Investitionen in Cloud und KI:Wie Lidls Tech-Sparte Google und Microsoft den Kampf ansagt
von Laura Ozdoba
Im Rennen um digitale Unabhängigkeit will die Schwarz-Gruppe zu den großen Tech-Playern aufholen. Sie investiert massiv in Cloud, KI und Rechenzentren - und sammelt externe Kunden.
In Heilbronn werden Rechenzentren von der Schwarz-Gruppe gebaut. Es wird an neuen KI-Lösungen gearbeitet, um Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten.
21.07.2026 | 2:41 minFünf gläserne Gebäude, zwischendrin viel Grün und Platz für mehr als 5.000 Mitarbeitende: Mit dem neuen Technologie-Campus in der Nähe von Heilbronn will die Schwarz-Gruppe ein Statement setzen - für digitale Souveränität.
Schwarz-Gruppe will Kontrolle über Daten behalten
Seit Jahren investiert die Unternehmengruppe in ihre Digitalsparte Schwarz Digits - zunächst, um die eigenen Einzelhandelsketten Lidl und Kaufland unabhängig zu machen, Prozesse zu strukturieren und die Produktivität zu steigern.
Bei Schwarz Digits handelt es sich um die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, zu der auch die Lebensmittelketten Lidl und Kaufland zählen. Eigentümer und Gründer ist der in Heilbronn geborene Unternehmer Dieter Schwarz, der laut US-Magazin "Forbes" mit einem Vermögen von geschätzt gut 53 Milliarden Euro der aktuell reichste Deutsche ist.
Digitale Souveränität meint Zugang zu digitalen Technologien ohne einseitige Abhängigkeiten, erklärt Irene Bertschek vom ZEW Mannheim. Gleichzeitig brauche es "die Kompetenzen, um digitale Technologien einzusetzen und weiterzuentwickeln".
"Mit über 14.000 Filialen in Europa ist es ein Riesennetz, das funktionieren muss, automatisiert sein muss", erklärt CEO Christian Müller gegenüber ZDFheute. Zentral dabei für das Unternehmen: die eigenen Daten nicht ins Ausland abgeben, sondern selbst entscheiden können, was damit geschieht.
Deswegen haben wir gesagt, wir machen es selber.
Christian Müller, CEO Schwarz Digits
Selber machen heißt: Rechenzentren bauen, eine eigene Cloud entwickeln, KI-Systeme integrieren. Was entstand, um zunächst den eigenen Bedarf zu decken, bieten sie mittlerweile auch externen Kunden an - darunter der niederländischen Regierung oder der Polizei in Baden-Württemberg.
Deutschland will bei KI unabhängiger werden. Digitalminister Wildberger (CDU) sieht viel Bewegung, betont aber: "Wir haben 15 Jahre Wegstrecke aufzuholen".
21.07.2026 | 5:14 minDeutsches Gegengewicht zu internationalen Tech-Giganten?
Als nächstes hat man den deutschen Mittelstand im Visier. Die Zukunftsvision des CEO: "der digitale, souveräne Hyperscaler Europas werden". Was auf den ersten Blick als ungewöhnlicher Weg für eine Handelsgruppe erscheinen mag, ist zentraler Teil der Strategie von Lidl-Gründer Dieter Schwarz, der ein deutsches Gegengewicht zu den internationalen Tech-Giganten schaffen will.
Dafür fließen ganz aktuell elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum im Spreewald - die größte Einzelinvestition in der Unternehmensgeschichte. Und auch an einem neuen KI-Campus in Heilbronn ist Schwarz maßgeblich beteiligt, steuert die IT-Infrastruktur bei. Finanziert wird das Milliardenprojekt "Innovation Park Artificial Intelligence" maßgeblich von der eigenen Stiftung.
Was Schwarz gerade unternimmt, ist wirklich der Aufbau eines KI-Ökosystems. Das heißt, alle Faktoren, die wichtig sind für die KI, die entstehen dort oder werden dort aufgebaut. Also Rechenzentrumskapazität, KI-Modelle, Forschung, Wirtschaft sind dort präsent.
