"Lanz" über Versorgungslücke:Experte: Reiches Kerosin-Prognose nur "Best-Case"-Szenario
von Bernd Bachran
Bei "Markus Lanz" warnt Energieexperte Umbach vor jahrelangen Kerosin-Engpässen. Und er glaubt: Die Tourismus-Branche könnte als erste davon betroffen sein.
Über die aktuelle Entwicklung am Persischen Golf, zum Kalkül der Mullahs in Teheran sowie zu möglichen Risiken einer Gas- und Kerosinknappheit in den kommenden Wochen.
22.04.2026 | 75:11 minWeltweit mehren sich die Anzeichen für eine drohende Kerosinknappheit - mit spürbaren Folgen für den Luftverkehr. Während Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vor Alarmismus warnt, reagieren Airlines in Asien bereits mit höheren Ticketpreisen und gestrichenen Verbindungen.
In Deutschland diskutiert die Luftfahrtbranche angeblich bereits über rückwirkende Aufschläge oder gar Streichungen für bereits bezahlte Flüge - eine Sorge, die Frank Umbach, Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Energiesicherheit und Sicherheitspolitik, für berechtigt hält. Angesichts sinkender Passagierzahlen und des enormen Kostendrucks seien viele Verbindungen schlicht nicht mehr rentabel.
Wenn die [Flüge] vielleicht nur noch halb voll sind, ist das nicht überraschend, dass dann im großen Maße Flüge gestrichen werden.
Frank Umbach, Politikwissenschaftler
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betonte in den vergangenen Tagen immer wieder, dass die Versorgungssicherheit in Deutschland sowohl bei Benzin, bei Diesel als auch bei Kerosin gewährleistet sei.
Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) hat mit Vertretern der Luftfahrtbranche über einen möglichen Kerosinmangel infolge der Sperrung der Straße von Hormus beraten.
20.04.2026 | 1:46 minExperte kritisiert Reiches Prognose zu Kerosinmangel
Diese Prognose bezeichnete Frank Umbach als "Best-Case-Szenario", das voraussetzt, dass die Straße von Hormus kurzfristig wieder für den Schiffsverkehr geöffnet wird. Doch selbst dann würde es noch dauern, bis ein Normalzustand erreicht ist. "Denn selbst wenn die Straße aufmacht, dann wird es ja dauern, bis diese 1.000 Tanker tatsächlich dann durchkommen."
Aber selbst, wenn das alles passiert, dann muss man ja bedenken, dass diese Versorgungslücke, die wir nun weltweit haben, erstmal aufgefüllt werden muss.
Frank Umbach, Politikwissenschaftler
Umbach weiter: "Und das ist dann ein Prozess, der sich nicht nur über wenige Wochen, sondern Monate, möglicherweise ein, zwei Jahre hinzieht."
Wenn es zu einem Engpass kommen sollte, würde dieser nicht zuerst in Deutschland, sondern in Asien auftreten, so ZDF‑Wirtschaftsexperte Florian Neuhann.
20.04.2026 | 1:39 min"Best-Case" mit langen Folgen
Umbach erklärte, ein weiteres Problem sei, dass Öl- und Gasförderanlagen zerstört worden seien und erst wieder aufgebaut werden müssten. Saudi-Arabien und Katar hätten bereits darauf hingewiesen, dass dies teilweise drei bis fünf Jahre dauern könne. "Es ist jedenfalls nicht so, dass wir jetzt erwarten können, innerhalb der nächsten Monate oder bis Ende des Jahres wieder auf ein Preisniveau zurückzukommen wie zu Beginn oder vor dem jetzigen Iran-Krieg."
Der ehemalige Marineoffizier und Experte für maritime Sicherheit, Moritz Brake, stellte die provokante Frage, was denn mit "Versorgungssicherheit" gemeint sei. "Dass der Rettungshubschrauber noch fliegt? Und die Bundespolizei noch fliegt? Und die Bundeswehr noch fliegt? Oder aber dass Leute sorglos Urlaubsreisen machen können?"
Die Lufthansa streicht bis Oktober 20.000 Kurzstreckenflüge. Bis Ende Mai werden täglich 120 Verbindungen entfallen. Der Konzern spart damit 40.000 Tonnen Kerosin.
22.04.2026 | 0:22 minRettungsflug statt "Ballermannreise"
Frank Umbach betonte die Notwendigkeit einer klaren Priorisierung beim Zugriff auf knappe Ressourcen. Während die Bundeswehr als gesetzt gilt, wäre die Tourismusbranche laut Umbach mit Sicherheit als eine der ersten von einer "Kerosin-Triage" betroffen.
In zwei Monaten, wo es dann möglicherweise eine Verknappung geben kann, muss priorisiert werden. Aber es muss auch geklärt werden, wie das dann innerhalb von Europa verteilt wird.
Frank Umbach, Politikwissenschaftler
Die Waffenruhe im Iran-Krieg ist verlängert, doch die Energiekrise geht weiter. Die EU-Kommission stellt ein Strategiepapier zum Weg aus der Krise und zur Entlastung der Länder vor.
22.04.2026 | 3:33 minMoritz Brake verwies ebenfalls darauf, dass man eine mögliche Kerosinverknappung nicht nur aus der deutschen Sicht sehen darf: "Wer möchte denn gerne, dass wir auf der 'Ballermannreise' das Kerosin verfliegen? Womöglich hier noch staatlich subventioniert, flankiert durch irgendwelche Abfederungsmechanismen, während gleichzeitig der Rettungshubschrauber auf den Philippinen stillsteht."
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