Landtagswahl Rheinland-Pfalz:Wahlkampf um die Zukunft der Bildung
von Kai Remen
Der Wahlkampf in Rheinland-Pfalz läuft. Für viele Bürger ist die Bildung das wichtigste Thema. Auch die Parteien sehen die dortigen Probleme. Die Wahlprogramme im Überblick.
In wenigen Wochen wählt Rheinland-Pfalz einen neuen Landtag. Für viele Wähler ist Bildung das zentrale Thema. Die Parteien setzen in ihren Wahlprogrammen unterschiedliche Schwerpunkte.
03.03.2026 | 2:00 minEin Raum im Erdgeschoss der Pestalozzischule in Eisenberg. Von Tafeln und Schreibtischen keine Spur, stattdessen ist hier ein Parcours aufgebaut. Umgedrehte Bänke, verschiedene Untergründe, ein schwingendes Seil, Kisten mit Klammern, Perlen und Rechenaufgaben.
Die "Discemotorik" wurde von der Ergotherapeutin Aline Klusen aus der Not heraus entwickelt. Immer mehr Schulanfängern fehlten grundlegende Fähigkeiten bei Motorik und Sprachentwicklung. Immer häufiger könnten die Grundschüler nicht richtig Deutsch sprechen oder gar einen Stift halten.
Wir haben Schulanfänger, die kaum auf dem Stuhl still sitzen können, weil sie sich auf ihr Gleichgewicht konzentrieren. Diese Energie, die die Kinder dann aufwenden müssen, die geht eben für die eigentlichen Lernaufgaben verloren.
Aline Klusen, Erzieherin und Ergotherapeutin
Das Konzept komme an, erzählt Aline Klusen. Eltern würden von steigender Konzentration und verbesserter Sprache auch im Alltag berichten. Das Verbinden von physischen und intellektuellen Ansprüchen zahle sich aus, so die Erzieherin.
Grundschullehrer beobachten einen deutlichen Abfall bei den Basiskompetenzen von Schülern. So sei das etwa Halten eines Stiftes oder Schneiden mit einer Schere bei manchen Kindern ein Problem.
14.10.2025 | 8:53 minRheinland-Pfalz fällt im nationalen Vergleich zurück
Es ist ein Lösungsansatz für eines von mehreren Problemen. Im Bildungsmonitor war Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr abgerutscht und befindet sich im nationalen Vergleich im unteren Drittel. Bundesweite Aufmerksamkeit erhielt das Thema erneut, als die Rektorin einer Schule in Ludwigshafen bei "Markus Lanz" über die Situation vor Ort erzählte. An der Gräfenau-Grundschule hatte zuvor jedes vierte Kinder die erste Klasse wiederholen müssen. Die Probleme der Grundschule würden weitergereicht, sagte Barbara Mächtle damals.
Wir geben oft Kinder an die weiterführenden Schulen ab und denken: 'Um Gottes Willen, eigentlich dürften die doch gar nicht in die fünfte Klasse gehen, weil sie die Voraussetzungen einfach nicht haben'.
Barbara Mächtle, Schulleiterin Gräfenauschule (21. Oktober 2025)
Immer wieder gibt es Berichte über Gewalt an - meist weiterführenden - Schulen und überlastete Lehrkräfte. Im Januar hatte das Innenministerium der SPD-geführten Ampelregierung angekündigt, die Polizeipräsenz an den entsprechenden Schulen zu erhöhen. Für viele Rheinland-Pfälzer ist die Bildung inzwischen zum bestimmenden Thema dieses Landtagswahlkampfes geworden.
Über Konzepte für mehr Integration sowie Sprach- und Lernförderung an Schulen.
21.10.2025 | 75:18 minParteien sehen Bildung als wichtiges Wahlkampfthema
Die Wahlkämpfer haben das Problem erkannt. SPD, Grüne, FDP, CDU, AfD, Freie Wähler und Linkspartei widmen sich in ihrem Wahlprogramm dem Thema. Dabei geht es nicht nur um fehlende Motorik- und Sprachkenntnisse. Kita-Gruppen, Grundschulausstattung, Ganztagsschulen, Gewaltprävention, Besoldungsgruppen, Investitionsprogramm - die Liste ist lang und miteinander vernetzt.
