Schiedsrichter bei Fußball-WM:Zu devot, zu großzügig, zu oft im Mittelpunkt
von Andreas Morbach
Vielen guten Leistungen der Referees bei der WM standen noch mehr negative Eindrücke gegenüber. Schuld daran hat nach Ansicht des ZDF-Experten Thorsten Kinhöfer auch die FIFA.
Die WM-Schiedsrichter (hier Barton aus El Salvador mit seinem Assistenten) standen regelmäßig im Mittelpunkt der Kritik - überwiegend negativer.
Quelle: dpaAufregung um die Schiedsrichter gab es bei dieser Fußball-WM reichlich. Beim Finale zwischen Spanien und Argentinien sorgte Referee Slavko Vincic aber nur für einen kleinen Fauxpas - als er den Spanier Alex Baena mit seinem Freistoßspray versehentlich kurz ansprühte.
Argentiniens harte Gangart nicht belohnt
Baena drehte sich weg, der durchweg souveräne Vincic entschuldigte sich, fertig. Der hochverdiente WM-Titel für die Iberer behagte auch Thorsten Kinhöfer - mit Blick auf die Dauerdebatte um eine mögliche Bevorzugung des entthronten Weltmeisters beim zurückliegenden Turnier.
"Wenn die aggressive und häufig unsaubere Spielweise der Argentinier noch belohnt worden wäre, hätte ich das nicht gut gefunden", betont Kinhöfer im Gespräch mit ZDFheute. Dabei denkt der langjährige Bundesligaschiedsrichter auch an das Auftaktsspiel der Südamerikaner gegen Algerien.
Die Rot-Sperre des US-Amerikaners Folarin Balogun ist nach einem Anruf von Donald Trump bei Gianni Infantino aufgehoben worden. Die Fußball-Welt ist empört.
06.07.2026 | 2:13 minMessis rotwürdiger Wadentritt
Argentiniens Superstar Lionel Messi leistete sich dort einen rotwürdigen Tritt in die Wade des gegnerischen Kapitäns Aïssa Mandi. Von Szymon Marciniak, 2022 exzellenter Leiter des WM-Finals, wurde er dafür nicht einmal verwarnt.
"Ich möchte nicht glauben, dass Superstars wie Messi bevorteilt werden. Das wäre ein Armutszeugnis für jeden Schiedsrichter", kommentiert Kinhöfer hierzu allgemein.
Torhüterschutz zu spät kommuniziert
Prinzipiell gut war die FIFA-Vorgabe, einen möglichst flüssigen Spielverlauf zu gewährleisten. Das klappte oft. Beim Halbfinale zwischen Argentinien und England bekam der sehr großzügig pfeifende US-Amerikaner Ismail Elfath die explosive Partie allerdings erst in der zweiten Halbzeit in den Griff.
Viel zu spät kommunizierte die FIFA ihren Plan, Torhüter stärker zu schützen. Was unter anderem beim Sechzehntelfinal-Aus der deutschen Mannschaft gegen Paraguay für Unverständnis sorgte.
Rückschritt bei der Kapitänsregel
Als "Katastrophe" bezeichnet Kinhöfer die Informationspolitik der FIFA in diesem Punkt. Einen bedauerlichen Rückschritt erlebte in den vergangenen Wochen zudem die bei der EM 2024 erstmals erprobte sogenannte "Kapitänsregel".
Während der WM mutierte dieser Kapitänsdialog nun häufig zu einem Teamdialog. "Alle stürmen auf mich ein und quatschen mich voll", beschreibt Kinhöfer die Zustände aus Sicht der Referees.
Dieses devote Verhalten von Schiedsrichtern war für mich inakzeptabel. Man muss sich auf Augenhöhe begegnen. Und das war bei der WM häufig überhaupt nicht der Fall.
ZDF-Schiedsrichterexperte Thorsten Kinhöfer
Absoluter Tiefpunkt: der Fall Balogun
Ins Rampenlicht rückten Unparteiische und VAR in den Augen des ZDF-Experten aber auch ohne eigenes Verschulden.
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07.07.2026 | 2:10 minAbsoluter Tiefpunkt: Die unsägliche Entscheidung der FIFA, den rotgesperrten amerikanischen Angreifer Folarin Balogun im Achtelfinale gegen Belgien doch spielen zu lassen. Das geschah nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Giovanni Infantino.
Kritik an Schiedsrichterchef Collina
"Mittlerweile", hält Kinhöfer dazu fest, "hat die FIFA einen Ruf, dass ihr nichts mehr geglaubt wird." Verantwortlich dafür macht der Mann aus dem Ruhrgebiet Infantino. Aber auch Pierluigi Collina, beim Weltverband seit 2017 Chef der Schiedsrichterkommission.
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19.07.2026 | 7:20 minDer brasilianische Raphael Claus habe mit der Roten Karte gegen Balogun im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina alles richtig gemacht. "Als Schiedsrichterchef hätte ich ihn danach noch ein Spiel pfeifen lassen", sagt Kinhöfer. "Allein um zu dokumentieren: 'Der Mann hat unser Vertrauen.' Das wurde nicht gemacht."
Mehr Schatten als Licht
Nicht aufzufallen ist das höchste Gut eines Schiedsrichters - und das wurde neben zum Teil sehr guten Leistungen bei dieser Weltmeisterschaft oft nicht erreicht. Was also bleibt?
Im WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien passiert lange nicht viel. Erst in der Verlängerung erlöst Ferran Torres die stärkeren Spanier.
20.07.2026 | 12:47 min"Es gab mehr Schatten als Licht", urteilt Thorsten Kinhöfer, der fordert: "Die FIFA muss künftig viel transparenter nach außen agieren. Und sie darf sich nicht mehr politischen Einflüssen beugen."
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