Kerosin: Ist die Versorgung so sicher, wie Katherina Reiche sagt?

Faktencheck

Experten alarmiert, Ministerin entwarnt:Ist die Kerosinversorgung so sicher, wie Reiche sagt?

von Oliver Klein, Kevin Schubert

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Wirtschaftsministerin Reiche sieht die Kerosinversorgung in Deutschland gesichert. Doch Experten warnen - und selbst die Lufthansa streicht 20.000 Flüge. Wie passt das zusammen?

Flughafen Hamburg: Ein Tankwagen steht neben einem Flugzeug

Ausbleibende Kerosin-Lieferungen wegen des Iran-Kriegs lassen eine baldige Treibstoffknappheit befürchten. ZDFheute live analysiert, ob deshalb bald Flugausfälle drohen.

20.04.2026 | 24:17 min

Die Mahnungen der vergangenen Tage waren deutlich. Da warnte etwa ...

  • ... die Internationale Energieagentur (IEA) vor einer möglichen "beginnenden Knappheit von Kerosin" in mehreren europäischen Ländern binnen sechs Wochen
  • ... und der Luftfahrtverband Iata sogar vor möglichen Flugausfällen in Europa ab Ende Mai.

Ganz anders klang dagegen gestern Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Nach einem Treffen mit der Luftfahrtbranche, Raffineriebetreibern und anderen Beteiligten sprach die CDU -Ministerin zwar von einem "angespannten" Markt, gab grundsätzlich aber Entwarnung:

Die Versorgung mit Kerosin in Deutschland ist aktuell gesichert, Versorgungsengpässe bestehen nicht.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche

Alarmierte Experten auf der einen, eine beschwichtigende Ministerin auf der anderen Seite - wie passt das zusammen? ZDFheute hat mit mehreren Experten über die Kerosinversorgung in Deutschland und weltweit gesprochen - ein Faktencheck.

Tankfahrzeug mit Kerosin

Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) hat mit Vertretern der Luftfahrtbranche über einen möglichen Kerosinmangel infolge der Sperrung der Straße von Hormus beraten.

20.04.2026 | 1:46 min

So steht es um die Kerosinversorgung in Deutschland

Dass Deutschland bald das Kerosin ausgeht, sei nicht zu erwarten, erklärt Thomas Puls vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Denkbar sei aber, dass es vielleicht nicht mehr für jeden derzeit geplanten Abflug reicht.

Christian Küchen, Geschäftsführer Wirtschaftsverband Fuels und Energie en2x, teilt auf Anfrage von ZDFheute mit, die Belieferung der deutschen Verkehrsflughäfen mit Flugkraftstoff laufe derzeit stabil, auch wenn die Marktlage angespannt sei. "Eine wichtige Voraussetzung für die weitere reibungslose Versorgung ist, dass alle europäischen Raffinerien mit maximal möglicher Auslastung betrieben werden." Angesichts des hohen Importbedarfs an Kerosin in Europa müssten jetzt "alle an einem Strang ziehen", damit der Importbedarf nicht noch weiter steige.

Verglichen mit anderen europäischen Ländern hat Deutschland den Vorteil, dass viel weniger Kerosin importiert werden müsse, erklärt Puls:

Der größte Teil der Versorgung kann als gesichert angesehen werden - den produzieren wir nämlich selber.

Thomas Puls, Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Tatsächlich wird in Deutschland in acht Raffinerien Kerosin hergestellt, insgesamt sind das etwa 4,8 Millionen Tonnen pro Jahr. Das entspricht mehr als der Hälfte der benötigten neun Millionen Tonnen jährlich. "Solange wir also Rohöl kriegen, können wir auch Kerosin herstellen - und eine Versorgungsunsicherheit bei Rohöl sehe ich aktuell nicht", so Puls.

Kerosin in Deutschland

ZDFheute Infografik

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Dennoch muss ein relevanter Anteil des Kerosins importiert werden und so wird es auch für Deutschland zum Problem, dass auf dem Weltmarkt zu wenig Kerosin vorhanden ist. Deutschland steht so mit anderen Importeuren im direkten Wettbewerb - und der treibt massiv die Preise in die Höhe.

