Gut im Erfinden, schlecht im Umsetzen:Warum deutsche Innovationen selten zu Markterfolgen werden
von Frank Bethmann
Deutschland ist stark in Forschung und Innovation. Zu Verkaufsschlagern werden deutsche Ideen aber inzwischen von anderen gemacht. Woran liegt das?
Mit deutschen Ideen in Deutschland Geld machen - oft scheitert das an der Finanzierung. Die Wertschöpfung verlagert sich häufig ins Ausland.
08.07.2026 | 0:39 min2005 startete die Bundesregierung gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie eine bis heute ikonische Kampagne: "Deutschland - Land der Ideen". Die 20-Millionen-Euro schwere Marketingoffensive sollte Deutschlands Image - pünktlich zur Fußball-WM 2006 in Deutschland - aufpolieren. Denn die Welt sah damals Deutschland schon lange nicht mehr als Nation der Erfinder, trotz Automobil oder MP3.
Deutschlands Forschung ist stark
Das Deutschland-Bild ist verzerrt. Deutschland ist nach wie vor eines der produktivsten Innovationsländer der Welt. Kaum eine andere Volkswirtschaft verfügt über eine vergleichbare Dichte an Hochschulen, Forschungsinstituten und technologiegetriebenen Unternehmen.
Immer mehr US-Forschende zieht es nach Deutschland: Die Humboldt-Stiftung verzeichnete 32 Prozent mehr Anträge aus den USA, beim Deutschen Akademischen Austauschdienst verdoppelte sich die Zahl.
11.03.2026 | 0:41 minDeutsche Wissenschaft genießt weltweit einen exzellenten Ruf. So gehören beim CERN, dem weltweit größten Zentrum für Teilchenphysik nahe Genf, deutsche Physiker seit Jahrzehnten zu den wissenschaftlich stärksten Partnern. Internationale Spitzenforscher kommen bewusst nach Deutschland, zum Beispiel zur Max-Planck-Gesellschaft und dort entsteht Nobelpreisforschung.
- 1450: Johannes Gutenberg erfindet den Buchdruck.
- 1886: Karl Benz erhält das Patent für das erste praxistaugliche Automobil mit Verbrennungsmotor.
- 1895: Wilhelm Conrad Röntgen macht das erste Röntgenbild.
- 1941: Konrad Zuse stellt den ersten Computer vor.
- 1991: Das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltung (IIS) stellt die erste Standardisierung des MP3-Formats vor.
Wer wagt, gewinnt: Globale Erfolge feiern andere
Die bahnbrechenden Produkte und die wertvollsten Technologiekonzerne der Gegenwart kommen mittlerweile meist aus den USA - oder zunehmend aus China.
Das Smartphone wurde von Apple zur Massenware gemacht. Künstliche Intelligenz wird von amerikanischen Unternehmen vorangetrieben. Die private Raumfahrt wird von SpaceX dominiert.
Im Juni fanden in Erfurt die Investor Days Thüringen statt. Startups, Investoren und Akteure des Innovationsökosystems trafen sich dort bereits zum elften Mal.
15.06.2026 | 1:49 minChina wiederum hat sich vom Billigproduzenten zum Innovationsstandort entwickelt und Deutschland bei den Patentanmeldungen längst überholt. Laut World Intellectual Property Indicator, der Weltorganisation für geistiges Eigentum, wurden im Reich der Mitte inzwischen rund 14 Mal so viele Patentanmeldungen gezählt wie hierzulande.
- Deutschland liegt bei Investitionen in immaterielle Werte (z.B. Forschung und Entwicklung) auf Platz drei hinter Japan und den USA. Eine Auswertung von China war aufgrund fehlender Daten nicht möglich.
- Die Investitionen beliefen sich 2025 auf umgerechnet rund 637 Milliarden Euro.
- Immaterielle Investitionen machen 11,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Das ist ein höherer Wert als der Anteil der materiellen Investitionen (10,7 Prozent).
