Kritik an Pistorius' Rüstungskurs:Top-Ökonom warnt vor verpuffenden Rüstungsmilliarden
Deutschland investiert laut IfW-Präsident Schularick sein Geld für Verteidigung nicht in die richtigen Systeme. Er fordert einen Kurswechsel hin zu KI, Drohnen und Robotik.
Ökonom Moritz Schularick wirft Verteidigungsminister Pistorius vor, zu stark in klassische Waffensysteme zu investieren. Stattdessen brauche es mehr Geld für moderne Technologien.
10.08.2026 | 0:41 minDer Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick, wirft Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) falsche Akzente bei Rüstungs-Investitionen vor.
Der "Süddeutschen Zeitung" sagte Schularick, statt die 700 Milliarden Euro - die bis 2030 für die Modernisierung der Bundeswehr zur Verfügung stünden - gezielt in Waffensysteme der Zukunft zu investieren, gebe Pistorius einen Großteil des Geldes weiter für Panzer, Fregatten und andere veraltete Technologien aus. Das weitgehend kreditfinanzierte Milliardenprogramm, mit dem man bei richtiger Verwendung auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln könnte, drohe deshalb weitgehend zu verpuffen.
Ökonom: Deutschland sollte auf KI, Robotik und Drohnen setzen
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich Schularick intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Deutschland verteidigungsfähig werden und zugleich die Wachstumskrise überwinden kann. In diesem Zusammenhang hatte er Pistorius wiederholt kritisiert.
"Wir haben viel Kapital, viel industrielles Know-how und in Teilbereichen auch immer noch hochmoderne Technologien", sagte der IfW-Chef mit Blick auf Deutschlands Stärken.
Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten. Das heißt: Statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen müssen wir - wo immer möglich - auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik setzen.
Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW)
Schularick fordert zentralen Koordinator für Beschaffung
Ein einzelnes und zudem "sehr langsames" Ministerium ist aus Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers mit der Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie überfordert. Stattdessen sei jemand nötig, "der mit politischer Macht ausgestattet ist, Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenbringt, Friktionen ausräumen kann und alles auf ein Ziel konzentriert".
Er könne sich beispielsweise den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann oder Ex-Airbus-Chef Tom Enders als einen solchen Koordinator im Kanzleramt vorstellen, sagte der Ökonom.
"Bundesregierung und Industrie müssen sich umstellen"
Aus Sicht Schularicks müssen sowohl die Bundesregierung als auch die Industrie ihre Herangehensweise bei der Rüstungsbeschaffung vollständig umstellen. Es reiche nicht, viel Geld auszugeben und die Bestände der Bundeswehr aufzufüllen.
Vielmehr müssen wir von Beginn an mitdenken, wie die wirtschaftlichen Prozesse aussehen müssen, damit die nötigen Waffensysteme im Fall der Fälle auch wirklich rasch und in ausreichender Menge nachproduziert werden können.
Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW)
Statt hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in kleiner Stückzahl oder 200 Flugabwehrraketen zu ordern, müsse es also darum gehen, Produktionskapazitäten aufzubauen. "Anders ausgedrückt: Wir bestellen nicht mehr das einzelne Gerät, sondern die ganze Fabrik, die dann im Ernstfall sehr rasch 2.000 statt 200 Raketen pro Jahr produzieren kann", sagte Schularick. Weil sich das Vorhalten einer solchen Fabrik in Friedenszeiten für ein Unternehmen nicht rechne, müsse der Staat eine Prämie dafür zahlen.
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