Wichtiger Standortfaktor für Wirtschaft:Deutschlands Zukunft: Warum billiger Strom zentral ist
von Frank Bethmann
Deutschlands Hoffnung auf Wachstum liegt in Rechenzentren, Künstlicher Intelligenz, Elektromobilität und Wasserstoff. Doch deren zentrale Quelle ist hier knapp und teuer: Strom.
Ob Deutschland in Zukunft ein wichtiger Wirtschaftsstandort bleibt, wird sich auch an der Steckdose entscheiden. Warum das so ist, analysiert ZDF-Wirtschaftsexperte Frank Bethmann.
11.01.2026 | 1:32 minDie Frage, ob Deutschland ein führender Standort für Zukunftstechnologien bleibt, entscheidet sich zunehmend an der Steckdose. "Für KI-Rechenzentren wird der Strompreis zum strategischen Standortfaktor - wer hier dauerhaft 5 bis 10 Cent teurer ist als die Konkurrenz, verliert Investitionen, bevor der erste Server steht", warnte Fabian Mehring, Bayerns Digitalminister unlängst.
Doch problematisch ist nicht nur der hohe Strompreis. Gleichzeitig hinkt der Ausbau von Netzen und erneuerbaren Kapazitäten den Szenarien hinterher. Eine Studie der Denkfabrik Agora Energiewende kommt zu dem Schluss, dass Deutschland ohne einen "Booster" für Elektrifizierung und Stromnetze seine Rückstände bei zentralen Zukunftstechnologien kaum aufholen kann.
Kaum ein Land in Europa hat so teuren Strom wie Deutschland. Ein wesentlicher Treiber sind die Netzkosten. Doch wie groß ist ihr Anteil am Strompreis – und warum trifft es besonders Deutschland?
06.01.2026 | 6:00 minIn Frankfurt fehlen dringend Netzkapazitäten
Wie dramatisch die Lage bereits heute ist, zeigt sich in Frankfurt. Die Mainmetropole ist ein Ballungszentrum für Rechenzentren. Doch wegen fehlender Netzkapazitäten können bis 2030 keine neuen KI-Rechenzentren mehr hinzukommen. Milliarden-Investitionen von Tech-Giganten wie Oracle und Amazon liegen auf Eis, weil die Wartezeit für einen Stromanschluss bis zu 13 Jahre beträgt - eine Ewigkeit im schnelllebigen KI-Zeitalter.
Google will künftig rund fünf Milliarden Euro in Deutschland investieren - u. a. in ein neues Rechenzentrum in Dietzenbach und die Erweiterung des Standorts Hanau.
11.11.2025 | 2:31 minNicht nur, dass Investitionen verhindert werden, besonders kritisch: Kapazitäten für Clouds und Künstliche Intelligenz lassen sich nahezu beliebig dorthin verlagern, wo Energie günstig, planbar und klimafreundlich verfügbar ist. Kilian Wagner, Bereichsleiter für nachhaltige digitale Infrastrukturen beim Digitalverband Bitkom, sagt:
Rechenzentren sind im Zweifel schneller verlagert als Chemieanlagen - das sollte die Politik ernst nehmen.
Kilian Wagner, Digitalverband Bitkom
Ähnlich kritisch bewertet Folker Hellmeyer die Lage. Die Abhängigkeit von der Energie werde größer, so der Chefvolkswirt von Netfonds. Wenn Deutschland hier keine Antworten finde, verliere der Standort an Bedeutung. "Aber nicht unsere Unternehmen, denn die gehen dahin, wo der Zuschnitt bei Energieversorgung und Energiepreisen gewährleistet ist." Und Zuschnitt bedeutet, der Strombedarf wird künftig enorm steigen.
Zur Förderung der Digitalisierung bedarf es zusätzlicher Rechenzentren. Um welche zu bauen, zieht es viele Firmen nach Brandenburg, wo jetzt ein neues entstehen soll. Anwohner wehren sich.
