Stromausfall: Charité fordert Gesundheitsstrategie für Krisen

Interview

Nach Stromausfall in Berlin:Charité-Chef fordert Gesamtstrategie für Krisenzeiten

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Klare Zuständigkeiten und eine bessere Krisenkommunikation. Der Charité-Chef Heyo Kroemer fordert neue Maßnahmen, um die Gesundheitsversorgung fit für den Ernstfall zu machen.

Ein Polizist regelt den Verkehr an einer Kreuzung, an der die Ampel ausgefallen ist. Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt haben keinen Strom.

Wegen eines mutmaßlich linksterroristischen Brandanschlags auf Stromleitungen waren in Berlin rund 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe tagelang ohne Strom und Heizung.

07.01.2026 | 1:39 min

Nach dem Stromausfall in Berlin fordert der Vorstandsvorsitzende der Charité Berlin eine "Gesamtstrategie" für die Gesundheitsversorgung in Krisen- und Kriegszeiten. Im Berliner Südwesten waren Zehntausende Haushalte tagelang ohne Strom. Ein Szenario, auf das der Gesundheitssektor in Deutschland laut Heyo K. Kroemer nicht gut genug vorbereitet ist.

ZDFheute: Herr Professor Kroemer, ist die Berliner Charité gut auf einen Stromausfall oder andere Krisen vorbereitet?

Kroemer: Die Charité kann einen Stromausfall mehrere Tage über Notstromaggregate überbrücken. Das sichert lebenswichtige Bereiche, aber nicht den kompletten, regulären Betrieb.

Notstrom heißt: Priorisierung, nicht Normalität.

Wir arbeiten intensiv an unserer internen Resilienz, üben Szenarien und überprüfen Abläufe. Gleichzeitig zeigt sich immer wieder: Auch ein großes einzelnes Krankenhaus kann Krisen nicht allein bewältigen. Entscheidend ist die Vernetzung mit anderen Krankenhäusern, Rettungsdiensten, Behörden und Versorgern in der Umgebung. Resilienz entsteht erst im Zusammenspiel.

Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité. Archivbild
Quelle: Markus Schreiber/AP POOL/dpa

... ist seit 2019 der Vorstandsvorsitzende der Charité in Berlin. Zuletzt leitete er den "Expertenrat Gesundheit und Resilienz" der Bundesregierung.


ZDFheute: Sie waren Vorsitzender des Expertenrats "Gesundheit und Resilienz", der vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz einberufen wurde. Gibt es in Deutschland eine bundesweite Strategie für Krisen oder den Kriegsfall?

Kroemer: Der Expertenrat hat eine ganze Reihe von Empfehlungen veröffentlicht, darunter auch zu "Health Security". Eine nationale "Health-Security"-Gesamtstrategie gibt es in Deutschland bislang nicht.

Health Security meint den Schutz der Bevölkerung vor gesundheitlichen Folgen sicherheitsrelevanter Ereignisse - von Pandemien über Naturkatastrophen bis hin zu Terrorismus oder Krieg. Daraus resultiert die Fähigkeit, auch unter Krisenbedingungen eine kontinuierliche, bedarfsgerechte Versorgung sicherzustellen

Das Problem in Deutschland ist strukturell: zersplitterte Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen und eine strikte Trennung zwischen zivilem Gesundheitswesen und Sicherheitsbehörden.

Das führt zu unklaren Verantwortlichkeiten, zu wenig gemeinsamen Übungen und einer schwachen strategischen Krisenkommunikation.

SGS Slomka Atug

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ZDFheute: Nach Pandemie, Expertenratsarbeit und aktuellen Stromausfällen: Was müsste jetzt schnell umgesetzt werden?

Kroemer: Zwei Dinge sind zentral: Erstens brauchen wir eine bundesweite "Health-Security"-Strategie mit eindeutigen rechtlichen Zuständigkeiten, klaren Koordinationsmechanismen und regelmäßigen Übungen.

Zweitens braucht Gesundheitssicherheit eine strukturelle Verankerung im Nationalen Sicherheitsrat - dort, wo über gesamtstaatliche Sicherheit entschieden wird.

Deutschland lernt aktuell in anderen Bereichen, was passiert, wenn man nicht vorausschauend handelt. Gesundheitssicherheit sollte nicht das nächste Beispiel sein.

ZDFheute: Welche Länder sind besser vorbereitet - und warum?

Kroemer: Sehr gut aufgestellt sind die skandinavischen Länder, insbesondere Finnland. Dort gibt es verpflichtende Vorsorgestrukturen für Behörden, Krankenhäuser und Kommunen, regelmäßige nationale Krisenübungen und umfassende Vorratshaltung.

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Auch Schweden, Norwegen und Dänemark haben klare Aufgabenverteilungen mit festgelegten, verantwortlichen Krankenhäusern als Teil ihrer nationalen Sicherheitsarchitektur.

Außerhalb Europas gelten Israel und die USA als führend: Dort ist Gesundheitssicherheit auch fest in Verteidigungs- und Sicherheitsstrukturen integriert - organisatorisch, finanziell und strategisch.

Das Interview führte Britta Spiekermann, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.

Über dieses Thema berichtete das ZDF in mehreren Sendungen, unter anderem am 07.01.2026 in den heute-Nachrichten ab 19 Uhr.
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