Quelle: World Intangible Investment Highlights 2026, Wipo/Luiss Business School
Kultureller Unterschied, wie Scheitern gedeutet wird
Der Grund dafür wurzelt in einem kulturellen Unterschied. Wer in Deutschland mit einer Geschäftsidee scheitert, muss sich erklären. Im Silicon Valley gehört das Scheitern fast schon zum guten Ton. Oder wie es Unternehmer und Technologie-Investor Frank Thelen mehrfach sinngemäß formulierte: In den USA wird Scheitern als Erfahrung gewertet; in Deutschland oft als Makel.
Lea-Sophie Cramer trifft auf Dominik Popp, der als Fußballprofi und Startup-Gründer mehrfach scheitert, bis er herausfindet, worauf es als Unternehmer wirklich ankommt.
11.08.2025 | 42:15 minDeutschland fehlt Wagniskapital
Hinzu kommt ein Mangel an Risikokapital. Deutsche Unternehmen erhalten vergleichsweise leicht Kredite für bewährte Geschäftsmodelle. Wer jedoch eine visionäre Idee verfolgt, die erst in zehn Jahren Gewinne abwerfen könnte, hat es deutlich schwerer.
Wir brauchen eine neue Investmentkultur.
Dr. John Lange, Gründungspartner des Risikokapitalfonds AI.FUND
Der Wissenschaftsstandort Deutschland galt seit langem international als führend. Doch andere Länder haben aufgeholt und sind innovativer geworden. Wo steht Deutschland heute?
09.12.2025 | 3:04 minDenn die größten Umbrüche entstehen oft gerade dort, wo zunächst vieles unsicher erscheint. Weder Amazon noch Tesla oder SpaceX hätten in ihren Anfangsjahren in Deutschland wahrscheinlich eine einfache Finanzierung erhalten.
Big Tech, das Internet und KI haben die Spielregeln massiv verändert. Die Geschwindigkeit, in der in diesen Sektoren entwickelt und skaliert wird, hat extrem zugenommen. Gleichzeitig geht es um enorme Summen, die investiert werden müssen. In der Vergangenheit konnte man sich noch eher einen Fehlschuss erlauben, heute kann das bereits existenzgefährdend sein.
Der Chiphersteller Infineon hat in Dresden ein neues Werk zur Produktion von Mikrochips eröffnet. So sollen rund 1.000 Jobs entstehen.
02.07.2026 | 1:13 minDeutscher Perfektionismus als Hindernis
Ein weiteres Problem ist die deutsche Liebe zur Perfektion. Produkte sollen ausgereift, sicher und nahezu fehlerfrei sein. Das schafft Qualität, kostet aber Zeit. Daniel Metzler, Chef des Münchner Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace, steht für eine neue Generation europäischer Unternehmer, die wissen, dass sie schneller werden müssen, um erfolgreich zu sein.
In Deutschland wollen wir oft das perfekte Produkt bauen. Im Silicon Valley baut man zuerst etwas, das funktioniert.
Daniel Metzler, Mitgründer und Geschäftsführer von Isar Aerospace
Dabei zeigt sich, dass Rückschläge dazugehören, aber nicht automatisch Versagen bedeuten.
KI verändert bereits heute den Alltag. Im Wettrennen um die besten Technologien in diesem Bereich sind China und die USA Weltspitze, aber auch deutsche Unternehmen wollen mitmischen.
16.04.2026 | 1:43 minAmbivalentes Verhältnis zu wirtschaftlichem Erfolg
Auffällig ist auch, dass Deutschland nur selten visionäre Unternehmerpersönlichkeiten hervorbringt. Das liegt nicht an fehlendem Talent. Vielmehr herrscht hierzulande oft ein ambivalentes Verhältnis zu wirtschaftlichem Erfolg. Große Visionen werden schnell als Größenwahn abgetan. Dabei entstehen technologische Revolutionen - man denke an Steve Jobs oder Elon Musk - meist durch Menschen, die bereit sind, unrealistisch klingende Ziele zu verfolgen.
Das eigentliche Defizit Deutschlands ist daher nicht mangelnde Kreativität. Es fehlt auch nicht an Forschung oder technischem Know-how. Die Schwäche liegt im Transfer. Zu oft gelingt es nicht, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen globale Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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