Anwerbeabkommen mit Türkei: Wie es Deutschland verändert hat

65 Jahre Anwerbeabkommen:"Mein Mutterland ist die Türkei, aber das Vaterland hier"

Ina Baltes

von Ina Baltes

|

Das Anwerbeabkommen mit der Türkei von 1961 hat unser Land verändert. Inzwischen lebt die vierte Generation mit türkischen Wurzeln in Deutschland, rund 2,6 Millionen Menschen.

Sabri Aydin

Sabri Aydin kam als Gastarbeiter vor 65 Jahren aus der Türkei nach Deutschland, um bei Thyssen zu arbeiten. Längst ist Deutschland seine Heimat, verwurzelt fühlt er sich in beiden Ländern.

17.10.2026 | 3:47 min

Es ist 65 Jahre her, genau hier ist er angekommen. Sabri Aydin ist inzwischen 91 Jahre alt und steht mit seinem Enkel Gökhan auf einer Besucherterrasse am Düsseldorfer Flughafen. Der Bürgermeister kam damals zum Empfang und eine Kapelle, erzählt er.

Mit Sabri Aydin an Bord waren 92 weitere sogenannte Gastarbeiter, die sogar noch vor dem offiziellen Anwerbeabkommen vom 30.10.1961 in Deutschland ankamen und "zur Probe" arbeiten sollten. Sie kamen meist von der Schwarzmeerküste der Türkei. Bergarbeiter, die das deutsche Wirtschaftswunder unterstützen sollten.

Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von vielen Männern in Anzügen, die vor einem Flugzeug über das Rollfeld laufen

1961 kamen am Düsseldorfer Flughafen 93 sogenannte Gastarbeiter aus der Türkei an - unter ihnen Sabri Aydin. Als Bergarbeiter sollten sie das deutsche Wirtschaftswunder unterstützen.

Quelle: picture alliance/dpa

Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit

Es gab zu diesem Zeitpunkt schon andere Verträge der Bundesrepublik zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, mit Italien, Spanien und Griechenland. Die Anwerbeverträge hatten vor allem einen wirtschaftlichen Hintergrund, erklärt die Migrationsforscherin Sara-Marie Demiriz.

Wir befanden uns damals im Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit. Die Arbeitskraft, die der deutsche Arbeitsmarkt zur Verfügung hatte, war nahezu ausgeschöpft.

Sara-Marie Demiriz, Migrationsforscherin

Sabri Aydin fuhr damals schon am übernächsten Tag in der Duisburger Zeche Westende ein und baute dort Kohle ab. Später arbeitete er im Stahlwerk - sein Leben lang für die Firma Thyssen.

Die erste Generation sei nach Deutschland gekommen und habe körperlich schwere Arbeit geleistet, erklärt Sara-Marie Demiriz. Ihr Ziel sei nicht nur ein besseres Leben für sich selbst gewesen, sondern vor allem für ihre Kinder und Enkel. Sabri Aydin hat das geschafft. Vier Kinder hat er, zehn Enkel und 16 Urenkel. Stolz erzählt er, dass alle Arbeit haben und Eigentumswohnungen. Das ist ihm wichtig.

 "Die Aydins in Almanya – Eine deutsch-türkische Familiengeschichte": Sabri Aydin sitzt mit den Söhnen Ömer, Yakup und Murat auf den Stufen vor dem Eingang eines Gebäudes.

Als einer der ersten türkischen Gastarbeiter kam Sabri Aydin 1961 nach Deutschland. Vier Generationen seiner Familie erzählen von Migration, Heimat und dem Leben zwischen Duisburg und der Türkei.

06.10.2026 | 29:45 min

Experte: "Deutschland nachhaltig verändert"

Rund 870.000 türkische Arbeitskräfte kamen im Rahmen des Abkommens nach Westdeutschland. Einige kehrten auch wieder in die Türkei zurück, aber viele holten auch ihre Familien nach. Heute gibt es dauerhaft eine relativ große türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland. 2025 lebten laut Statistischem Bundesamt rund 2,65 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte aus der Türkei in Deutschland.

Das Abkommen mit der Türkei habe Deutschland nachhaltig verändert, sagt Caner Aver vom ZfTI, Zentrum für Türkeistudien. Eine Zäsur stellt besonders das "Rückkehrhilfegesetz" von 1983 dar. Deutschland befand sich damals in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Auch die Vorstellung, dass sich insbesondere türkische Einwanderer wegen kultureller und religiöser Unterschiede nur schwer integrieren ließen, spielte, so Aver, eine Rolle.

Um die 10.000 Deutsche Mark erhielten türkische Arbeitnehmer, wenn sie dauerhaft ausreisten. Etwa 15 Prozent der türkischen Staatsangehörigen verließen damals die Bundesrepublik.

Italienische Gastarbeiter

Vor 70 Jahren haben Deutschland und Italien ein Anwerbeabkommen für Gastarbeiter unterzeichnet. Viele der bis zum Anwerbestopp Eingewanderten leben auch heute noch hier.

17.12.2025 | 0:27 min

Einwanderungsland Deutschland

Deutschland ist faktisch seit den Anwerbeabkommen der 1950er und 1960er Jahre ein Einwanderungsland. Politisch wurde diese Realität aber erst um die Jahrtausendwende zunehmend anerkannt.

Heute lebt bereits die vierte Generation mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung von 2025 fühlen sich 91 Prozent von ihnen mit Deutschland verbunden. Eine Studie des DeZIM Instituts von 2023 weist aber auch darauf hin, dass sich gerade türkeistämmige Menschen besonders häufig als Teil einer Gruppe wahrnehmen, die von Diskriminierung betroffen ist.

Auch der sechzehnjährige Utku Aydin, ein Urenkel von Sabri, fühlt sich mit Deutschland verbunden. Er gehört der vierten Generation an. Er sei eher türkisch aufgewachsen, sagt er. "Deswegen steh' ich eher so zu der Türkei". Sein Urgroßvater sieht das anders: "Wir sind Deutsche." Er möchte neben seiner vor elf Jahren verstorbenen Frau in Duisburg beerdigt werden. "Mein Mutterland ist die Türkei", sagt er, "aber das Vaterland ist hier."

Ina Baltes berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Nordrhein-Westfalen.

Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.


Über dieses Thema berichteten verschiedene Sendungen, darunter heute in Deutschland am 20.10.2026 ab 14 Uhr.

Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen

Jetzt aktivierenMehr erfahren
Thema

Mehr zum Thema Migration

  1. Samira, aus der Doku "37°Leben - Deutschland, wann bin ich genug?", sitzt vor einem Laptop in einem Hörsaal. Sie blickt konzentriert auf den Bildschirm. Im Hintergrund sitzen weitere Studierende auf roten Hörsaalsitzen. Der Raum ist dunkel gehalten und wird von warmem Licht beleuchtet.

    Leistungsdruck durch Migrationsgeschichte:Kampf um Anerkennung: "Wann bin ich eigentlich genug?"

    von Liza Fresnay
    mit Video27:06

  2. Drei Kinder laufen Treppen zum Eingang eines Gebäudes hoch. Dahinter eine Grafik.
    Grafiken

  3. Panorama von Berlin, darüber ist eine Grafik zweier Grundrisse gelegt
    Grafiken

    Wohnkosten, Fläche, Eigentumsquote:So wohnen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund

    von Luisa Billmayer
    mit Video1:03

  4. Initiative 2hearts@school, Thaksan Southinathan

    Vorbilder vor Ort statt Lehrbuch:Migrationsgeschichte: Mutmacher unterwegs in Schulen

    von Thadeus Parade
    mit Video2:46