Irene Bertschek, Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung
Im Herbst ist Europas größtes KI-Ökosystem in Heilbronn gestartet: Ein Campus, groß wie 42 Fußballfelder, vereint Forschung, Entwicklung und Unternehmen an einem Ort.
21.10.2025 | 2:26 minZwar werde deutschlandweit in KI investiert, meint Wirtschaftsexpertin Irene Bertschek. "Aber Investitionen in diesem großen Ausmaß, die sind schon einzigartig hier in diesem Raum Heilbronn."
KI als Chance aus der Industrie-Krise?
Auch das Land fördert das Projekt rund um Heilbronn und steuert 50 Millionen Euro für den Start bei. Man will Baden-Württemberg zum Top-KI-Standort machen. Es ist der Versuch, der Industrie aus der Krise zu helfen. Denn wie kaum eine andere Region in Deutschland leidet das Bundesland unter sich verschlechternden Produktionsbedingungen, steigendem Kostendruck und Fachkräftemangel.
Diese anwendungsorientierte KI, Applied AI, das ist eine Riesenchance, um in diesem internationalen Wettbewerb, ich sage wieder auf Augenhöhe zu kommen, mit gerade Konkurrenten aus China oder den USA.
Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), Wirtschaftsministerin Baden-Württemberg
Gleichauf mit den USA? Dass Deutschland das erreicht, hält Wirtschaftsexpertin Bertschek nicht für wahrscheinlich. Doch müsse man ein Stück weit aufholen - mit eigenen Rechenkapazitäten, Modellen und Zugang zu Daten. "Und was hinzukommt: Wir brauchen Kompetenzen. Und dafür ist es eben wichtig, gute Bedingungen zu schaffen für Talente, für Fachkräfte in der Forschung und in der Wirtschaft", so Bertschek.
Deutschland baut zunehmend KI in industrielle Prozesse ein. Warum gerade das für die Wertschöpfung von KI wichtig ist.
28.06.2026 | 1:03 minExpertin: KI auch in der Fläche zur Anwendung bringen
Neben großen Zentren wie im Raum Heilbronn, die "Schlagkraft erzeugen" und große Entwicklungen vorantreiben, brauche es die Anwendungen in der Breite, meint die Expertin. Gerade schnelle, agile Start-ups könnten helfen, KI-Lösungen in etablierten Unternehmen im ganzen Land zu integrieren.
Start-ups wie Aitad: Das Offenburger Unternehmen produziert KI auf Chips, die direkt in Maschinen verbaut werden kann. Gegenüber ZDFheute berichtet Gründer Viacheslav Gromov von einer großen Automatisierungswelle, die in den vergangenen drei bis sechs Monaten im Mittelstand stattgefunden hat. "Das bedeutet nicht, dass wir mehr Mut gewonnen haben, einen neuen Schritt zu gehen", meint Gromov.
Die Unternehmen sehen oft den Abgrund vor der Klippe und der Entscheidungsspielraum wird einfach kleiner. Sprich, man ist gezwungen, zu automatisieren, um zu überleben.
Viacheslav Gromov, Gründer Aitad GmbH
Start-up-Gründer: Mehr Tempo und Mut bei Unternehmen nötig
Für die Zukunft wünscht er sich aber mehr Tempo und eine Änderung im Mindset: "Um digital souverän zu werden, braucht man eine starke Wirtschaft, Kooperation mit kleinen, schnellen, agilen Start-ups, die auch schnell groß werden können", so Gromov. "Dazu brauchen wir Kunden, die mutig sind, Führungsetagen, die die großen Unternehmen und auch den Staat agiler machen, sich was trauen, Verantwortung übernehmen. Die Zeit vom Perfektionismus ist vorbei."
Die anhaltende Krise in der Automobilindustrie trifft Baden-Württemberg hart. Viele Unternehmen suchen nach neuen Geschäftsfeldern.
15.07.2025 | 7:31 minDas Rennen um digitale Souveränität ist ein Rennen um Entscheidungsfreiheit und Unabhängigkeit. Und so ist es für viele Unternehmen nun wichtig, aufzuholen, um die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten.
Laura Ozdoba ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Baden-Württemberg.
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