- und Zweijährigen sowie Achtjährigen Verbesserungen. Gut 76 Prozent der Eltern lesen mindestens mehrmals pro Woche vor.
27.10.2026 | 1:28 minEs ist eine Nachricht, die die Stiftung Lesen am Dienstag gerne verkündet: Mehr Kindern wird regelmäßig vorgelesen als noch vor zwei Jahren. Das zeigen die Ergebnisse des Vorlesemonitors 2026 der Stiftung Lesen gemeinsam mit der Deutsche-Bahn-Stiftung und der "Zeit".
Die Gründe dafür seien vielfältig und doch dürfte nicht vergessen werden, dass noch immer vielen Kindern nicht vorgelesen werde. Die Politik stehe in der Verantwortung, das Vorlesen und damit die frühkindliche Entwicklung zu fördern.
Der bundesweite Vorlesetag soll Aufmerksamkeit auf das Vorlesen lenken. Wie unterstützt die frühzeitige Förderung Kinder in Sprache, Entwicklung und Alltag?
22.11.2025 | 1:57 minDrei von vier Kindern wird in Deutschland vorgelesen
Seit 2007 erfassen die Initiatoren das bundesweite Vorleseverhalten, zuerst jährlich, inzwischen alle zwei Jahre. Die Entwicklung ist eindeutig: Im Jahr 2024 lasen rund zwei Drittel (67,7 Prozent) der Eltern von ein- bis achtjährigen Kindern mindestens mehrmals in der Woche vor. 2026 lag der Anteil höher, bei rund drei Vierteln (76,4 Prozent).
Deutliche Verbesserungen sehen wir bei den Eltern der Ein- und Zweijährigen und insbesondere der achtjährigen Kinder. Bei den ganzen negativen Bildungsstatistiken, die wir zuletzt gehört haben, ist das endlich mal eine positive Nachricht.
Jörg Maas, Geschäftsführer Stiftung Lesen
Das Wachstum bei den jüngsten Kindern der insgesamt 914 befragten deutschsprachigen Eltern sei besonders erfreulich, erklärt Maas. Viele von ihnen würden noch keine Kita besuchen, die frühkindliche Entwicklung sei aber prägend und lege die Grundlagen für Sprache und Persönlichkeit.
Lesen kann die geistige Entwicklung beeinflussen, doch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die zum Buch greifen, sinkt. Verlage versuchen bei der Buchmesse entgegenzusteuern.
11.10.2026 | 2:30 minNiedrigschwellige Angebote und eine Sensibilisierung
Die Gründe für den Positivtrend sieht man bei der Stiftung Lesen in niedrigschwelligen Angeboten. Das vom Bund geförderte Programm "Lesestart 1-2-3", das Buchgeschenke und Vorleseimpulse in Kinderarztpraxen bringe, sei erfolgreich.
Wir sehen außerdem, dass flexiblere Arbeitszeiten bei den Eltern auch dazu führen, dass sie mehr Zeit haben, den Kindern vorzulesen.
Jörg Maas, Geschäftsführer Stiftung Lesen
Auch Büchereien, Bibliotheken, Kitas und Grundschulen könnten das unterstützen. Ein Vorlesen müsse nicht ausschließlich in Deutsch geschehen, auch die Familiensprachen seien ein wichtiger Schritt, so Maas. Bei der Stiftung Lesen sieht man keinen alleinigen Zusammenhang zwischen Vorlese-Routinen und dem Milieu der Familien. Viel wichtiger sei die Prägung der heutigen Eltern:
Wir sehen einen Generationenwechsel. Diejenigen, die jetzt Eltern geworden sind und ihren Kindern häufiger vorlesen, als das früher der Fall war, sind die Eltern, denen selber vorgelesen wurde.
Jörg Maas, Geschäftsführer Stiftung Lesen
Wunsch nach öffentlicher Wahrnehmung
Die - gerade in Zeiten schlechter Pisa-Ergebnisse - erfreulichen Zahlen des diesjährigen Vorlesemonitors seien aber kein Grund zum Ausruhen. Als Gesellschaft würden wir auch langfristig von frühkindlicher Bildung profitieren, meint Maas.
Wer besser lesen und Dinge verstehen kann, der kann auch Wahrheit von Fake News unterscheiden, der kann sich auch politisch engagieren, geht nicht irgendwelchen Populisten auf den Leim und wird auch dazu beitragen, dass sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland verbessert.
Jörg Maas, Geschäftsführer Stiftung Lesen
Jeder Einzelne könne aktiv werden, so der Appell der Stiftung - ob als ehrenamtlicher Vorleser oder am bundesweiten Vorlesetag am 20. November. "Bildungszugang durch Lesen" müsse eine viel stärkere öffentliche Wahrnehmung bekommen.
In Duisburg macht Lale Öztürk das Vorlesen zur lebendigen Show. Kinder aus vielen Kulturen entdecken dabei Sprache als Schlüssel für Bildung und Verständigung.
23.03.2026 | 3:38 minStiftung Lesen: Es braucht mehr Geld
Deshalb fordert Jörg Maas von der Politik mehr finanzielle Unterstützung - Programme wie "Lesestart 1-2-3" müssten fortgeführt werden. Das plant die Regierung aktuell jedoch nicht. Die finanzielle Unterstützung durch den Bund wird Ende 2026 auslaufen. Eine Verlängerung ist nicht geplant. Das Bundesfamilienministerium begründet dies mit Logiken, wonach Projektförderungen enden müssten, einer Empfehlung des Bundesrechnungshofs im Jahr 2025 und:
Die Zuwendung wurde evaluiert. Dabei konnten nachhaltige positive Wirkungen des Projekts "Lesestart 1-2-3" nicht nachgewiesen werden.
Mareike Lotte Wulf, parlamentarische Staatssekretärin Bundesfamilienministerium (19.06.2026)
Man plane jedoch, an anderer Stelle "Sprach- und Leseförderung von Klein- und Vorschulkindern in ihren Familien sowie an weiteren wichtigen Bildungsorten" weiter zu unterstützen, so das Ministerium. Die AfD-Bundestagsfraktion hat indes Mitte Oktober gefordert, die Förderung ab 2027 für mindestens fünf Jahre zu verlängern. Auch die Grünen wollen den Erhalt des Programms.
Kai Remen ist Reporter im ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.
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