Sozialausgaben explodieren? Debatte über Reformen bei "Lanz"

Streit um Reformen und Arbeitsmoral:2029: Fressen Fixkosten den gesamten Haushalt auf?

von Bernd Bachran

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Bei "Lanz" warnt Wirtschaftsweise Veronika Grimm vor explodierenden Sozialausgaben. Dirk Wiese (SPD) widerspricht, Wiebke Winter (CDU) fordert echte Reformen statt Teildebatten.

Markus Lanz vom 5. Februar 2026: Markus Lanz, Dirk Wiese, Wiebke Winter, Veronika Grimm, Daniel Friedrich Sturm

"Markus Lanz" vom 05.02.2026: Über strittige Reformen und die Herausforderungen für Union und SPD im Wahljahr 2026.

05.02.2026 | 75:15 min

"Wir müssen wieder auf einen Wachstumspfad kommen", mahnte die Wirtschaftswissenschaftlerin und eine von fünf Wirtschaftsweisen in Deutschland, Veronika Grimm, am Donnerstagabend bei "Markus Lanz". Die Dringlichkeit dieser Forderung unterstrich sie mit einem alarmierenden Hinweis:

2029 fressen die drei Posten Sozialausgaben, Verteidigung und Zinskosten schon die gesamten Einnahmen des Bundeshaushalts auf.

Veronika Grimm, Wirtschaftsweise

Wirtschaftsweise Grimm: "Dieses Gegeneinander in der Öffentlichkeit ist total schädlich"

Grimm erklärte, alles Weitere müsse über neue Schulden finanziert werden. Die Wirtschaftswissenschaftlerin zeichnete zudem ein noch düstereres Zukunftsbild, da die Sozialausgaben ihrer Einschätzung nach infolge der Rentenbeschlüsse der Bundesregierung deutlich steigen würden. Auch die Zinskosten dürften ihrer Ansicht nach nochmals spürbar zunehmen.

Wir müssen etwas tun und eigentlich müsste die Politik in der demokratischen Mitte sich auf Reformen einigen. Dieses Gegeneinander in der Öffentlichkeit ist total schädlich. (…) So kommen wir als Land nicht voran.

Veronika Grimm, Wirtschaftsweise

Übergabe Bericht der Kommission zur Sozialstaatsreform

Gebündelte Leistungen, vereinfachte Rechtsgrundlagen und Digitalisierung: Das sind die Vorschläge der Sozialstaatskommission. Ministerin Bas (SPD) will die Reform schnell angehen.

28.01.2026 | 2:32 min

SPD-Politiker Wiese: Bundesregierung will noch 2026 Sozialstaatsreform

Grimm stütze ihre Prognose auf die "mittelfristige Finanzplanung der Bundesregierung für das Jahr 2029". Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, gelangte mit denselben Daten allerdings zu der Einschätzung, dass der daraus abgeleitete Pessimismus nicht gerechtfertigt sei. Seine Begründung:

Wir haben als Bundesregierung den Anspruch, Reformen voranzubringen. Die SPD ist gewillt, in dieser Koalition gemeinsam mit den Kollegen von CDU und CSU dieses Jahr 2026 für die Sozialstaatsreform zu nutzen.

Dirk Wiese, SPD

Übergabe Bericht der Kommission zur Sozialstaatsreform

Ein von der Regierung eingesetztes Gremium schlägt vor, Bürokratie abzubauen und Sozialleistungen zu bündeln. Der Sozialstaat soll einfacher und effizienter werden.

27.01.2026 | 1:09 min

Die CDU-Fraktionsvorsitzende in Bremen, Wiebke Winter, lud den SPD-Politiker daraufhin ein, gemeinsam mit ihr "aufzuwachen", da die von Veronika Grimm vorgestellten Zahlen sie sehr beunruhigen würden. "Wir müssen uns doch fragen: wer bezahlt all die Zinsen zurück? Wer bezahlt überhaupt die Zeche und wie können wir uns das alles leisten, ohne die Schuldenbremse noch weiter aufzuweichen?"