18.10.2025 | 3:41 minEnergiehunger durch KI, E-Autos und Wärmepumpen
KI-Modelle der neuesten Generation benötigen für Training und Weiterentwicklung ein Vielfaches der Rechenleistung klassischer Anwendungen - und damit ein Vielfaches an Strom. "KI-Computing verbraucht pro Server bis zum 30-Fachen der Energie herkömmlicher Anwendungen", heißt es in einer von Google jüngst veröffentlichten Analyse. Zusätzlich steigt durch andere Faktoren wie Elektromobilität und Wärmepumpen der Strombedarf weiter an.
Parallel dazu arbeitet die Forschung an einer technologischen Flucht nach vorn. Am Hasso-Plattner-Institut etwa werden Low-Precision-Algorithmen entwickelt, die den Energiebedarf beim KI-Training um bis zu 89 Prozent senken sollen.
Die Bundesregierung möchte ab 2026 einen Zuschuss von sechseinhalb Milliarden Euro für die Netzentgelte bereitstellen. Für eine vierköpfige Familie wäre das eine Entlastung von über 60 Euro im Jahr.
22.08.2025 | 1:43 minTechnologischer Ausweg: Chips effizienter machen
Sogenannte Neuromorphe und optische Chips, an denen deutsche und internationale Forschungsverbünde arbeiten, versprechen langfristig ebenso eine Reduktion des Stromverbrauchs. "Wir müssen den Energiehunger der Digitalisierung nicht einfach hinnehmen", sagt Christoph Meinel, Informatikprofessor am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam.
Mit neuen Chiparchitekturen können wir Rechenleistung und Energiebedarf entkoppeln - aber das ersetzt nicht die Notwendigkeit eines wettbewerbsfähigen Strompreises.
Christoph Meinel, Hasso-Plattner-Institut (HPI)
Seit der Machtübernahme von Trump wird die Abhängigkeit von Google, Microsoft oder Amazon oft kritisch gesehen. Alternativen bieten eigene Rechenzentren, wie das der Stadt München.
03.07.2025 | 1:41 minPolitik setzt auf Strompreis-Stabilisierung - reicht das?
Kurzfristig setzt die Politik auf Instrumente zur Strompreis-Stabilisierung, etwa Entlastungen bei Netzentgelten und spezielle Tarife für besonders stromintensive Unternehmen. Langfristig wird das nicht reichen, ist Bitkom-Mann Wagner skeptisch: "Wenn Deutschland ein Tech-Standort bleiben will, muss Strom gleichzeitig sauber, sicher und günstig sein - bei einem dieser drei Punkte Abstriche zu machen, reicht nicht mehr."
Ob das gelingt, entscheidet darüber, ob die Rechenzentren, Gigafactories und Elektrolyseure der Zukunft in Deutschland stehen - oder anderswo.
Frank Bethmann ist Moderator und Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen
Deutschland verliert im Standortwettbewerb durch ein ganzes Bündel struktureller Schwächen; der teure Strom ist dabei ein zentraler, aber nicht der einzige Faktor. Für Cloud, KI und Elektromobilität ist günstiger, verlässlicher Strom tatsächlich ein Kerninput. Ohne dauerhaft niedrigere Strompreise wird es schwer, diese Zukunftsbranchen im großen Stil in Deutschland anzusiedeln und zu halten.
Die Internationale Energieagentur erwartet, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppelt; die Bundesnetzagentur rechnet damit, dass allein die deutschen Rechenzentren bis 2037 für bis zu zehn Prozent des gesamten heimischen Stromverbrauchs verantwortlich sein werden.
Der durchschnittliche Industriestrompreis liegt 2025 - inklusive Steuern - in Deutschland bei rund 18 bis 19 Cent je Kilowattstunde. Das ist deutlich über dem Vorkrisenniveau und dem EU-Durchschnitt.
Unternehmen mit Entlastungen zahlen im Schnitt etwa 11 bis 12 Cent je Kilowattstunde, stromintensive Firmen sollen ab 2026 über einen gedeckelten Industriestrompreis von etwa 5 Cent je Kilowattstunde entlastet werden. (Quelle: ZDF)
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