Hier die wichtigsten Forderungen und Vorhaben der Parteien zum Thema Bildung:
- Ausbau der Sprachförderung: aus 350 geförderten Kitas sollen 1.000 Sprach-Kitas werden
- verbindliche Schulanmeldung im Alter von viereinhalb Jahren und Überprüfung der Sprachkenntnisse
- kostenfreie Schulbücher und Arbeitshefte
- Bewegungsförderung beispielsweise durch Schulschwimm-Netzwerke beibehalten
- Einführung des Pflichtfachs Informatik
- Ganztagsschule soll Standard sein
- Anheben der Besoldung von Grundschulllehrern auf A13
Quelle: SPD-Wahlprogramm für Rheinland-Pfalz
- verpflichtendes letztes Kita-Jahr
- verpflichtende Überprüfung der Sprachkenntnisse mit viereinhalb Jahren
- individuelle und verbindliche Sprachförderung bei nicht ausreichender Sprachkompetenz
- verbindlicher Schwimmunterricht
- kleinere Klassen und 105 Prozent Unterrichtsversorgung
- kostenloses Mittagessen und kostenloses Deutschlandticket
- Anheben der Besoldung von Grundschulllehrern auf A13
Quelle: Wahlprogramm der CDU für Rheinland-Pfalz
- verbindliche Sprachstandserhebung im Vorschulalter
- ausreichend, wohnortnahe Kita-Plätze
- Ganztagsförderung an Grundschulen wohnortnah, bedarfsgerecht und flächendeckend ausbauen
- politische Bildung stärken
- Freiwilligendienst nach neun Jahren mit Rückkehroption in die Schule im Anschluss ermöglichen
- kostenfreies Mittagessen
- A/E13 als Einstiegsgehalt für alle Lehrkräfte
Quelle: Grünen-Wahlprogramm für Rheinland-Pfalz
- mehr Schulkindergärten mit Sprachförderung
- Einführung eines dreigliedrigen Schulsystems mit neuer technisch-praktisch ausgerichteter Schulform
- keine Tablets in Grundschulen
- Regelunterricht nur für Schüler mit ausreichenden Deutschkenntnissen
- Null-Toleranz-Politik gegen Gewalt, Autorität der Lehrer stärken
- Klassen durch "Migrationswende" verkleinern
- Programme zur Sexualerziehung werden auf pädagogische Eignung geprüft
Quelle: Wahlprogramm der AfD für Rheinland-Pfalz
- verpflichtende Sprachprüfung und -förderung im Kindergarten
- Schuleingangsuntersuchung im Alter von viereinhalb Jahren
- kleinere Klassen (bei integrativen Klassen und erhöhtem Sprachförderbedarf)
- Erhalt des gegliederten Schulsystems und der Förderschule
- kostenlose digitale Schulbücher, analoge Schulbuchausleihe abschaffen
- 105-prozentige Lehrerversorgung an allen Schularten
- gleiche Bezahlung für Lehrkräfte beim Einstieg (Grundbesoldung A13)
Quelle: FDP-Wahlprogramm für Rheinland-Pfalz
- Einführung eines Basisschuljahres
- kleinere Kita-Gruppen, bessere personelle Ausstattung und Ausbildungsoffensive für Erzieher
- Wiederaufnahme der "SprachKitas" als Landesförderprogramm
- Intensivklassen für Schüler mit geringen Deutschkenntnissen
- 110 Prozent Unterrichtsversorgung
- mehr Eigenverantwortung der Schulen, flexible Budgets und Entscheidungsfreiheiten vor Ort
- Ausstattung aller Schulen mit schnellem Internet, modernen Endgeräten und Software
Quelle: Wahlprogramm der Freien Wähler Rheinland-Pfalz
- Therapie- und Förderangebote für alle Kita-Kinder
- vollständige Kita-Beitragsfreiheit (auch für unter Zweijährige)
- Rechtsanspruch auf Kinderbetreuungszeiten gesetzlich auf 8,5 Stunden pro Tag festlegen
- kein mehrgliedriges Schulsystem und keine verpflichtenden Hausaufgaben
- flächendeckender Ausbau von Ganztagsschulen
- kostenloses Kita- und Schulessen, kostenlose Periodenprodukte
- kostenlose Personenbeförderung für alle Kinder
Quelle: Wahlprogramm der Linken für Rheinland-Pfalz
Seit zehn Jahren regiert die SPD mit einer Ampelkoalition Rheinland-Pfalz. Das könnte sich bei der Landtagswahl im März ändern, denn laut Umfragen liegt die CDU aktuell vorne.
21.02.2026 | 2:30 minStartchancen-Programm fördert bereits 200 Schulen
Wie so oft in der Politik geht es ums Geld. Bildung ist grundsätzlich Ländersache, doch auch die Kommunen können einzelne Schulen unterstützen. Seit August 2024 läuft mit dem Startchancen-Programm bereits eine Investitionsoffensive von Bund und Ländern.
In Rheinland-Pfalz nehmen 200 Schulen mit besonderem Förderbedarf teil. Über eine Laufzeit von zehn Jahren erhalten sie Gelder, um die Lernumgebung auszustatten, die Schul- und Unterrichtsentwicklung zu verbessern und um Personal aufzustocken.
Laut einer aktuellen Studie haben sich die schulischen Leistungen in Deutschland deutlich verschlechtert. Vor allem in Mathe und Naturwissenschaften bestehen große Defizite.
16.10.2025 | 1:35 minForderung nach "multiprofessionellen Teams"
Die Parteien wollen die Personalfrage angehen. Sie ist für viele Lehrer von größter Bedeutung. Markus Fichter ist Leiter der Grundschule in Eisenberg. Dort hat er das Konzept der Discemotorik ermöglicht. Seine Schule erhält bereits heute Gelder durch das Startchancen-Programm. Die größte Chance sieht er im verstärkten Aufbau "multiprofessioneller Teams". Heutzutage benötigte Bildung Pädagogen, Erzieher, Ergotherapeuten, Schulgesundheitsfachkräfte und Psychologen.
Multiprofessionelle Teams bedeutet, dass verschiedene Kollegen mit unterschiedlichen Berufsausbildungen ihre Köpfe zusammenstecken und überlegen, wie man dem Kind und der Familie am besten helfen kann.
Markus Fichter, Schulleiter Pestalozzischule Eisenberg
Es brauche dreierlei, so der langjährige Schulleiter. Das Engagement der Politiker, der Lehrer und der Eltern. Wenige Wochen vor der Landtagswahl gilt das nicht nur für den Schulalltag, sondern auch für die Wahl selbst. Rund 3,2 Millionen Rheinland-Pfälzer sind aufgerufen, zu entscheiden - insbesondere über die Zukunft der Bildung.
Kai Remen ist Reporter im ZDF-Landesstudio Rheinland-Pfalz.
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