Sondierungen in Berlin bringen die Bundespolitik ins Wanken

Analyse

"Ächtung", "Dammbruch", "Brandmauer":Rot-Grün-Rot in Berlin zeigt Zerrissenheit der Bundespolitik

Johannes Lieber

von Johannes Lieber

|

Am Abend entscheiden SPD und Grüne in Berlin über Koalitionsverhandlungen mit den Linken. Die Kritik auf Bundesebene ist groß - auch aus den eigenen Reihen.

Steffen Krach (SPD), Berliner SPD-Fraktions- und Landesvorsitzender, spricht auf einer Pressekonferenz im Haus der Statistik.

Der Landesvorstand der Berliner Sozialdemokraten entscheidet über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit Linken und Grünen. Bei der Bundes-SPD wurden dazu zuletzt kritische Stimmen laut.

19.10.2026 | 1:39 min

Den Slogan "Nie wieder ist jetzt" bemühen in den letzten Tagen sowohl Teile der Union als auch der SPD. Er steht gegen Antisemitismus, für den Schutz jüdischen Lebens - und für einige Abgeordnete der schwarz-roten Koalition im Bund auch gegen eine linke Bürgermeisterin in Berlin.

Doch genau das könnte am Abend einen Schritt wahrscheinlicher werden. Sowohl die Berliner SPD als auch die Berliner Grünen entscheiden, ob sie in Koalitionsgespräche mit den Linken gehen wollen. Besonders in der SPD scheiden sich aktuell die Geister, ob das eine gute Idee wäre.

fiedler-regierung-koalition

Mehrere Bundestagsabgeordnete lehnen eine Berliner Koalition mit der Linken ab. SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler meint: „Solange diese strukturellen Antisemitismus-Themen nicht vom Tisch sind, kann die SPD keine Koalition eingehen.“

19.10.2026 | 4:22 min

SPD uneinig über Umgang mit Linken

20 namhafte Bundestagsabgeordnete der SPD, darunter die ehemalige Innenministerin Nancy Faeser, haben sich in einem Brief gegen die Aufnahme von Koalitionsgesprächen mit den Linken ausgesprochen. Ein Hauptkritikpunkt: Die immer wiederkehrenden Antisemitismusvorwürfe gegen die Berliner Linke.

Für uns gilt: Der Schutz jüdischen Lebens ist unverhandelbar. "Nie wieder ist jetzt" darf keine Sonntagsrede sein.

Erklärung von Mitgliedern der SPD-Bundestagsfraktion

Einer der Initiatoren der Erklärung, der SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler, ließ im ZDF erkennen, dass er sich für eine Koalition mit der CDU statt der Linken in Berlin ausspricht. Doch innerhalb der Bundes-SPD ist man sich dabei keinesfalls einig.

Die vier Berliner Bundestagsabgeordneten der Sozialdemokraten weisen die Erklärung der 20 anderen zurück und unterstützen die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.

Berlin braucht eine handlungsfähige Regierung, die sich den konkreten Problemen der Menschen widmet - und nicht eine politische Debatte, die bereits vor Beginn ernsthafter Verhandlungen alle Türen schließt.

Erklärung der SPD-Bundestagsabgeordneten aus Berlin

Auch sie bekennen sich in ihrer Erklärung zum Existenzrecht Israels und dem Schutz jüdischen Lebens. Und dennoch: Eine mögliche Koalition mit der Linken spaltet die SPD.

Johannes Winkel, CDU, Vorsitzender der Jungen Union im Berlin-direkt-Interview

Der frisch wiedergewählte Vorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel, stärkt Kanzler Merz im ZDF den Rücken. Gleichzeitig fordert er ihn auf, die Rentenreform jetzt zügig umzusetzen.

18.10.2026 | 6:09 min

Linken-Politikerin im Zentrum der Kritik

Im Zentrum der Kritik steht die Linken-Politikerin Vanessa Emde. Sie wurde bei der Wahl vor gut einem Monat mit 46,2 Prozent der Stimmen direkt ins Berliner Parlament gewählt. Im Wahlkampf sprach sie einem Rapper, der israelischen Soldaten bei einer Linken-Veranstaltung den Tod wünschte, ihre "volle Solidarität" aus.

SPD und Grüne forderten, dass Emde nicht Teil der Linksfraktion in Berlin sein dürfe - dennoch wurde sie aufgenommen. Das bezeichnete die als "kleinen Geländegewinn gegen die Staatsräson". Damit spielt sie auf eine Aussage von Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an, dass die Sicherheit Israels für Deutschland eine besondere Verantwortung sei.

Das hat wohl auch beim Vorstand der Berliner Linken für ein Umdenken gesorgt. Der will Medienberichten zufolge nicht mehr mit Emde zusammenarbeiten. Diese Woche soll es Gespräche geben.

Zu sehen ist Vanessa Emde.

