Insulinpflicht über Jahre vermeiden:Neues Medikament verzögert Ausbruch von Diabetes Typ 1
von Gunnar Fischer
Ein monoklonaler Antikörper ist der neue Hoffnungsträger im Kampf gegen Typ-1-Diabetes. Wie der Wirkstoff Teplizumab den Ausbruch der Erkrankung hinauszögern kann.
Eine Antikörpertherapie soll Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes im Frühstadium jahrelang vor der Insulinpflicht schützen. Wie die Behandlung mit Teplizumab funktioniert.
19.03.2026 | 5:08 minSeit über 100 Jahren gibt es die Insulintherapie. Sie hat die Behandlung von Diabetes revolutioniert und der chronischen Stoffwechselerkrankung den Schrecken genommen. Allerdings ist es bislang nicht gelungen, den Ausbruch der Autoimmunerkrankung zu verhindern. Das könnte sich in Zukunft ändern.
Vor vier Jahren bekam Vivienne (10) die Diagnose Typ-1-Diabetes. Fast wäre sie zum Notfall geworden, weil ihre Blutzuckerwerte dramatisch erhöht waren.
20.01.2026 | 5:27 minMit dem Wirkstoff Teplizumab ist von der Europäischen Kommission Anfang 2026 erstmals ein Medikament zugelassen, das den symptomatischen Krankheitsbeginn von Diabetes Typ 1 bei Kindern und Jugendlichen um einige Jahre hinauszögern kann.
Bis jetzt konnten wir den Diabetes nur symptomatisch behandeln.
Dr. Antje Allendorf, Kinderdiabetologin
Für Antje Allendorf von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt bedeutet die Therapie mit dem monoklonalen Antikörper ein Durchbruch in der Behandlung des Typ-1-Diabetes. Denn damit könne jetzt präventiv die Ursache behandelt werden, erklärt Allendorf.
Unterschied Diabetes Typ 1 und Typ 2
Bei Betroffenen mit Diabetes Typ 1 kann der Körper kein Insulin produzieren, da das körpereigene Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Mit Ausbruch der Erkrankung muss das lebenswichtige Hormon daher lebenslang von außen zugeführt werden.
Der Diabetes Typ 2 beruht meist auf einer Insulinresistenz, bei der die Körperzellen schlechter auf das Hormon ansprechen. In der Folge gelangt trotz erhöhtem Insulinspiegel immer weniger Zucker in die Körperzellen und bleibt im Blut. Mehr als 90 Prozent der Diabetiker leiden an Typ-2-Diabetes. Auslöser für diese Form sind häufig Fehlernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht.
Insulin ist das wichtigste Stoffwechselhormon im Körper. Es wird in der Bauchspeicheldrüse produziert und ins Blut abgegeben, das es zu den Zellen im Körper transportiert.
09.06.2020 | 1:16 minWie die Antikörpertherapie wirkt
Bei Typ-1-Diabetes werden die insulinproduzierenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse von der körpereigenen Abwehr angegriffen werden. Verantwortlich dafür sind bestimmte Immunzellen, die sogenannten T-Lymphozyten (T-Zellen).
Das Medikament beruhigt die autoaggressiven Zellen im Körper, sodass sie die Betazellen im Körper nicht attackieren.
Dr. Antje Allendorf, Universitätsmedizin Frankfurt
Bei der Behandlung handelt es sich um eine Antikörpertherapie, die in das Immunsystem eingreift, um den Zerstörungsprozess der Autoimmunerkrankung auszubremsen. Dabei bindet und blockiert der Antikörper Teplizumab gezielt ein bestimmtes Molekül auf der Oberfläche der T-Lymphozyten.
Nur einmal pro Woche spritzen: Ein neues Langzeit-Insulin erleichtert Diabetikern die Therapie, senkt Komplikationen und stabilisiert Werte. Für wen es geeignet ist.