Ich glaube, was wir jetzt brauchen, ist ein doppelter Kennedy-Moment. (…) Wir brauchen eine neue Geschichte, woran auch die junge Generation glauben kann.

Wiebke Winter, CDU

Diana Zimmermann im Schaltgespräch mit der heute

Der deutsche Sozialstaat soll grundsätzlich reformiert werden – die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. Einschätzungen von Diana Zimmermann.

27.01.2026 | 1:30 min

CDU-Politikerin Winter: Grundlegende Reformen statt "Teildebatten"

Winter sagte, sie ärgerten mitunter die "Teildebatten" über einzelne Themen wie Zahnarztleistungen, Krankentage oder "Lifestyle-Teilzeit". Sie könne zwar verstehen, dass man sich darauf stürze, hielt es aber nicht für klug, gerade jetzt beispielsweise über den Umfang der Zahnarztleistungen zu diskutieren. Nötig seien vielmehr grundlegende Reformen, über die man endlich sprechen müsse.

Markus Lanz beschränkte sich an diesem Abend nicht auf die Diskussion notwendiger politischer Reformen, sondern rückte auch die Arbeitsmoral der Bürger in den Mittelpunkt.

Debatte über Arbeitsmoral verschärft Reformstreit

Mitte Januar hatte Bundeskanzler Friedrich Merz die Arbeitsmentalität in Deutschland kritisiert und sich für längere Arbeitszeiten ausgesprochen: "Insgesamt ist die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft nicht hoch genug". Noch deutlicher wurde Merz mit Blick auf aktuelle Arbeitszeitmodelle: "Um es noch deutlicher zu sagen: Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten - und deswegen müssen wir mehr arbeiten."

Friedrich Merz am Rednerpult der CDU

Die Beschäftigten kämen im Schnitt auf fast drei Wochen Fehltage durch Krankheit, so Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Wahlkampfveranstaltung im Januar. "Ist das wirklich richtig?", fragte er.

17.01.2026 | 0:56 min

Arbeitsmoral gut, Motivation schlecht?

Dem wollte Wiebke Winter so nicht zustimmen. "Ich finde, es gibt wahnsinnig viele Menschen, die unglaublich leistungsbereit sind. (…) Für mich heißt Leistung, wenn man sich morgens um 4:00 Uhr den Wecker stellt, aufsteht, zur Arbeit geht, danach die Kinder betreut. Aber auch wenn man sagt, ich setze mich vormittags an die Kasse, geht danach zum Integrationskurs und lernt Deutsch."

Weniger Teilzeit für mehr Wachstum? Warum die CDU Druck macht - jetzt den heute journal Podcast streamen

Für die 29-Jährige CDU-Politikerin war weniger die Arbeitsmoral, als eher die Motivation, gerade für die jüngere Generation, ein Thema.

Arbeiten wir zu wenig?

Mehr Arbeit für mehr Wirtschaftswachstum? Mirko Drotschmann erklärt die Forderungen aus Politik und Wirtschaft: Was gilt? Was soll geändert werden? Was sagen SPD und Union dazu?

05.02.2026 | 13:27 min

"Ich [nehme] immer wieder wahr, dass es Menschen gibt, die sich momentan fragen: 'Wofür mache ich das? Wieso soll ich noch in dem Umfang arbeiten, wenn ich nicht mehr weiß: Kann ich mir später vielleicht ein Eigenheim leisten?' Auch das Thema Rente ist für meine Generation ein riesig großes, weil viele in meiner Generation nicht mehr davon ausgehen, dass die gesetzliche Rente auch noch für uns ausreichen wird."

Über dieses Thema berichtete das ZDF in der Sendung "Markus Lanz" am 05.02.2026 ab 23:15 Uhr.

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