Bundespräsident im ZDF-Sommerinterview:Frank-Walter Steinmeiers Aussagen unter der Lupe
von Andreas Ewels, Oliver Klein, Micha Wagenbach
Wie bedeutsam sind die bevorstehenden Ost-Wahlen? Warum kostet die Sanierung von Bellevue so viel? Und wie groß ist die Distanz Deutschlands zu den USA? Ein ZDFheute-Faktencheck.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobt im ZDF-Sommerinterview das Reformpaket der schwarz-roten Koalition. Und er verteidigt die Kosten für die Renovierung seines Amtssitzes.
12.07.2026 | 20:40 minDie bevorstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, die relativ hohen Kosten für die Sanierung von Schloss Bellevue und das Verhältnis Deutschlands zu den USA - einige der Themen des ZDF-Sommerinterviews mit dem Bundespräsidenten. Waren die Aussagen von Frank-Walter Steinmeier immer korrekt? Wie sind sie einzuordnen? ZDFheute mit einem Faktencheck.
Können die bevorstehenden Landtagswahlen Merz schwächen?
Auf die Frage, ob der Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Bundeskanzler Friedrich Merz schwächen könnte, antwortete Frank-Walter Steinmeier, es sei noch nichts entschieden. Deshalb rate er dringend, "erstens, ernst zu nehmen, dass in diesem Herbst drei wichtige Landtagswahlen stattfinden, auch zu sehen, dass die Wahlbevölkerung in Sachsen-Anhalt ungefähr drei Prozent der bundesweiten Wahlbevölkerung ist".
Spielt der Bundespräsident mit dieser Bemerkung die ostdeutschen Wahlen im Herbst herunter? Können deren Ergebnisse die Regierung Merz schwächen?
Rund zwei Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verunsichern die hohen Umfragewerte der AfD viele Migranten. Sie fragen sich, welche Folgen ein AfD-Wahlsieg für sie hätte.
11.07.2026 | 2:58 minTatsächlich liegt der Anteil der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt, gemessen an der gesamten deutschen Wahlbevölkerung, nur bei knapp drei Prozent: Bei der letzten Bundestagswahl 2025 gab es nach Daten des Statistischen Bundesamts knapp 60,5 Millionen Wahlberechtigte, 1,7 Millionen davon in Sachsen-Anhalt.
Zwei Wochen nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Dort sind 1,3 Millionen Menschen wahlberechtigt, was noch einmal 2,1 Prozent der Wahlbevölkerung in Deutschland entspricht. Auch wenn die beiden Bundesländer zusammen nur etwa fünf Prozent der Wahlbevölkerung Deutschlands stellen, hätte eine absolute Mehrheit der AfD in diesen Landtagen erhebliche Auswirkungen über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus - auch für die Regierung Merz:
- Die Ministerpräsidenten der AfD könnten sowohl Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz torpedieren als auch über den Bundesrat Einfluss auf die Gesetzgebung für ganz Deutschland nehmen und damit die Bundesregierung schwächen.
- Bei einer absoluten Mehrheit der AfD in einem oder sogar zwei Bundesländern hätte die Regierung unter Friedrich Merz dort erstmals keinen Ansprechpartner mehr aus einer der drei Parteien der schwarz-roten Koalition.
- Nach aktuellen Umfragen in Sachsen-Anhalt hätte die CDU nur eine Chance zur Regierungsbildung, wenn sie mit der AfD oder der Linkspartei kooperiert. Das bringt die CDU in eine Zwickmühle - beide Optionen lassen die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der Partei nicht zu.
Die Zahl, die Steinmeier nennt - also, dass die Wahlbevölkerung in Sachsen-Anhalt ungefähr drei Prozent der bundesweiten Wahlbevölkerung entspricht - ist also korrekt, aber die politische Bedeutung der Wahlen geht vermutlich deutlich darüber hinaus.
Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD ihr Zehn-Punkte-Sofortprogramm vorgestellt. Große Teile der Wirtschaft und der migrantischen Bevölkerung sind besorgt.
11.07.2026 | 2:08 minWas macht die Sanierung von Schloss Bellevue so teuer?
Angesprochen auf die Sanierung von Steinmeiers Amtssitz Schloss Bellevue - für die rund eine Milliarde Euro veranschlagt wurden - antwortete der Bundespräsident:
Das Schloss Bellevue ist sozusagen nicht der Kostentreiber dieses Vorhabens insgesamt.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Außerdem betont er: "Es gibt keine Zusatzbauten". Stimmt das? Und wie kommen die vergleichsweise hohen Kosten zustande?