14.11.2025 | 5:09 minFür wen Teplizumab zugelassen ist und wie behandelt wird
Das Medikament wird in einem einmaligen Behandlungszyklus per Infusion über einen Zeitraum von 14 aufeinanderfolgenden Tagen verabreicht. Es ist für Kinder ab dem achten Lebensjahr und Jugendliche zugelassen, die sich noch in der Vorstufe der Diabeteserkrankung, im sogenannten Stadium 2, befinden.
In dieser Phase lassen sich bereits Autoantikörper gegen die insulinbildenden Beta-Zellen nachweisen. Zudem zeigen sich erste Störungen im Zuckerstoffwechsel. Allerdings liegen noch keine Symptome eines Insulinmangels vor.
Studien belegen, dass Teplizumab die Erkrankung bis zu dem Zeitpunkt, ab dem Insulin verabreicht werden muss, um durchschnittlich drei bis fünf Jahre hinauszögern kann.
Meist wird ein Typ-1-Diabetes jedoch erst entdeckt, wenn sich Symptome bemerkbar machen. Zu diesem Zeitpunkt ist ein großer Teil der Beta-Zellen bereits zerstört. Umso wichtiger sind Früherkennungsprogramme, mit denen Kinder und Jugendliche rechtzeitig identifiziert werden.
Typ-1-Diabetes: Vier Krankheitsstadien
In diesem frühen Stadium sind bereits Autoantikörper im Blut nachweisbar, die die insulinbildenden Zellen angreifen. Die Blutzuckerwerte sind aber noch unauffällig und die Betroffenen völlig symptomfrei.
Auch in dieser prädiabetischen Phase der Autoimmunerkrankung haben Betroffene noch keine Beschwerden. Neben Autoantikörpern gegen die insulinbildenden Zellen lässt sich bereits eine Störung im Zuckerstoffwechsel (Dysglykämie) feststellen, etwa bei einem Glukosetoleranztest.
In diesem Stadium des Typ-1-Diabetes sind schon so viele Beta-Zellen zerstört, dass der Körper nicht mehr genügend eigenes Insulin produzieren kann. Es kommt zu Symptomen wie starker Durst, häufiges Wasserlassen, Müdigkeit, Gewichtsverlust und Sehstörungen. Die Betroffenen sind insulinpflichtig.
Die körpereigene Insulinproduktion ist vollständig eingestellt. Es gilt, schwerwiegende Folgeerkrankungen zu vermeiden. Dazu gehören eine diabetische Nierenerkrankung, Durchblutungsstörungen (häufig am Auge), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nervenschäden.
Während der Behandlung können Nebenwirkungen wie Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschläge sowie eine Verringerung der weißen Blutkörperchen auftreten. Weil das Medikament das Immunsystem beeinflusst, besteht eine erhöhte Infektanfälligkeit.
Leon (26) lebt seit frühester Kindheit mit Typ-1-Diabetes. Die Erkrankung stellt ihn vor viele Herausforderungen. Erst in den letzten Jahren hat er gelernt, mit ihr umzugehen.
27.05.2025 | 16:38 minAusbruch von Typ-1-Diabetes ganz vermeiden?
Die Behandlung kostet rund 200.000 Euro und wird von den Krankenkassen übernommen. Jan-Henning Klusmann, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Frankfurt, weist darauf hin, dass die vermeintlich hohen Kosten des Medikaments in Relation zu den Folgekosten einer insulinpflichtigen Diabeteserkrankung vergleichsweise gering seien. Für Klusmann steckt in der Antikörpertherapie viel Potenzial.
Die Behandlung des Diabetes im Frühstadium wird sich weiter verbessern.
Prof. Dr. Jan-Henning Klusmann, Kinder und Jugendmediziner
Womöglich könnte künftig sogar der Ausbruch eines insulinpflichtigen Diabetes komplett verhindert werden, so Klusmann weiter. Die Einführung des Wirkstoffs sei der Startschuss für weitere hochwirksame Therapieoptionen.
So wird derzeit an einer Kombinationstherapie geforscht, die Teplizumab mit Antikörpern gegen entzündungsfördernde Zytokine kombiniert. Diese Behandlung zielt darauf ab, nicht nur den Ausbruch zu verzögern, sondern die Beta-Zellen auch langfristig zu schützen.
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