Ironman-WM:Warum selbst die Besten auf Hawaii zusammenbrechen
von Johannes Fischer
Warum brechen selbst Top-Triathleten beim Ironman auf Hawaii zusammen? Zwei Sportwissenschaftler erklären, welche Rolle Hitze, Luftfeuchtigkeit und die Grenzen des Körpers spielen.
Die Norwegerin Solveig Løvseth wird von Taylor Knibb (l) aus den USA umarmt, nachdem sie ins Ziel gekommen ist.
Quelle: Donald Miralle/Getty Images North America for IRONMAN/dpaAnderthalb Kilometer noch. Solveig Løvseth ist bei der Ironman-WM auf Hawaii auf dem Weg zum Ziel, der zweite Titel in Serie scheint zum Greifen nah. Doch plötzlich schwankt die Norwegerin und sackt zusammen. Erst nach einer längeren Pause setzt sie das Rennen fort. Rund eine halbe Stunde später erreicht sie als Achte das Ziel.
Die Bilder erinnern an 2025: Damals brachen Lucy Charles-Barclay und Taylor Knibb dramatisch ein, Løvseth wurde Weltmeisterin. Nun erwischt es sie selbst. Auch der dreifache Ironman-Weltmeister Patrick Lange musste auf Hawaii aufgeben. Auf der Radstrecke war für den 40-Jährigen Schluss.
Warum geraten selbst die besten Triathleten der Welt auf Hawaii immer wieder an ihre Grenzen? Die Ursachen liegen in extremen Bedingungen - und in einem Sport, in dem kaum noch Platz für eine defensive Strategie bleibt.
"Der Körper tut sehr, sehr weh, der Kopf tut noch ein bisschen mehr weh", sagt Patrick Lange zu seinem letzten Rennen bei der Ironman-WM auf Hawaii.
12.10.2026 | 4:00 minDer schmale Grat zum Erfolg beim Ironman
"Das ist manchmal ein kalkuliertes Risiko, das man eingehen muss", sagt Björn Geesmann, der als Trainer und Leistungsdiagnostiker im Triathlon arbeitet. Wer gewinnen wolle, müsse sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen - von Trainingssteuerung und Ernährung bis zur Hitzeakklimatisation.
Es reicht inzwischen nicht mehr, mit angezogener Handbremse und einer konservativen Strategie auf Sicherheit zu setzen. Sonst zieht das Rennen an einem vorbei.
Björn Geesmann, Trainer und Leistungsdiagnostiker
Die Profis müssen deshalb immer wieder abwägen, wie weit sie an ihre Grenzen gehen können. "Man muss sich auf einem sehr schmalen Grat bewegen und ein Risiko eingehen", sagt Geesmann. Das könne zum Sieg führen, aber ebenso zum Einbruch kurz vor dem Ziel.
Drama beim Rennen der Frauen, eine starke Laura Philipp und Patrick Langes Ausstieg bei den Männern. Die Ironman-WM hatte viel zu bieten. Die Highlights.
11.10.2026 | 16:04 minAuch Professor Ingo Froböse, der unter anderem die physiologischen Auswirkungen von Sport und Bewegung untersucht, sieht die Athleten immer näher an ihre körperlichen Grenzen rücken. "Eine Endzeit von siebeneinhalb Stunden war vor einigen Jahren noch fast undenkbar", sagt er. Präzisere Diagnostik und individualisiertes Training ermöglichten diese Entwicklung. Doch der Körper lasse sich nicht vollständig berechnen.
Ironman Hawaii: Warum die Hitze so gefährlich ist
Auf Hawaii ist vor allem die Kombination aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit gefährlich. "Die Luftfeuchtigkeit ist das große Problem", sagt Geesmann. Bei schwüler Luft verdunstet Schweiß schlechter, der Körper kann Wärme nicht mehr ausreichend abgeben. Die Körperkerntemperatur steigt - irgendwann greift der Schutzmechanismus.
Um Wärme abzugeben, leitet der Körper mehr Blut in die Peripherie. Der Muskulatur und dem Verdauungstrakt steht dadurch weniger zur Verfügung. Flüssigkeit und Kohlenhydrate lassen sich immer schlechter aufnehmen. "Sobald die Thermoregulation versagt, bricht die Magenfunktion ein", erklärt Froböse. Es drohe eine Kettenreaktion aus Überhitzung, Energiemangel und Flüssigkeitsverlust.
Patrick Lange musste seinen letzten Ironman auf Hawaii aufgeben. Im ZDF-Interview bei Lena Kesting spricht er unter anderem über die Gründe.
11.10.2026 | 2:44 minSelbst die beste Ernährung schützt nicht immer
Die Sporternährung ist inzwischen hoch entwickelt. Manche Profis versuchen, bis zu 200 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde aufzunehmen. Froböse hält das für eine extreme Größenordnung: "Das ist sicherlich die absolute Grenze." Doch selbst eine minutiös geplante Versorgung bietet keine Garantie. Was unter kontrollierten Bedingungen funktioniert, kann bei Hitze und Ermüdung scheitern.
Auch Geesmann sieht offene Fragen: Wie viele Kohlenhydrate der Körper unter Wettkampfbedingungen tatsächlich verbrennen und aufnehmen kann, sei nicht immer genau bekannt. Bei Løvseth könnte auch die Steuerung durch das Gehirn eine Rolle gespielt haben: Wenn sich die Glykogenspeicher zu schnell leerten, könne der Körper die Leistung herunterfahren. "Dann geht plötzlich nichts mehr."
Deutschlands Laura Philipp spricht nach dem zweiten Platz bei der Ironman-WM im ZDF-Interview bei Reporterin Lena Kesting.
11.10.2026 | 2:11 minDie Ironman-WM in Kona bleibt ein besonderer Prüfstein. Die Sportwissenschaft kann Unsicherheiten verringern, aber nicht beseitigen. Die Profis werden schneller, ihre Vorbereitung präziser. Doch zwischen berechneter Belastung und tatsächlicher Reaktion des Körpers bleibt ein Risiko.
Løvseth kennt nun beide Seiten: Vor einem Jahr profitierte sie vom Einbruch anderer. Diesmal erlebte sie selbst, wie schmal der Grat zwischen Triumph und Tragödie ist.