Saarland: Polizei kämpft mit Folgen der Tat von Völklingen

Einsatzkräfte am Limit:Polizei im Saarland: Völklingen und die Folgen

Studioleiterin Susanne Freitag-Carteron, ZDF-Landesstudio Saarland, mit Mikrofon.

von Susanne Freitag-Carteron

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Psychische Belastungen, Traumata: Die Polizei im Saarland kämpft weiter mit den Folgen der tödlichen Schüsse auf einen Beamten in Völklingen. Die Gewerkschaft hat Forderungen.

Trauermarsch von Polizisten für ihren getöteten Kollegen

Die Polizei im Saarland ist überlastet. Der Polizistenmord in Völklingen hat bei den Beamten tiefe Spuren hinterlassen. Die Gewerkschaft fordert Unterstützung der Landesregierung.

25.04.2026 | 4:43 min

"Blaulichtgottesdienst" im Trierer Dom: Auf der Kirchenbank tragen sie ihre Einsatzkleidung - Polizei, Hilfsdienste, Feuerwehr. Viele sind aus dem Saarland gekommen. Der Bedarf nach einem Wohlfühltermin ist groß.

Amelie Rietz ist Polizeianwärterin im Saarland. Einer ihrer Mitstudierenden war am 21. August 2025 im Einsatz, als der Polizist Simon Bohr getötet wurde:

Man macht sich Gedanken. Komme ich eventuell selbst in so eine Situation. Aber so etwas wie der Gottesdienst hilft.

Amelie Rietz, Polizeianwärterin

"Man verarbeitet das zusammen, man kann nochmal anders in die Zukunft gucken, trotz dieser Ereignisse", sagt die 20-Jährige.

Urteil im Völklingen-Prozess sorgte für Diskussionen

Bei dem Gottesdienst in Trier sprach auch Polizeiseelsorger Hubertus Kesselheim. Er betreut Polizisten nach traumatischen Einsätzen. In den letzten Monaten waren das viele. Auch er war am 21. August in Völklingen, traf dort auf eine komplett traumatisierte Dienststelle.

Viele Kollegen von Simon Bohr waren zu Augenzeugen geworden. Sahen, wie Bohr von sechs Schüssen in Körper und Kopf getroffen wurde und verblutete. Später war Kesselheim auch beim Prozess gegen den 19-jährigen Ahmed G., der Bohr erschossen hatte.

Urteil im Fall des getöteten Polizisten

Im Prozess um den getöteten Polizisten in Völklingen wurde das Urteil verkündet. Der heute 19-jährige Täter überfiel eine Tankstelle und erschoss den Beamten im Einsatz.

01.04.2026 | 2:46 min

In den Anhörungen wurde jedes Detail des langsamen Todes noch einmal geschildert. Die Beamten berichteten von ihren Depressionen, Angststörungen, noch heute können einige von ihnen nicht arbeiten. Dann das Urteil: Das Landgericht Saarbrücken sprach den wegen Mordes angeklagten jungen Mann Anfang April wegen einer Schizophrenie-Erkrankung von den Tötungsvorwürfen frei. Es ging dabei von einem Zustand der Schuldunfähigkeit aus. Die Kammer ordnete seine dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik für Straftäter an.

Für Familie und Kollegen ein zweites Trauma: "Wer die Aussagen der betroffenen Kollegen gehört hat, der kann das nicht nachvollziehen, der kriegt das nicht zusammen. Ich will das Urteil gar nicht bewerten, aber auch emotional kriegt man das nicht zusammen", sagt Kesselheim.

Für viele Beteiligte und für die Familie ist das damit nicht abgeschlossen, die Wunde bleibt offen.

Hubertus Kesselheim, Polizeiseelsorger

Polizeiautos stehen am Einsatzort.

Nach einer Verfolgungsjagd in Saarbrücken ist ein 22-Jähriger durch Polizeischüsse getötet worden. Laut Staatsanwaltschaft habe sich der Mann einer Verkehrskontrolle entzogen.

05.04.2026 | 0:19 min

Saar-Polizei kommt nicht zur Ruhe

Das Urteil fiel am 1. April. Nur vier Tage später eskalierte bei Saarbrücken eine Verfolgungsfahrt. Polizisten schossen auf ein Fluchtfahrzeug, der Fahrer starb. Hubertus Kesselheim sprach die ganze Nacht mit den Beamten.

Am 18. April dann eine schwere Explosion in Völklingen: mutmaßlich ein Drogendelikt. Ein Mensch wurde durch Sprengstoff getötet, vier weitere verletzt. All das wenige Meter von dem Ort entfernt, an dem Simon Bohr erschossen wurde.

Explosion in Völklinger Unterführung

Bei einer Explosion in einer Fußgänger-Unterführung ist ein 32-Jähriger ums Leben gekommen, vier weitere Männer wurden schwer verletzt. Die Soko Glas ermittelt mit Hochdruck.

20.04.2026 | 1:58 min

Hassrede im Netz

Im Netz geht all das gleichzeitig viral: Trauer, Wut über das Urteil, Hassrede auf Justiz und Polizei. Andreas Rinnert von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) im Saarland verbrachte die Osterfeiertage mit Löschen, Melden und Sperren. Auch Beleidigungen und Morddrohungen im Netz haben Trauma-Potential.

Ein Polizist erlebt allein im Laufe seiner Dienstzeit 400 bis 600 Sachverhalte, die potentiell traumatisierend sind.

Andreas Rinnert, Gewerkschaft der Polizei

"Bei einem Otto-Normalbürger sind es - gerechnet auf die gesamte Lebenszeit - nur drei oder vier", sagt Rinnert.

Bundespolizisten führen den festgenommenen libyschen Tatverdächtigen Omar A. (M.) aus einem Hubschrauber zu seiner Anklageverlesung vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe

Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland weniger Straftaten als noch 2024. Deren Zahl ging laut polizeilicher Kriminalstatistik um 5,6 Prozent auf 5,5 Millionen zurück.

20.04.2026 | 1:44 min

Deshalb forderte die GdP auf ihrem Gewerkschaftstag, dass die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Dienstunfall anerkannt wird. Die Frage ist nicht bundeseinheitlich geregelt.

Polizei-Gewerkschaft kritisiert Flickenteppich

Jochen Kopelke, GdP-Bundesvorsitzender, kritisiert den Polizei-Flickenteppich: "Wir haben in allen Bundesländern unterschiedliche Arbeitsbedingungen. Unterschiedliche Arbeitszeiten. Unterschiedliche Zulagen. Unterschiedliche Ausstattung, und da nicht die beste", sagt er. "Aber wir haben im Polizeialltag die gleiche Kriminalitätsentwicklung, dieselben Täter." Außerdem komme noch Cybercrime dazu.

Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts müssen die Länder die Besoldung ihrer Beamten anpassen. Hoffnung an der Saar, denn dort werden die Polizisten derzeit am schlechtesten bezahlt.

Susanne Freitag-Carteron leitet das ZDF-Studio im Saarland.

Über dieses Thema berichteten heute in Deutschland am 27.04.2026 ab 14 Uhr und der Länderspiegel am 25.04.2026 ab 17:05 Uhr.

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