Ballbesitz-Fußball war einmal:Bosnien und die heilende Wirkung einer 0:7-Pleite
von Stephan Klemm
Sergej Barbarez hat als Trainer des Teams aus Bosnien-Herzegowina sehr von einer hohen Niederlage in Deutschland profitiert. Und später Italien ausgeschaltet.
Sergej Barbarez, Cheftrainer von Bosnien-Herzegowina, während des Spiels zwischen Kanada und seiner Mannschaft.
Quelle: ImagoVor genau zwei Jahren hat Sergej Barbarez als Nationaltrainer von Bosnien-Herzegowina übernommen. Er hatte damit einen Job mit wenig Garantie, denn zuvor wurden innerhalb von 16 Monaten gleich vier seiner Vorgänger entlassen. Als Arbeitsgrundlage ist das eher eine betrübliche Situation. Hinzu kommt noch, dass Barbarez zuvor nie als Trainer gearbeitet hatte.
Viel fehlte nicht zum Sieg über Kanada
"Aber ich hatte ein sauberes Gesicht, wie man bei uns sagt. Ich bin immer ehrlich", erklärte Barbarez, einst Spieler in Rostock, Dortmund, Hamburg und Leverkusen, dazu zuletzt in einem Interview. Das saubere Gesicht und seine Ehrlichkeit hätten ihm geholfen, Spieler davon zu überzeugen, für Bosnien-Herzegowina zu spielen. Vor allem diejenigen, die für zwei Nationen antreten können. Zwei Jahre später qualifizierte sich Bosnien-Herzegowina mit Barbarez und einem interessanten Stamm an Spielern nach Playoff-Siegen über Wales und den wankenden Giganten Italien für die aktuelle WM. Und stand dort im Auftaktmatch lange vor einem Sieg gegen Mitgastgeber Kanada.
Kanada hat sich zum Auftakt der WM einen Punkt erkämpft. Gegen Bosnien-Herzegowina traf Cyle Larin spät zum verdienten Ausgleich des Co-Gastgebers.
12.06.2026 | 6:43 minJovo Lukic hatte sein Team in Toronto mit einem Kopfball schon nach 21 Minuten in Führung gebracht. Der Ausgleich fiel in der 79. Minute. Kanadas Joker Cyle Larin hatte getroffen. Seine Spieler seien daraufhin enttäuscht gewesen, sagt Barbarez: "Ich musste sie aufmuntern." Das nächste Spiel an diesem Donnerstag (21 Uhr) gegen die Schweiz wird gleichwohl eine noch größere Prüfung für Barbarez‘ Mannschaft. Das finale Gruppenspiel steigt schließlich am 24. Juni für Bosnien-Herzegowina. Gegner ist dann Katar.
Abkehr vom Ballbesitz-Fußball
Vor dem entscheidenden Playoff-Spiel gegen Italien Ende März kursierte ein Video von über den Gegner Bosnien jubelnden italienischen Spielern. Sie hatten sich über einen vermeintlich leichten Gegner gefreut. Barbarez fiel daraufhin die Motivation seines Teams leicht. Sehr oft habe man sich dieses Video zur Einstimmung angesehen. Außerdem sei sein Team schon nach dem Sieg in Wales im Flow gewesen, hochkonzentriert und optimistisch.
Es war allerdings nicht leicht für Barbarez, seiner Mannschaft seine taktischen Vorstellungen nahe zu bringen. "Früher war Ballbesitz alles, das ist die Kultur der Menschen auf dem Balkan. Kroaten, Serben, Bosnier: Sie alle wollen den Ball haben", sagt Barbarez. Doch diesen Ballbesitzfußball empfindet er als nicht mehr "so wichtig". Stattdessen "will ich den Ball im letzten Drittel haben". Barbarez geht es darum, dass seine Spieler weitestgehend frei sind in der Gestaltung des Spiels.
Auf ein 0:7 folgte ein 1:1
Im November 2024, fünf Monate nach seinem Jobbeginn, unterlag Bosnien-Herzegowina in der Nations League mit 0:7 in Freiburg gegen Deutschland. Im Anschluss daran habe er gewusst, dass sein Weg aufgehe. Er habe sie nur an das Wesentliche erinnern müssen. Barbarez hatte im Anschluss an das 0:7 seine älteren Spieler mehr in die Verantwortung genommen, sie sollten die jüngeren auf dem Platz besser anleiten - und vor allem angstfrei aufspielen. Drei Tage später erreichte Bosnien ein 1:1 in den Niederlanden. Das war für Barbarez das Signal:
Diese Gruppe funktioniert.
Sergej Barbarez
Zu dieser Gruppe gehören neben dem 40-jährigen Torjäger Edin Dzeko, dem Torhüter Nikola Vasilj vom FC St. Pauli auch noch der Ex-Schalker Sead Kolasinac und der Stuttgarter Ermedin Demirovic. Hinzu kommt der hochtalentierte 18-jährige gebürtige Kölner Kerim Alajbegovic, der zuletzt für RB Salzburg spielte. In der kommenden Saison wechselt er nach Leverkusen.
Gruppe B besteht aus Kanada, Bosnien-Herzegowina, Katar und der Schweiz. Für die Eidgenossen scheint das Weiterkommen in dieser Gruppe Pflicht.
05.05.2026 | 1:39 minNächster Gegner ist die Schweiz
Um in der Gruppe B weiterzukommen, benötigt Barbarez‘ Team dringend weitere Punkte. Am Donnerstag ist Bosnien auf dem Papier mit Weltranglisten-Position 63 klar im Nachteil gegenüber der Schweiz, die auf Platz 19 geführt wird. Dazu sagt Barbarez: "Wir haben so ein talentiertes Team. Da ist es unerheblich, dass die anderen in der Weltrangliste vor uns stehen."
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