CDU-Kanzler in der Krise:Worin ein Wahlforscher das Problem von Friedrich Merz sieht
von Julian Vulturius
Sehr bekannt, aber nicht sehr beliebt: Wahlforscher Thorsten Faas ordnet im Gespräch mit dem ZDF ein, welchen Anteil Kanzler Friedrich Merz an der Krise der CDU hat.
Das Dilemma von Kanzler Merz sei, "dass er sehr, sehr bekannt ist, aber eben nicht sehr beliebt", sagt Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der FU Berlin.
04.10.2026 | 6:32 minDie Debatte um Bundeskanzler Friedrich Merz, seine Beliebtheit und die Führung der schwarz-roten Koalition kommt nicht zur Ruhe. Auch die interne Kritik reißt nicht ab. Warum die Diskussionen um den Vorsitzenden der CDU und seine Partei in der Krise personelle und inhaltliche Gründe haben, erklärt Politikwissenschaftler Thorsten Faas im Interview mit dem ZDF heute journal.
Sehen Sie das ganze Interview oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen.
Faas: Vertrauen in Personen so wichtig wie nie
"Sie brauchen Inhalte, aber sie brauchen auch Personen, die diese Inhalte transportieren", sagt Faas, letztlich sei es "natürlich beides in der Politik". Der Politikwissenschaftler betont aber auch: Angesichts der vielen komplexen Probleme in Innen- und Außenpolitik brauche es "mehr denn je Personen, die Vertrauen genießen, die die Menschen mitnehmen können". Dafür müssten "die Menschen das Gefühl haben, dass die Richtung schon stimmt, selbst wenn sie nicht in allen Details drin sind".
Die personelle Komponente ist schon sehr, sehr wichtig und entsprechend schwerwiegend sind natürlich auch die geringen Zustimmungswerte, die der Kanzler in diesen Zeiten hat.
Politikwissenschaftler Thorsten Faas
Im letzten ZDF-Politbarometer von Ende September bewerteten nur noch 17 Prozent der Befragten Merz' Arbeit als "eher gut". 79 Prozent gaben hingegen an, sie sei "eher schlecht" - ein neuer Höchstwert der Unzufriedenheit.
Bundesregierung und Bundeskanzler wurden im ZDF-Politbarometer Ende September durch die Befragten eine schlechte Arbeit attestiert.
Merz sei "sehr, sehr bekannt", betont Faas, und ergänzt dann: "aber eben nicht sehr beliebt".
... ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Schwerpunkt seiner Forschung sind politische Einstellungen und das politische Verhalten von Bürgern, insbesondere im Kontext von Wahlen.
Bezüglich eines möglichen Wechsels des Bundeskanzlers gegen einen beliebteren Ministerpräsidenten wie Daniel Günther in Schleswig-Holstein oder Hendrik Wüst in Nordrhein-Westfalen äußert sich Faas indes zurückhaltend. Ein Wechsel von der Landes- auf die Bundesebene sei "immer auch mit Risiken verbunden".
So sei etwa die Härte der medialen Beobachtung "um ein Vielfaches höher". Auch eine mögliche Trennung von Kanzlerrolle und Parteivorsitz ist für Faas nur "eine zu einfache vermeintliche Lösung".
Der Tankrabatt ist umstritten: Laut ZDF-Politbarometer finden ihn 50 Prozent gut, 44 Prozent halten die Maßnahme für schlecht. Auch der Kanzler und sein Reformkurs schneiden nicht gut ab.
25.09.2026 | 1:37 min"Nichts, was Vertrauen schafft"
Faas betont, man müsse "konsistent agieren", um verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. In der jüngeren Vergangenheit habe man allerdings gesehen, dass es beispielsweise erneut einen Tankrabatt gebe - trotz Aussagen, dieser könne nie mehr eingeführt werden.
Faas erinnert auch an Äußerungen über die Zukunft der Krankenversicherungssysteme. Am Tag nach den verlorenen Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hatte Merz von einem "Gerechtigkeitsproblem" beim Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung gesprochen und mögliche Änderungen angekündigt.
Kurz nach dem überraschenden Vorstoß erklärte ein Sprecher dann, der Bundeskanzler habe "das System der Krankenversicherung nicht infrage gestellt". Faas sagt mit Blick auf beide Beispiele:
Also das ist sicherlich nichts, was Vertrauen schafft, sondern was eher zu mehr Unsicherheit führt.
Politikwissenschaftler Thorsten Faas
Kanzler Merz will im Amt bleiben, trotz Wahlniederlagen und massiver Kritik an ihm. Aus der CDU heißt es zwar, man wolle jetzt keine Personaldebatten führen - doch parteiintern wächst der Frust.
27.09.2026 | 4:11 minFaas: CDU ohne klare Vision
Angesichts des Drucks der AfD auf die CDU bewertet Faas die Herausforderung für die Partei als "durchaus existenziell - das ist so". Auch in anderen Ländern Europas seien christdemokratisch-konservative Parteien so unter Druck geraten, dass sie "eigentlich von der Bildfläche verschwunden sind".
Die CDU müsse jetzt wieder als integrierende Volkspartei funktionieren und verschiedene Strömungen miteinander verbinden, sagt Faas. "Das war immer das Markenzeichen der Union", betont der Wahlforscher. Dafür müsse die Partei konsistent handeln und darüber Vertrauen wiedergewinnen - "aber das ist und bleibt natürlich immens schwierig".
Der CDA-Bundesvorsitzende Dennis Radtke sieht die CDU nicht mehr als Volkspartei und übt Kritik an Friedrich Merz. Der Kanzler habe nicht ausreichend vermocht, Menschen einzubinden.
27.09.2026 | 7:21 minDerzeit verliere die CDU Wählerinnen und Wähler nach rechts und zur Mitte, erklärt Faas, das sei ein Dilemma. Dafür "bräuchte es eigentlich eine klare Vision, eine klare Richtung, wo die Partei hin will", sagt er.
Aber die kann sie aktuell nicht liefern.
Politikwissenschaftler Thorsten Faas
Das Interview im ZDF heute journal führte Dunja Hayali.
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