Zweiter Grand-Slam-Titel:Unvollendet war gestern: Zverev gewinnt US Open
von Jannik Schneider
Alexander Zverev hat das Narrativ seiner Karriere eigenhändig umgekehrt. Vom Unvollendeten, dessen beeindruckende Laufbahn ohne großen Titel enden könnte, hin zu zwei Grand Slams.
Der French-Open-Sieger Zverev bezwang im Finale in New York den Amerikaner Ben Shelton in vier Sätzen.
Quelle: AFP | ANGELA WEISSAls die Pressekonferenz tief in den Katakomben des größten Tennisstadions der Welt zu Ende war, stand Alexander Zverev auf. Der Pressesprecher der Spielervereinigung erinnerte den Turniersieger daran, die Trophäe mitzunehmen. Zverev, noch nicht richtig vom Pult aufgestanden, lachte: "Was soll das denn? Glaubst du, diesen Pokal lass' ich hier stehen? Niemals!"
Dann griff er nach der Silbertrophäe, die er sich nach 3 Stunden und 33 Minuten gegen Ben Shelton im US-Open-Finale erarbeitet hatte, und stolzierte zum Fototermin. Vor den Brunnen des Arthur-Ashe-Stadions posierte er mit seiner neuesten Errungenschaft, bevor er an der Seite seines Managers Sergej Bubka und des Pressesprechers verschwand. Ähnlich wie in Paris stand eine längere Partynacht an.
Der Pressesprecher hatte wohl vorsorglich gehandelt, schließlich hatte Zverev nach dem Matchball erst nicht verstanden, dass er seinen zweiten Grand-Slam-Titel im dritten großen Finale errungen hatte. Er sei sehr "in der Zone" gewesen, sagte er später.
Ich dachte, es steht 5:1 und nicht 6:2, aber es hat mir geholfen, dass ich nicht nervös wurde.
Alexander Zverev
Nach seinem zweiten Grand-Slam-Titel bilanziert Alexander Zverev am ZDF-Mikrofon seine Leistung und was ihm dieser Titel bedeutet. Interview: Jannik Schneider.
14.09.2026 | 0:48 minZverev greift nach Platz eins der Weltrangliste
Die Knieverletzung von Jannik Sinner, die späte Rückkehr von Carlos Alcaraz nach dessen Handgelenksverletzung und das frühe Aus von Kontrahenten wie Taylor Fritz und Lorenzo Musetti nutzte Zverev für sich: vom Unvollendeten, der trotz massiven Aufwands ohne großen Titel enden könnte, hin zu drei Grand-Slam-Finals nacheinander - und zwei Titeln.
In der Weltrangliste liegt er noch hinter Sinner. Im Liveranking, das nur die Zeit seit Januar berechnet, liegt Zverev bereits vorne und hat angesichts Sinners Knieverletzung realistische Chancen, erstmals die Nummer eins der Welt zu werden.
Ein australischer Reporter fragte Zverev unverblümt, ob er sich als bester Spieler der Welt fühle. Er überlegte fast zehn Sekunden, starrte auf das Mikrofon. Er wisse nicht, wie er darauf antworten solle. "Angesichts der Tatsache, dass Jannik Sinner verletzt ist und Carlos Alcaraz nach vier Monaten Verletzungspause zurückkehrte - im jetzigen Moment: wahrscheinlich ja. Wenn beide gesund wären und in Topform spielten - vielleicht nicht."
Vor vier oder fünf Monaten sei das nicht der Fall gewesen.
Da habe ich ständig gegen Jannik verloren. Wenn also alle gesund sind, liegt Jannik meiner Meinung nach immer noch vorn. So einfach ist das.
Alexander Zverev
Alexander Zverev hat sich bei den US Open buchstäblich ins Finale gekämpft. Nach schwachem Turnierstart steigerte er sich zum Finale.
12.09.2026 | 2:33 minZverev bleibt gegen Shelton im Finale ruhig
Eine Stunde zuvor: Kurz nach Matchende standen die TV-Reporter seitlich des Centre Courts parallel zur Doppellinie aufgereiht. Die Schlange zog sich über die gesamte Platzlänge. Als Zverev ans ZDF-Mikrofon trat, wirkte er ähnlich wie in der Mixedzone von Paris erschöpft. Tiefe Augenringe, müde Augen: Der Abfall der Anspannung mündete weniger in Freude als in einen Mix aus Erleichterung und Müdigkeit.
Musste er in Paris noch gegen die Dämonen des fehlenden Grand-Slam-Titels ankämpfen, waren es am Sonntag rund 24.000 frenetische US-Amerikaner, viele ausgestattet mit "Honey Deuce", dem Wodka-Cocktail des Turniers, sowie ein kämpfender Shelton in dessen erstem Grand-Slam-Finale.
Als dieser den dritten Satz gewann und das Stadion anzündete, blieb Zverev mit seiner Erfahrung aus sechs Grand-Slam-Finals ruhig. "Ich weiß, dass viele Dinge passieren können. Er hatte einen fast perfekten dritten Satz gespielt und ich wusste, dass ich ruhig bleiben musste. Ich habe meine Sachen weitergemacht und einen fast perfekten vierten Satz gespielt", sagte er dem ZDF.
Vor Zverev war Boris Becker der einzige deutsche US-Open-Gewinner. Vorab betonte er, dass er Zverev den Sieg zutrauen würde.
12.09.2026 | 3:25 minRunde mit seinem Team bringt Entspannung
Dass Zverev die Trophäe am Sonntag in die Höhe strecken würde, wäre neun Tage zuvor eine kühne Aussage gewesen. Nach einer durchwachsenen Hardcourtsaison hatte er Probleme mit den Bällen, der eigenen Form und musste in Runde eins und zwei über fünf Sätze gehen. Gegen Lorenzo Sonego fehlten zwei Punkte zum Aus.
Eine lustige Runde mit seinem Team mitten in der Nacht nach dem Zweitrunden-Match habe ihn entspannt. "Wir haben uns kaputtgelacht, weil ich so schlecht gespielt habe." Am nächsten Tag sei er viel entspannter gewesen.
Gepaart mit der Trainingsintensität - Shelton nannte Zverev den "härtesten Arbeiter" der Tour - brachte ihn das in eine konkurrenzfähige Situation. Zverev schnappte zu, als andere Topspieler früh verloren.
Über eine Davis-Cup-Teilnahme kommende Woche wolle er am Montag entscheiden. Er sei dafür. "Alle im Team sind dagegen und sagen, ich solle mich ausruhen." Für Zverev geht es nun auch um die Nummer eins der Weltrangliste.