Nach Kritik an der Abgeordneten Vanessa Emde distanziert sich die Berliner Linke von ihr - sie kooperiere nicht mit der Partei. Emde hatte online umstrittene Äußerungen zu Israel geteilt.

16.10.2026 | 4:19 min

Junge Union fordert "gesellschaftliche Ächtung"

Besonders scharf ist die Kritik aus der Union. CSU-Chef Markus Söder will eine "Brandmauer gegen links" hochziehen und der CDU-Abgeordnete Christoph Ploß bezeichnet eine Koalition mit den Berliner Linken als "absoluten Dammbruch". Es brauche eine "gesellschaftliche Ächtung des Kulturbruchs" durch SPD und Grüne, fordert die Junge Union - während "Nie wieder ist jetzt" auf einer LED-Wand aufleuchtet.

Die meisten antisemitischen Straftaten gehen laut der Polizeilichen Kriminalstatistik von Tätern mit rechter Ideologie aus (47 Prozent). Ein gutes Drittel der Taten (35 Prozent) geht auf "ausländische Ideologie" zurück. Linke Täter machen rund zwei Prozent der antisemitischen Straftaten aus.


Angesprochen darauf bezeichnete die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner die Jugendorganisation der Union als "rechten Flügel" der Partei.

Was die da veranstaltet haben mit diesem "Nie wieder ist jetzt", das ist eine Unverschämtheit. Es ist wirklich eine Unverschämtheit, dass sie diesen Spruch instrumentalisieren gegen die Linke.

Ines Schwerdtner, Parteivorsitzende "Die Linke"

26-4561570 | action press | Henning Schacht  Abgeordnetenhauswahl: Der Wahlabend in Berlin  20.09.2026  Elif Eralp / Spitzenkandidatin Die Linke Berlin bei der Wahlparty von Die Linke zur Wahl in Berlin am Sonntag, Sept. 20, 2026 in Berlin.

Die Berliner Linke steht nach ihrem Wahlerfolg vor einer schwierigen Debatte: Spitzenkandidatin Elif Eralp hat sich ausdrücklich zum Schutz jüdischen Lebens in der Hauptstadt bekannt.

22.09.2026 | 6:41 min

Grünen-Chef spricht von Rot-Rot-Grün im Bund

Auch der zweite mögliche Koalitionspartner - die Grünen - ist sich nicht einig, ob man eine Koalition mit der Linken eingehen soll. Co-Parteichefin Franziska Brantner, die dem eher konservativen Realo-Flügel zugeordnet wird, sagte in der ARD, dass die Berliner Linke "offensichtlich ein Problem mit Antisemitismus, auch mit Nähe zu Organisierter Kriminalität" habe. Sie dürfte zudem fürchten, dass Rot-Grün-Rot in Berlin Schwarz-Grün im Bund erschwert.

Weniger kritisch äußerte sich Felix Banaszak, ebenfalls Grünen-Parteichef. Auf dem Bundeskongress der Grünen Jugend brachte er am Wochenende sogar Rot-Rot-Grün im Bund ins Spiel.

Wenn diese drei Parteien eine Option haben wollen, nach der nächsten Bundestagswahl zusammenzukommen, dann darf dieses Bündnis gerade nicht auf den falschen Voraussetzungen gestartet werden.

Felix Banaszak, Parteivorsitzender Bündnis 90/Die Grünen

Wirklichen Einfluss hat die Grünen-Spitze aber nicht auf die Entscheidung in Berlin. "Die weiteren Entscheidungen liegen auf Berliner Landesebene", soll Banaszak laut "Bild"-Zeitung seinen Parteimitgliedern geschrieben haben.

Lassen Sie sich Beiträge von ZDFheute bevorzugt bei Google anzeigen.
→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen.


Über dieses Thema berichtete heute in Deutschland am 19.10.2026 ab 14:00 Uhr.

Mehr zum Thema

  1. Felix Banaszak (Bündnis 90/Die Grünen) (Archiv)

    Sondierungen in Berlin:Rot-Grün-Rot: Banaszak fordert klare Absprachen

    mit Video2:31

  2.  Markus Söder (CSU, M), Ministerpräsident des Landes Bayern, spricht während des Deutschlandtags der Jungen Union (JU) beim Gruppenfoto mit den JU-Delegierten aus Bayern.

    Finanzsanktionen gegen Berlin?:Söder schießt scharf gegen Linke bei "Deutschlandtag"

    mit Video1:35

  3. 16.10.2026, Nordrhein-Westfalen, Bonn: Der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel, steht beim Deutschlandtag der Jungen Union auf der Bühne.
    Interview

    Wenn Rot-Grün-Rot in Berlin kommt:JU-Chef Winkel schließt Folgen für Koalition im Bund aus

    von Stefanie Reulmann
    mit Video6:09

  4. Philipp Türmer, SPD (Vorsitzender der Jusos)