Reformdruck:Warum der Sozialstaat zukunftsfest werden muss
Union und SPD haben sich die Sozialsystem-Reform vorgenommen - etwa bei Bürgergeld, Rente und Krankenversicherung. Sie liegen aber noch weit auseinander. Was sind die Knackpunkte?
Das deutsche Sozialsystem steht vor riesigen Problemen. Wie sollen sie gelöst werden?
Quelle: ImagoDeutsche Top-Volkswirte fanden zuletzt wenig schmeichelnde Metaphern für den Standort Deutschland. Die Zitate reichten von "in die Jahre gekommenem Spitzensportler" bis hin zum Vergleich mit der Titanic: Das Schiff sinkt, aber die Kapelle spielt noch." Der Druck für Veränderung ist hoch.
Konkrete Vorschläge werden zum Teil in Fachkommissionen ausgearbeitet, im Herbst sollen dann erste Weichen gestellt werden.
3,025 Millionen: In den letzten zehn Jahren war die Zahl der Arbeitslosen nie höher. Ein Grund: die schwächelnde Konjunktur. Die Forderungen nach Reformen nehmen zu.
29.08.2025 | 2:29 minDer Motor stottert
Wer sich die Zahlen ganz genau ansieht, sorgt sich um die Fundamente des Sozialstaats. Das wichtigste Fundament, die deutsche Wirtschaft, schrumpft voraussichtlich das dritte Jahr in Folge. Bedeutet: mehr Arbeitslose, mehr Insolvenzen und korrigierte Steuerprognosen.
Im Klartext: Der Staat kann in Zukunft weniger Geld verteilen als ursprünglich angenommen. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) rechnet bereits für die Jahre 2027 bis 2029 mit einer Haushaltslücke von insgesamt 172 Milliarden Euro. Hinzu kommen wachsende Ausgaben für Verteidigung und die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft.
Wer bekommt wie viel Bürgergeld - und warum? Wie viele Menschen erhalten die Sozialleistung? Und wie viele von ihnen sind ukrainische Geflüchtete? Zahlen und Fakten im Überblick.
04.08.2025 | 2:23 minAn welchen Stellen gespart werden soll, das ist Stoff für koalitionsinterne Konflikte. Die Ausgangslage entsprechend herausfordernd. Die wichtigsten Baustellen:
Steigende Kosten beim Bürgergeld
Für dieses Jahr sind allein 52 Milliarden Euro im Bundeshaushalt für Bürgergeld eingeplant. Das sind gut acht Prozent des Gesamthaushalts und vor allem nochmal fünf Milliarden mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Bürgergeld-Bezieher ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, auch durch die Aufnahme schutzsuchender Menschen aus der Ukraine. Rund 700.000 von ihnen erhalten Bürgergeld.
Im Koalitionsvertrag sind schärfere Sanktionen für Jobverweigerer vorgesehen. Zudem soll künftig die Vermittlung in Arbeit wieder Vorrang vor Fördermaßnahmen haben.
Das Bundeskabinett hat ein milliardenschweres Rentenpaket beschlossen. Renten sollen nun etwas höher ausfallen. Doch der Beschluss ist umstritten.
06.08.2025 | 2:45 minRente - Wachsende Zuschüsse und unangenehme Wahrheiten
Allein in diesem Jahr fließen aus dem Bundeshaushalt 121 Milliarden Euro als Zuschuss in die Rentenkasse, weil es mehr Rentner als Beitragszahler gibt. Dieser Trend wird sich verschärfen, weil in den kommenden Jahren die Zahl der Rentner stark steigt und damit auch die Rentenausgaben. Immer weniger Einzahler werden immer stärker belastet.
Auch der Rentenbeitrag für Arbeitnehmer und Arbeitgeber dürfte von heute 18,6 Prozent auf gut 20 Prozent im Jahr 2029 zulegen. Mehr und vor allem länger arbeiten könnte eine Lösung sein. Der Wirtschaftsweise Martin Werding unterstützt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in der Forderung nach einer längeren Lebensarbeitszeit, um die Rentenkassen aufzubessern.
Die Bundesregierung will die Rente reformieren. Dabei kreist die Debatte seit Jahrzehnten um dasselbe heiße Eisen: Müssen wir länger arbeiten, damit das System nicht kollabiert?
30.08.2025 | 5:11 minKrankenversicherungen - Beitragssätze und Defizite steigen
Die gesetzlichen Krankenkassen stehen vor großen Herausforderungen: Seit dem vergangenen Jahr klafft ein Defizit von gut sechs Milliarden Euro, das auch in diesem Jahr nicht kleiner werden dürfte. Steigende Kosten für Medikamente und Löhne belasten die Kassen. Auch die Beitragssätze sind im Schnitt auf inzwischen rekordverdächtige 17,5 Prozent gestiegen.
Damit die Beitragsätze stabil bleiben, müssen die Kosten sinken. Die Regierung setzt dabei einerseits auf Mehreinnahmen durch Beitragszahler, wenn die Wirtschaft wieder anspringt. Außerdem soll eine Kommission Strukturreformen erarbeiten.
Auch die modifizierte Krankenhausreform soll Ressourcen bündeln und Kosten sparen helfen. Die Kassen haben Leistungskürzungen und Zuzahlungen ins Gespräch gebracht. Arbeitgeber fordern eine Rückkehr zur Praxisgebühr.
"Es braucht jetzt ein klares Signal, insbesondere in der Rentenversicherung", meint der Ökonom Stefan Kooths.
30.08.2025 | 21:25 minKlamme Pflegekassen und eine alternde Gesellschaft
Auch in der Pflegeversicherung steigen Kosten für Betreuung und der demografische Wandel macht sich bemerkbar, mit Folgen für die Beitragssätze. Sie steigen weiter. Und trotzdem reicht das Geld nicht: Im vergangenen Jahr klaffte eine Finanzlücke von 1,5 Milliarden Euro in der Pflegekasse. Dabei zahlen Pflegeheimbewohner bereits im ersten Pflegejahr einen Eigenanteil von 3.100 Euro pro Monat.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat eine Bund-Länder-Kommission eingesetzt, die noch in diesem Jahr Vorschläge präsentieren soll. Eine mögliche Lösung: Die Eigenanteile einfrieren und eventuell Karenzzeiten einführen, heißt, Pflegepatienten müssten die Kosten im ersten Jahr selbst tragen. Die Union ist dagegen eher für freiwillige Zusatzversicherungen.
Um Lücken im Haushalt zu schließen, brauche es verschiedene Maßnahmen, erklärt Ökonom Fratzscher. Alle Koalitionsparteien müssten dafür zu Kompromissen bereit sein.
25.08.2025 | 12:31 minHoffen auf den "Herbst der Reformen"
Viel Arbeit liegt vor den Kommissionen, damit es auch ein echter "Herbst der Reformen" wird. Damit wir uns den Sozialstaat auch in Zukunft leisten können, um den wirklich Ärmsten und Schwächsten zu helfen, muss er effizienter und auch gerechter werden.
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Merz: "Nicht mehr finanzierbar":Ist der Sozialstaat wirklich zu teuer?
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Schwarz-rote Fraktionsklausur :Herbst der Reformen? Wo es in der Koalition hakt
von Simon Pfanzelt