Weltordnung im Umbruch:Neumann: "Trump will eine Welt der Großmächte"
Venezuela, Grönland, Machtpolitik: Sicherheitsexperte Peter Neumann erklärt, warum Trump die regelbasierte Ordnung aufkündigt - und was Europa jetzt tun muss.
US-Präsident Trump erhebt Anspruch auf Grönland. Das zeige, wie sich die Weltordnung aktuell verändere, analysiert Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King's College London.
10.01.2026 | 1:32 minZDFheute: In der vergangenen Woche haben wir den Coup auf Venezuela erlebt, die Forderungen von Donald Trump nach Grönland gehört und von den USA gekaperte Tanker gesehen. Was erleben wir da gerade?
Peter Neumann: Wir befinden uns in einem großen Umbruch. Die alte Weltordnung zerfällt, eine neue Weltordnung entsteht, und ich glaube, diese Weltordnung, die von Amerika und auch von anderen angestrebt wird, ist nicht mehr die regelbasierte Weltordnung, von der wir immer sprechen, sondern es ist eine Ordnung der Großmächte.
Trump stellt sich vor, dass er die Welt managt, mit vier oder fünf anderen Großmächten am Tisch sitzt, Deals macht und dass jeder sozusagen Kontrolle über seinen jeweiligen Einflussraum hat.
Peter Neumann, Sicherheitsexperte
Auf Grönland wächst die Unsicherheit. US-Äußerungen zur strategisch wichtigen Insel sorgen für Unruhe. Eine Reportage zeigt, wie die Bevölkerung mit der angespannten Lage umgeht.
10.01.2026 | 1:46 minZDFheute: Nun hat er Grönland in den Blick genommen. Was will Trump da?
Neumann: Amerika hat bereits jetzt viel Einfluss, aber es baut momentan eine Drohkulisse auf, die meiner Meinung nach die Absicht hat, eine Art Abkommen mit Grönland zu bekommen, wo Amerika wirklich in Grönland machen kann, was es möchte. Sowohl was die Ausbeutung von Rohstoffen angeht, die Eröffnung von Militärbasen, als auch die Nutzung von Grönland als strategisches Territorium, das dann eben anderen Ländern, wie zum Beispiel China und Russland, nicht mehr zur Verfügung steht.
ZDFheute: Angetreten ist Trump ja mit einer eher isolationistischen Agenda, mit "America First"…
Neumann: Er sagt ja nicht, ich gehe in diese Länder rein, um da Demokratie zu bringen, das waren ja George Bush und die Vorgänger, sondern er geht in diese Länder rein, um Amerika reicher zu machen.
Trump geht in diese Länder rein, um Rohstoffe auszubeuten, um Deals zu machen.
Peter Neumann, Sicherheitsexperte
Und so begründet er das, dass er jetzt plötzlich nicht mehr isolationistisch ist, sondern dass er jetzt überall in der Welt aktiv ist, die Weltordnung verändert, aber mit dem Ziel, Amerika reicher zu machen. Insofern passt das schon.
ZDFheute: Bundeskanzler Friedrich Merz nannte die völkerrechtliche Analyse des Venezuela Coups "komplex". Ist das rückgratlos oder smart, weil man Trump noch braucht?
Neumann: Wenn jetzt der Kanzler seiner Empörung darüber Ausdruck gegeben hätte, dass diese Aktion stattgefunden hat, dann wäre damit ja erstmal noch überhaupt nichts erreicht. Ich glaube, sein Job ist es, tatsächlich etwas zu erreichen. Diese vorsichtige Äußerung gibt ihm die Möglichkeit, vielleicht da mehr Spielraum zu haben, gerade auch in Bezug auf Trump, als wenn er sich hingestellt hätte und Amerika verdammt hätte.
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10.01.2026 | 2:07 minZDFheute: Offenbart dieser Moment die Schwäche Europas und Deutschlands? Denn wir haben weder wirtschaftliche noch militärische Stärke, um Trump entschiedener entgegenzutreten.
Neumann: Das war ja nur der letzte in einer ganzen Reihe von Weckrufen, wo man sich immer gedacht hat, warum reagiert Europa nicht stärker? Was Europa jetzt machen muss, ist, statt immer nur defensiv zu sein und statt immer nur in die Vergangenheit zu schauen und zu sagen, wir wollen die Vergangenheit zurück, Europa muss das Neuentstehende jetzt aktiv mitgestalten.
Wenn es eben eine Welt der Großmächte ist, in der wir leben, dann muss Europa zu einer Großmacht werden.
Peter Neumann, Sicherheitsexperte
ZDFheute: Wie soll das genau gehen?
Neumann: Niemand möchte der EU ihre Existenz streitig machen. Aber wir brauchen innerhalb dieses Formats neue Formate. Und ein Format, was sich anbietet, ist, dass die drei wichtigsten Mittelmächte in Europa, Frankreich, Deutschland und Großbritannien viel enger zusammenarbeiten. Und dass diese E3 im Prinzip sich so genau abstimmen, dass aus diesen drei Staaten, aus diesen drei Mittelmächten eine Großmacht wird, die mit am Tisch sitzt. Das sollte die strategische Priorität sein.
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08.01.2026 | 46:03 minZDFheute: Und bis es soweit ist, müssen wir uns weiterhin um Trumps Gunst bemühen?
Neumann: Richtig, es ist ein großes Problem, dass Europa jetzt im Prinzip von Amerika verlassen wird, und es versäumt hat, eigene Fähigkeiten aufzubauen. (…)
Es ist natürlich schmerzhaft zu akzeptieren, dass wir in dieser abhängigen Position sind, im Sicherheitsbereich, im Digitalbereich, im Energiebereich.
Peter Neumann, Sicherheitsexperte
Aber diese Abhängigkeit hat zur Folge, dass wir wahrscheinlich auf einige Jahre hin noch schmerzhafte Kompromisse mit den Amerikanern machen müssen, bis wir dann eben selbstständig sind. Aber diese schmerzhaften Kompromisse sind unvermeidbar, weil in vielen Bereichen, bei unserem Wohlstand, bei unserer Sicherheit, auch bei unserer Souveränität gegenüber anderen feindlichen Staaten, eben die Amerikaner ganz, ganz wichtig sind.
Das Interview führte Ines Trams, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.
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