Reformpaket der Regierung:Reichen die Entlastungen für einen spürbaren Aufschwung?
von Stephanie Barrett und Arlette Geburtig
Von ihren Reformplänen verspricht sich die Regierung, die deutsche Wirtschaft aus der Krise zu führen. Experten sehen darin zwar erste Ansätze, vermissen jedoch wichtige Punkte.
Das Reformpaket der Bundesregierung hat gemischte Reaktionen ausgelöst: Bei Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und Opposition stößt es auf teils heftige Kritik.
02.07.2026 | 2:35 min"Wir wollen Deutschland wieder flott kriegen", versprach Kanzler Friedrich Merz (CDU) nach den Reformbeschlüssen des Koalitionsausschusses. Doch reichen die steuerlichen Maßnahmen, um Deutschland kraftvoll aus der Krise zu führen? Experten-Berechnungen liefern eine eher nüchterne Bilanz.
Mit zehn Milliarden Euro plant die schwarz-rote Koalition, vor allem untere und mittlere Einkommen steuerlich zu entlasten. Nach Jahren steigender Inflation sollte mehr Netto vom Brutto bei Arbeitnehmern das Ziel sein, auch um die Binnennachfrage zu stärken.
IW-Experte: Kaum Entlastung bei höheren Einkommen
Nach Ansicht von Tobias Hentze, Steuer-Experte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, setzt die Reform zwar an der richtigen Stelle an, weil sie vor allem auf die Instrumente Grundfreibetrag, Kindergeld und Arbeitnehmerpauschbetrag setzt.
Die schwarz-rote Regierung hat ein Reformpaket vorgestellt, inklusive Steuerreform. Wer profitiert von Entlastungen für kleine und mittlere Einkommen? Wird das System gerechter?
02.07.2026 | 29:10 minDoch seine Rechnung ist ernüchternd: Eine Familie mit einem Bruttoeinkommen von 80.000 Euro wird dadurch um 644 Euro entlastet, bei einem Single mit einem Bruttogehalt von 70.000 Euro beträgt die Entlastung dagegen nur 210 Euro. Bei höheren Einkommen steigt die Entlastung kaum, da der Tarif nahezu unverändert bleiben soll.
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Darin steckt auch die große Enttäuschung: Die kalte Progression soll offenbar anders als in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr vollständig ausgeglichen werden. Das bedeutet, dass inflationsbedingte Lohnzuwächse teilweise doch wieder zu einer höheren Steuerlast führen.
Tobias Hentze, Institut der deutschen Wirtschaft
Für viele Leistungsträger, insbesondere ohne Kindergeldbezug, bedeutet dies gemessen am Realeinkommen eine Steuererhöhung.
Die kalte Progression ist eine Art schleichende Steuererhöhung. Sie tritt auf, wenn der Staat bei Inflation die Einkommensteuertarifgrenzen nicht anpasst. Erhält man eine Lohnerhöhung, die lediglich die Inflation ausgleicht, hat man real nicht mehr Geld zur Verfügung, rutscht aber durch das höhere Bruttoeinkommen in einen höheren Steuersatz.
Auch Arbeitsanreize werden dadurch nicht verbessert: Im Gegenteil wird der Steuertarif durch den höheren Grundfreibetrag und den ausbleibenden Ausgleich der kalten Progression noch steiler. Von einem Mehrverdienst zum Beispiel durch eine Überstunde oder eine Aufstockung bleibt dadurch netto weniger als zuvor. Deshalb ist kaum anzunehmen, dass die Entlastungen einen spürbaren Konjunktureffekt erzeugen werden.
DIW-Präsident fordert drei weitere Reformen
Kritisch sieht auch DIW-Präsident Marcel Fratzscher die Steuerreform:
Sie ist unambitioniert, nicht ausfinanziert und entlastet zwar auch Familien und mittlere Einkommen, aber in absoluten Euro-Beträgen profitieren vor allem höhere Erwerbseinkommen unterhalb der Reichensteuer-Schwelle.
Marcel Fratzscher, DIW-Präsident
Ein Blick in die Praxis zeigt, was die Steuerreform für Familien bedeutet, die nicht dem gängigen Modell entsprechen.
02.07.2026 | 1:37 minNach Fratzschers Einschätzung wären vor allem noch drei große Reformen notwendig, um die Wirtschaft zu stärken. An erster Stelle steht eine große Investitionsoffensive sowohl bei privaten als auch bei öffentlichen Investitionen. Als Zweites plädiert der Ökonom für eine grundlegende Reform des Steuersystems, bei der vor allem kleine und mittlere Einkommen, aber auch Unternehmen steuerlich deutlich entlastet und Abgaben reduziert werden müssten.
Und als dritten Punkt nannte Fratzscher die Reform und Integration Europas. "Wir haben in Deutschland noch immer nicht verstanden, dass ein starkes, geeintes und integriertes Europa unsere einzige Chance ist, uns global gegen immer aggressivere und nationalistische Hegemone in den USA und in China zu schützen."
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03.07.2026 | 10:33 minKritik an Plänen für Einkommensteuer
Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest hält die geplante Einkommensteuerreform für verbesserungsbedürftig:
Die Einkommensteuerreform ist eher enttäuschend. Viele Arbeitnehmer mit niedrigen Einkommen zahlen ohnehin keine Einkommensteuer, die anderen werden nur geringfügig entlastet.
Clemens Fuest, Ifo-Präsident
Mittelständische Unternehmen, die oft Personengesellschaften sind, werden durch den erhöhten Spitzensteuersatz (auch polemisch als "Reichensteuer" bezeichnet), stärker belastet. Inklusive Soli zahlen sie jetzt fast 50 Prozent.
Der 45-Prozent-Steuersatz soll künftig ab einem zu versteuernden Einkommen von 250.000 Euro greifen. Ab 280.000 Euro ist eine zweite Stufe mit 47 Prozent vorgesehen.
(Quelle: Bundesregierung)
Ifo-Präsident: Staat muss auch Ausgaben senken
Mit Blick auf den Bundeshaushalt 2027, der am Montag vom Kabinett verabschiedet werden soll, sieht Fuest klare Versäumnisse: "Die Richtung stimmt, aber weitere Schritte sind dringend notwendig."
Vor allem müssten die Staatsausgaben gesenkt werden, zum Beispiel die Subventionen. Dieser Teil fehle im Reformpaket völlig, sagt Fuest. "Das Sondervermögen muss endlich für richtige Investitionen genutzt werden. Wenn der Staat nicht weniger Geld ausgibt, kann es bei Steuern und Abgaben auch keine Entlastung geben."
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02.07.2026 | 47:07 minIn Mannheim glaubt auch ZEW-Präsident Achim Wambach, dass das Reformpaket zwar positive Effekte entfalten wird: "Der wirtschaftliche Druck ist aber enorm", sagt er. "Um Deutschland als Investitionsstandort wieder an die Spitze zu bringen, werden weitere Schritte erforderlich sein." Hohe Energiekosten, übermäßige Regulierung und Fachkräftemangel hemmten die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen.
Das Koalitionspaket setzt also zwar erste Impulse - ob daraus aber ein nachhaltiger Aufschwung entsteht, hängt davon ab, ob die Bundesregierung bei Investitionen, Abgaben und Strukturreformen noch nachlegt.
Stephanie Barrett und Arlette Geburtig sind Redakteurinnen im ZDF-Team Wirtschaft & Finanzen.
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