Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Digital ausgeliefert: Wenn Amerika den Stecker zieht
von Dennis-Kenji Kipker
Ein Richter aus Frankreich bekommt plötzlich Kreditkarte, Amazon-Konto und Bankzugang entzogen. Was nach Science-Fiction klingt, betrifft im Kern jeden Bürger Europas.
Nicolas Guillou ist Franzose und Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Im November 2024 unterzeichnete er den Haftbefehl gegen Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gazakonflikt. Im August 2025 erschien sein Name auf einer Sanktionsliste der US-Regierung, und seither lebt er, wie er selbst sagt, gefühlt in den 1990er Jahren.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Seine Konten bei Amazon, Airbnb und PayPal wurden geschlossen, seine Kreditkarten sind wertlos, weil sie über US-Unternehmen wie Visa und American Express laufen.
Eine Hotelbuchung wurde von Expedia storniert, und ein US-Kurierdienst weigerte sich, ein Gemälde aus der Bretagne in die Niederlande zu liefern. Selbst sein französisches Bankkonto ist faktisch nutzlos, weil nahezu jeder Zahlungsvorgang auf US-amerikanische Finanzsysteme angewiesen ist.
US-Sanktionen gegen Richter Nicolas Guillou zeigen, wie riskant digitale Abhängigkeiten von amerikanischen Plattformen sind. Doch wie erreichen wir digitale Freiheit? NANO liefert eine Einordnung.
28.04.2026 | 27:40 minTechnische Abhängigkeit als Strukturproblem
Was nach dem Schicksal eines Einzelnen aussieht, ist tatsächlich die Generalprobe für ein Szenario, das jeden in Europa treffen kann. Wer online einkauft, einen Flug bucht oder mit der Karte zahlt, nutzt mit hoher Wahrscheinlichkeit Infrastruktur, die in den USA kontrolliert wird. Konzerne wie Microsoft beherrschen den Cloud-Markt, Visa und Co. wickeln den Großteil der Kartenzahlungen in Europa ab, während die Hardware in Smartphones und Servern überwiegend aus Fernost stammt.
Doch nicht nur das: Auch unser soziales Leben ist mittlerweile vielfach von Diensten wie Facebook, Instagram oder WhatsApp abhängig. Jahrzehnte lang wurde diese Abhängigkeit als Selbstverständlichkeit hingenommen, weil politische Risiken weit entfernt schienen.
Wirtschaftspolitisch handelt es sich damit um eine der folgenreichsten Outsourcing-Entscheidungen der jüngeren Geschichte, die mit erstaunlicher Blauäugigkeit getroffen wurde.
Die re:publica stand unter dem Motto "Never gonna give you up". Die Themen: Vertrauen in die digitale Zukunft sowie Europas Souveränität und Unabhängigkeit von Big Tech.
18.05.2026 | 2:57 minKeine digitalen Schutzräume mehr
Verschärft wird die Lage durch US-Gesetze, deren Reichweite weit über das amerikanische Staatsgebiet hinausreicht. Der CLOUD Act von 2018 verpflichtet US-Unternehmen, gespeicherte Daten an amerikanische Behörden herauszugeben, gleichgültig ob die Server in Frankfurt oder Berlin stehen.
Section 702 des Foreign Intelligence Surveillance Act erlaubt zudem die Überwachung von Nicht-Amerikanern auf europäischen Servern. Anordnungen erfolgen häufig im Geheimen, weil Schweigeverpflichtungen verhindern, dass Betroffene davon erfahren. Selbst Verschlüsselung schützt nicht zuverlässig, da amerikanische Gerichte die Herausgabe kryptographischer Schlüssel anordnen können.
Big Tech weiß mehr über die Menschen als sie selbst. "Der Aufstieg der Datenkraken" von ZDFinfo zeigt, wie Google, Facebook, Amazon und Co. dank personenbezogener Daten zu den mächtigsten und gefährlichsten Firmen der Welt wurden.
23.02.2026 | 44:29 minVom Staat bis ins Wohnzimmer
Auf staatlicher Ebene bedeutet das, dass Behördenakten und sogar staatliche Verschlusssachen unter den Zugriff einer fremden Macht geraten können, sobald sie in einer unsouveränen US-Cloud verarbeitet werden. Auf privater Ebene sortieren und bewerten Algorithmen großer Plattformen alles, was Menschen im Netz tun.
Aus Gesundheitsdaten, Standortverläufen und Suchanfragen lassen sich sensible Profile erstellen, die in falschen Händen erpressbar machen. Der Fall Guillou zeigt, dass beide Ebenen längst miteinander verknüpft sind, weil ein politischer Beschluss in Washington genügt, um einem Menschen die Teilhabe am modernen Leben zu entziehen.
Donald Trump ist ein US-Präsident wie keiner vor ihm. Atemlos verfolgt die Welt eine "Politik der Abrissbirne" mit ihren Traditionsbrüchen, Stellungswechseln und Widersprüchen in "Trump und das Silicon Valley - Staatsstreich der Tech-Milliardäre" von ZDFzeit.
22.05.2025 | 43:37 minWege aus der digitalen Abhängigkeit
Vollständige digitale Unabhängigkeit bleibt aktuell zwar illusorisch, doch jeder einzelne Schritt zählt. Wer Open-Source-Software nutzt, auf digitalsouveräne Cloud-Anbieter setzt, verschlüsselte Messenger wie Signal verwendet und unnötige Dienste vermeidet, reduziert den eigenen digitalen Fußabdruck spürbar.
"Utopia": Erfinder und Ingenieure, Genies und Risiko-Investoren aus dem Silicon Valley verändern unsere Welt grundsätzlich in atemberaubendem Tempo und Umfang.
19.07.2022 | 44:12 minWichtiger noch ist die politische Einsicht, die Guillou unfreiwillig vorgeführt hat und die inzwischen insgesamt acht Richter und mehrere Staatsanwälte des Gerichts betrifft: Digitale Souveränität entsteht nicht von selbst, sondern durch selbstbestimmte Entscheidungen, Investitionen in Forschung, eigene Infrastruktur und Bildung. Solange Europa Software aus Übersee und Hardware aus Fernost als alternativlos behandelt, bleibt es erpressbar.
Zumindest der Internationale Strafgerichtshof geht nun erste Schritte und hat aus Sorge vor Sanktionen gegen weitere Richter eine Umstellung auf Open-Source-Software eingeleitet, um die digitale Souveränität und Unabhängigkeit der Justiz auch in Zukunft zu sichern.
... ist Professor für IT-Sicherheitsrecht und forscht als wissenschaftlicher Direktor und Gründer des cyberintelligence.institute in Frankfurt am Main an der Schnittstelle von Recht und Technik in der Cybersicherheit, Konzernstrategie sowie zu digitaler Resilienz im Kontext globaler Krisen. In dieser Funktion berät er die Bundesregierung, die Europäische Kommission und Unternehmen weltweit. 2025 wurde Kipker in die Capital "Top 40 unter 40" aufgenommen, womit Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, deren berufliches Wirken als besonders einflussreich und zukunftsweisend gilt.
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