Ein Blick auf die Kostenaufstellung des Bundespräsidialamts zeigt, welche Summen für welche Bereiche veranschlagt sind. Genannt werden dort:
- 146 Millionen für die Sanierung des Schlosses Bellevue selbst
- 120 Millionen für die Sanierung der Verwaltungsgebäude
- 173 Millionen für den Neubau einer Hauptwache und Technikzentrale
- 162 Millionen für die Außenanlage und Infrastruktur wie Sicherheitsanlagen, Wege, Parkanlagen etc.
Mit der Hauptwache und Technikzentrale sind zwar auch Neubauten geplant - zusätzliche Gebäude mit neuen Funktionen sind nach den derzeitigen Planungen jedoch nicht vorgesehen. Es handelt sich vielmehr um den Ersatz beziehungsweise die Modernisierung bestehender Anlagen. Insofern hat Steinmeier Recht, wenn er sagt, es gebe "keine Zusatzbauten".
Das Schloss Bellevue wird derzeit für etwa eine Milliarde Euro renoviert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verteidigt die hohen Kosten im ZDF-Sommerinterview.
12.07.2026 | 1:23 minDie Gesamtkosten belaufen sich nach dieser Aufstellung auf gut 600 Millionen Euro. Zusätzlich werden Risikoreserven und mögliche Baupreissteigerungen von knapp 260 Millionen kalkuliert, insgesamt also rund 860 Millionen Euro. Hinzu kommt noch die Unterbringung des Staatsoberhaupts und seines Stabs während der Bauzeit. Für den mehrjährigen Sanierungszeitraum hat Frank-Walter Steinmeier einen neu gebauten Amtssitz bezogen - die Kosten dafür beziffert das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung auf rund 205 Millionen Euro.
Auf die eigentliche Sanierung von Schloss Bellevue entfällt mit 146 Millionen Euro in der Gesamtrechnung daher tatsächlich ein eher kleiner Teil. Zwar ist die eigentliche Sanierung des Schlosses nicht der größte Einzelposten, sie steht jedoch im Zentrum aller damit verbundenen Baumaßnahmen.
Der Bund der Steuerzahler kritisierte insbesondere den Neubau des vorübergehenden Amtssitzes und dessen Größe. So wird gefragt, warum im Zeitalter des mobilen Arbeitens nicht auch ein kleinerer Neubau in Betracht gezogen wurde. Im Schwarzbuch des Steuerzahler-Bundes heißt es:
Angesichts wachsender Defizite im Bundeshaushalt stellt sich die Frage, ob beim Bundesbau - und ganz besonders bei Bauten für die Politik - ausreichend auf Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit geachtet wird.
Bund der Steuerzahler
Bundespräsident Steinmeier zieht in ein Übergangsquartier am Berliner Spreebogen ein. Das Schloss Bellevue zeigt Verschleißerscheinungen und soll nun von Grund auf saniert werden.
10.07.2026 | 1:07 minWie distanziert ist das Verhältnis Deutschlands zu den USA?
Auf die Frage, ob sich Deutschland aus seiner Sicht mehr von den USA und Donald Trump distanzieren sollte, antwortete Steinmeier:
Mehr Distanz als im Augenblick geht kaum noch. Und das ist ja keine Distanz, die von unserer Seite her geschaffen worden ist.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Allerdings war es Steinmeier, der sich - viel deutlicher als die Bundesregierung - von den USA distanzierte. Bereits Ende März war er scharf mit der Politik von US-Präsident Donald Trump ins Gericht gegangen: Er nannte den Irankrieg damals "vermeidbar", einen "verhängnisvollen Fehler" und vor allem: "völkerrechtswidrig".
Frage an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im ZDF-Sommerinterview: Muss sich Deutschland mehr vom Amerika unter US-Präsident Donald Trump distanzieren?
12.07.2026 | 1:40 min"Unsere Außenpolitik wird nicht überzeugender dadurch, dass wir Völkerrechtsbruch nicht Völkerrechtsbruch nennen", sagte er in seiner Festrede zum 75. Jahrestag der Wiedergründung des Auswärtigen Amts in Berlin. Es gebe "im transatlantischen Verhältnis kein Zurück vor den 20. Januar 2025", so Steinmeier. An dem Tag hatte US-Präsident Trump seine zweite Amtszeit angetreten.
Damit setzte sich Steinmeier schon damals vom Kurs der Bundesregierung ab, die bisher stets Äußerungen vermied, die als grundsätzliche Kritik oder gar als Bruch mit Washington verstanden werden könnten. Weder Kanzler Merz noch Außenminister Wadephul bezeichneten etwa den amerikanischen Angriff auf Iran bisher als grundsätzlich falsch oder rechtswidrig.
Die ZDF-Sommerinterviews 2026
Frank-Walter Steinmeier, 12. Juli
Die ZDF-Sommerinterviews starten am 12. Juli. Zu Gast bei ZDF-Moderatorin Diana Zimmermann ist um 19:10 Uhr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Quelle: ZDF/Thomas KierokFaktenchecks zu früheren Sommerinterviews
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