Lufthansa streicht 20.000 Flüge

Seit Ausbruch des Krieges am 28. Februar hat sich der Kerosinpreis teilweise mehr als verdoppelt. Etliche Fluggesellschaften reagierten bereits: Am Wochenende stellte die Lufthansa-Tochter CityLine ihren Betrieb vorzeitig ein, zur Begründung wurde unter anderem auf die gestiegenen Kerosinkosten verwiesen.

Auch die Lufthansa selbst "optimiert" ihr Flugangebot und will 20.000 "unwirtschaftliche Kurzstreckenflüge" streichen. Bemerkenswert die Formulierung in der aktuellen Pressemitteilung des Konzerns - der sich einer hundertprozentig stabilen Kerosinversorgung offenbar selbst nicht ganz sicher ist:

Für die im Sommerflugplan vorgesehenen Flüge erwartet der Konzern eine weitgehende stabile Treibstoffversorgung.

Pressemitteilung der Lufthansa

Weitere Airlines in Europa (KLM, Norse Atlantic, SAS), Asien (Asiana Airlines, Vietnam Airlines, Cathay Pacific) und den USA (United) hatten bereits konkret angekündigt, Flüge zu streichen, weil sie nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben seien.

 Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt

Bei ZDFheute live erklärt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt, warum einzelne Flüge im Sommer gestrichen werden könnten.

20.04.2026 | 13:07 min

Warum der Blick auf Deutschland nicht reicht

Die hohen Treibstoffkosten bringen vor allem die Fluglinien in Schwierigkeiten, die weniger oder keine längerfristigen Lieferverträge haben: "Die Lufthansa zum Beispiel verfügt eher über langfristige Verträge über mehrere Monate - United dagegen setzt stark auf den Spotmarkt, also den aktuellen Markt. Und die mussten darum auch schon Flüge streichen", erklärt Experte Puls. Fluggesellschaften ohne vorab festgelegte Lieferverträge könnten sogar vollständig vom Markt verschwinden, schreibt der Lieferketten-Experte Marcus Felsberger in einem Post bei LinkedIn.

Und selbst wenn es in Deutschland genug Kerosin gibt: Bei Langstreckenflügen - insbesondere nach Asien, wo der Kerosinmangel deutlich größer ist - stellt sich die Frage, ob der Flieger dort wieder neu betankt werden kann. "Da kann es dann schon auch zu Ausfällen kommen", so Puls. "Denn ein Flieger, der nicht in Asien aufgetankt werden kann, fliegt vielleicht auch nicht dorthin oder wird zu einem besser versorgten Flughafen umgeleitet." Auch außerplanmäßige Zwischenstopps zum Betanken wären denkbar.

Elif Tanto von der Verbraucherzentrale

Wegen ausbleibender Kerosin-Lieferungen könnten Flugpreise steigen. Was man tun kann, wenn schon gebuchte Reisen teurer werden, erklärt Elif Tanto von der Verbraucherzentrale.

20.04.2026 | 8:20 min

Welche Flüge bei einem Kerosinmangel zuerst ausfallen

Käme es im Sommer tatsächlich zu Kerosin-Engpässen, müsste zwischen Personenverkehr, Frachtverkehr und Reserven für militärische Flüge priorisiert werden. "Dann wird man sicherlich sagen, dass die Versorgung mit Medizin, mit Lebensmitteln wichtiger ist, als vielleicht manche Ferienflieger - da muss eventuell ausgedünnt werden", erklärt ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann im heute journal.

sgs neuhann kerosin

Wenn es zu einem Engpass kommen sollte, würde dieser nicht zuerst in Deutschland, sondern in Asien auftreten, so ZDF‑Wirtschaftsexperte Florian Neuhann.

20.04.2026 | 1:39 min

An bestehenden Regelwerken oder früheren Entscheidungen könne sich die Politik dabei nicht orientieren, sagt der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. "Diese Situation, die wir jetzt haben, ist komplett neu", erklärt er. In der Ölkrise in den 1970er Jahren habe der Luftverkehr nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

"Einen solchen Notfallplan muss man also entwickeln", sagt Großbongardt. Dafür müssten sich die europäischen Regierungen mit den Fluggesellschaften zusammenschließen und gemeinsam entscheiden, "was möglich ist".

Die EU-Kommission will am Mittwoch verschiedene Maßnahmen und Vorhaben für die kommenden Wochen und Monate präsentieren.

EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas hat bereits einen Einblick in die geplanten Maßnahmen gegeben. Demnach will die EU-Kommission morgen unter anderem die Einrichtung einer neuen Treibstoffbeobachtungsstelle bekanntgeben. Sie soll die Versorgung und die Lagerbestände von Transportkraftstoffen überwachen.

Die Brüsseler Behörde prüfe zudem, ob es nötig sein könnte, dass Mitgliedstaaten einen Notfallvorrat an Kerosin vorhalten, und arbeite außerdem daran, "eine alternative Kerosinversorgung für Europa sicherzustellen, beispielsweise Kerosin des Typs A" aus den USA.

Grundsätzlich sieht Tzitzikostas keinen Hinweis auf großflächige Flugstornierungen in den nächsten Monaten. "Die Treibstoffvorräte für kommerzielle Flugzeuge stehen in Teilen Europas unter Druck", räumte er ein. "Zum jetzigen Zeitpunkt kommt der Markt jedoch mit dem Druck zurecht, und es gibt keine Anzeichen für tatsächliche Engpässe."

Quelle: dpa


Warum ein Ende des Iran-Kriegs nicht sofort zur Normalisierung führt

"Die Straße von Hormus zu öffnen ist der leichte Part", analysiert die auf Wirtschaftsthemen spezialisierte Nachrichtenagentur Reuters. Mit der Wiederherstellung der Lieferketten danach beginne der schwierige Teil.

Dabei gibt es mehrere Probleme - etwa logistische. Seit der Schließung der Straße von Hormus haben nur wenige Schiffe die Meerenge passiert, wie unsere Grafik zeigt:

Schiffsverkehr auf der Straße von Hormus

ZDFheute Infografik

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Auch wenn unklar ist, wie viele Schiffe aktuell noch im Persischen Golf festsitzen und auf Durchfahrt warten - bei Ausbruch des Iran-Kriegs waren es nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder mehr als 2.000 Handelsschiffe. Gleichzeitig warten laut Reuters mehr als 300 leere Tanker im Golf von Oman, die erst nach und nach die Verladehäfen im Persischen Golf anlaufen könnten - ein gewaltiger Schiffs-Stau.

Der Lieferketten-Experte Marcus Felsberger wies in einem Newsletter der Gesellschaft für Katastrophenvorsorge auf weitere Probleme hin: "Ein möglicher Waffenstillstand beendet die wirtschaftlichen Störungen nicht", schrieb Felsberger. "Zuerst muss die Route wieder als sicher gelten, dann müssen Versicherer ihre Kriegsrisikobedeckungen wieder aufnehmen, erst danach können Reedereien ihre Fahrpläne schrittweise stabilisieren."

Selbst auf der schnellsten Route durch den Suez-Kanal bräuchten die Tanker zudem "25 bis 30 Tage", um das geladene Kerosin oder Rohöl in die europäischen oder asiatischen Hubs zu verschiffen, sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt.

Iran-Krieg - Straße von Hormus

Höchstpreise bei Kerosin und Sprit durch die Blockade des Seewegs zeigen Europas Energieabhängigkeit. Auch nach Freigabe der Meerenge könnten die Kosten hoch bleiben, Raffinerien sind beschädigt.

08.04.2026 | 2:05 min

IW-Experte Thomas Puls weist zudem auf die Kriegsfolgen im Persischen Golf hin. "Es wurde ja auch die Industrie vor Ort beschädigt", sagt Puls. "Selbst wenn die Straße von Hormus jetzt wieder aufgemacht werden würde: Bis sich wieder alles auf das Vorkriegsniveau einstellt, dauert es meiner Meinung nach noch bis mindestens Ende des Jahres."

Fazit

Wirtschaftsministerin Reiche hat Recht, wenn sie sagt, dass die Versorgung mit Kerosin in Deutschland "aktuell gesichert" sei. Experten verweisen jedoch darauf, dass die Situation in einigen Wochen deutlich angespannter sein könnte. Und selbst ohne akuten Mangel zeichnen sich bereits spürbare Folgen für den Flugverkehr ab.

Grafiken: Luisa Billmayer
Redaktionelle Mitarbeit: Florian Neuhann

Quelle: mit Material von Reuters

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