Anschlag auf Berliner Stromnetz:Stromausfall: Was ist dran an AfD- und False-Flag-Gerüchten?
von Jan Schneider
Im Netz wird über die Hintergründe des Stromausfalls in Berlin spekuliert. Unser Faktencheck zeigt, was an den Behauptungen zu einer AfD-Anfrage und dem Bekennerschreiben dran ist.
Zahlreiche Berliner und Berlinerinnen sitzen immer noch im Dunklen und in der Kälte. Es ist bereits der längste Stromausfall der Hauptstadt seit dem Zweiten Weltkrieg. Wir werfen einen Blick auf die aktuelle Situation.
07.01.2026 | 2:34 minDie Angst vor lang anhaltenden Stromausfällen war in Deutschland stets groß, doch eher unbegründet: Für das Jahr 2024 hat die Bundesnetzagentur eine durchschnittliche Nichtverfügbarkeit von Elektrizität pro Verbraucher von 11,7 Minuten errechnet - das deutsche Stromnetz zählt damit zu den zuverlässigsten in Europa.
Der großflächige Ausfall in Berlin hat diese Angst nun berechtigterweise wieder angestachelt: Schon seit Samstag sitzen Tausende Menschen im Süden der Stadt ohne Heizung im Dunkeln. Auslöser war ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke zu einem Heizkraftwerk. Für den Anschlag hat eine linksextreme Gruppe namens "Vulkangruppe" per Bekennerschreiben die Verantwortung übernommen - Behörden und Beobachter der Szene halten das Schreiben für authentisch.
Nach dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin sind noch immer Tausende Haushalte ohne Strom. Die Hilfsbereitschaft unter den Berlinern ist groß, einige Hotels haben kostenlose Zimmer angeboten.
06.01.2026 | 2:02 minAfD-Anfrage in Berlin wird als Spionageversuch dargestellt
In sozialen Medien und Kommentarspalten kursieren seither dennoch andere Spekulationen darüber, wer für die Sabotageaktion verantwortlich sein könnte. Auch in Kommentaren zu Beiträgen von ZDFheute verweisen Nutzer immer wieder auf eine Anfrage der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, die angeblich für den Anschlag relevante Informationen erfragt haben soll: Speziell soll es dabei um Informationen über eine Kabelbrücke gehen, die bei dem Anschlag nun beschädigt wurde. In einem Video, das häufig geteilt wurde, wird der Vorwurf so formuliert:
Wer wusste, dass diese Brücke und diese unscheinbaren Plastikrohre mit den wichtigen Kabeln in dieser Stadt verlegt sind? (...) Es gab eine Kleine Anfrage der AfD im Juni 2024 zur Stromversorgung in Berlin. Just genau zur Stromversorgung im Süden von Berlin, in der just genau diese Brücke erwähnt wurde.
Instagram-Nutzer "kopfkompass_politik"
Die schriftliche Anfrage, auf die sich das Video und viele Kommentare beziehen, ist die Drucksache 19/19161 vom 21. Mai 2024. Darin hatte der AfD-Abgeordnete Frank-Christian Hansel Fragen zu "Spannungs- und Stromversorgungsschwankungen in Berlin".
Um das Berliner Stromnetz wieder zum Laufen zu bringen, müssen zwei verschiedene Kabeltechnologien verbunden werden. Das macht die Reparaturen schwierig.
05.01.2026 | 1:44 minEin Blick in den Wortlaut der AfD-Anfrage zeigt jedoch, dass es für einen Zusammenhang zu dem Anschlag auf die Kabelbrücke keinerlei Anhaltspunkte gibt. Die Anfrage beschäftigt sich mit allgemeinen Fragen zur Verfügbarkeit und Stabilität des Stromnetzes - etwa mit Spannungsschwankungen, dem Betrieb von Ladeinfrastruktur oder der Versorgungssicherheit.
Die Antworten liefern keine konkreten Lagepläne, keine Informationen über Kabelwege, keine Hinweise auf Schwachstellen in der Netzstruktur oder gar Tatorte, die für eine Sabotage hätten genutzt werden können. Sie enthält damit weder operative Details noch sensible technische Daten, die eine gezielte Störung erleichtern könnten.
Bekennerschreiben soll aus dem Russischen übersetzt worden sein
Zweifel gibt es im Netz auch an der Authentizität des Bekennerschreibens: Nutzer mutmaßen, dass das Schreiben auf Russisch konzipiert wurde und dann per Übersetzungssoftware ins Englische und Deutsche übersetzt wurde.
Der Berliner Senat sei beim Katastrophen-, Bevölkerungsschutz und Notfallmanagement überfordert, sagt Manuel Atug von der AG Kritische Infrastrukturen zu dem Brandanschlag in der Hauptstadt.
05.01.2026 | 4:52 minZDF frontal hat zehn Bekennerschreiben der Vulkangruppe aus den letzten Jahren analysiert und mit dem aktuellen Dokument verglichen. Die Untersuchung des Textes vom 4. Januar 2026 spricht stark für eine authentische Urheberschaft aus dem Umfeld der sogenannten "Vulkangruppe".
Stil und Sprache entsprechen auffällig genau früheren Veröffentlichungen der Gruppe aus den Jahren 2011 bis 2024. Charakteristische Formulierungen, eine stark emotionale und kämpferische Tonlage sowie ein Wechsel zwischen sehr kurzen Parolen und langen, verschachtelten Sätzen ziehen sich konsistent durch die Texte.
"Das ist kein Spaß, hier spielt man bewusst mit dem Leben von Menschen", so Kai Wegner (CDU), Bürgermeister von Berlin, zum Stromausfall. "Wir werden den Druck auf diese linke Szene deutlich erhöhen".
05.01.2026 | 5:43 minAuch sprachlich finden sich keine Hinweise auf eine Übersetzung. Das Bekennerschreiben nutzt umgangssprachliche Wendungen und gendergerechte Schreibweisen. Typische Fehler automatischer oder russisch-deutscher Übersetzungen - etwa bei Artikeln, Präpositionen oder Satzbau - fehlen vollständig.
Teilweise finden sich Schreibfehler bei Namen, etwa wird die Berliner Senatorin Franziska Giffey einmal korrekt geschrieben und zwei Mal mit "a" also "Giffay". Einziges Indiz könnte die falsche Schreibweise von US-Vizepräsident J.D. Vance sein, der im Bekennerschreiben "Vans" genannt wird - ein möglicher Transkriptionsfehler aus dem Kyrillischen.
Insgesamt gibt es keine hinreichenden Beweise dafür, dass das Bekennerschreiben auf eine russische False-Flag-Operation hinweist.
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