Linnemann-Forderung: Milliarden sparen durch weniger Krankenkassen?

Faktencheck

Idee von CDU-Generalsekretär Linnemann:Würde das Zusammenlegen von Krankenkassen Milliarden sparen?

Autorenfoto Nils Metzger

von Nils Metzger

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Deutschlands Krankenkassen müssen massiv sparen. CDU-Generalsekretär Linnemann kritisiert hohe Verwaltungskosten und fordert die Streichung von Dutzenden Kassen. Würde das helfen?

Bundesgesundheitsministerin Warken (CDU) spricht während einer Pressekonferenz zu den geplanten Reformmaßnahmen für die gesetzliche Krankenkasse.

Bundesgesundheitsministerin Warken hat Maßnahmen zur Entlastung der gesetzlichen Krankenkassen vorgestellt. Unter anderem sollen die Zuzahlungen für Medikamente angehoben werden.

14.04.2026 | 1:42 min

Die Bundesregierung plant weitreichende Reformen des Gesundheitswesens. Aus der Unionsspitze kommen dabei Vorschläge, die über die angestrebten Maßnahmen von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hinausgehen.

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann forderte am Dienstag im Sender ntv:

Wir haben immer noch über 90 Krankenkassen, die in der Regel die gleichen Leistungen anbieten; Riesen-Verwaltungsvolumen. Da müssen wir ran. Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen. (…) Wenn ich sehe, dass da Milliarden ausgegeben werden für nichts, weil es keinen Wettbewerb gibt, dann müssen wir da ran und deswegen sind über 90 Krankenkassen zu viel.

Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär

Würde so ein Schritt tatsächlich große Summen sparen?

Was sagt die Expertenkommission zur Krankenkassen-Streichung?

Warkens Reformvorhaben basieren auf insgesamt 66 Vorschlägen einer vom Ministerium eingesetzten Expertenkommission. Die von Linnemann geforderte Zusammenlegung von Krankenkassen zählt nicht zu den Empfehlungen dieser Kommission.

Das erwähnt Linnemann zwar im Interview. Was er aber unterschlägt, ist, dass die Kommission seine Forderung im 483 Seiten umfassenden Bericht bereits geprüft hat und zu einem ablehnenden Ergebnis kam.

Empirisch zeigt sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Größe einer Krankenkasse und ihren Verwaltungsausgaben je Versicherten.

Expertenbericht FinanzKommission Gesundheit

Schon jetzt bestehe ein "starker Anreiz für die Krankenkassen, möglichst effizient zu wirtschaften".

ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Britta Spiekermann

Für eine Umsetzung brauche es viel Abstimmung in der Koalition, sagt ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Spiekermann. Einen Gesetzentwurf soll es vor der Sommerpause des Parlaments geben.

30.03.2026 | 5:53 min

Wie viel geben die Krankenkassen für Verwaltung aus?

Die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) geben in der Tat jedes Jahr Milliardensummen für Verwaltung aus - im Jahr 2025 waren es netto rund 13,3 Milliarden Euro. Das muss man aber ins Verhältnis zu den riesigen Gesamtausgaben des Gesundheitssystems in Höhe von jährlich mehr als 350 Milliarden Euro setzen. 2025 machte die Verwaltung da nur rund vier Prozent der gesamten GKV-Ausgaben aus - "mit abnehmender Tendenz", wie der Expertenbericht festhält.

Die Verwaltungsausgaben stiegen dabei in den vergangenen zehn Jahren deutlich langsamer als die Leistungsausgaben. Die Verwaltungseffizienz verbesserte sich also.

Der Bericht weist auch darauf hin, dass bereits verschiedene Auflagen bei den Verwaltungsausgaben greifen - etwa bei der Höhe der Vorstandsgehälter. Deren Vergütung lag 2024 bei insgesamt 17 Millionen Euro. "Demnach kann über eine Reduktion der Vorstandssitze oder eine Begrenzung von deren Vergütungen keine beitragsrelevante Einsparung erreicht werden", so das Fazit der Experten.

Manche Verwaltungsausgaben entstehen auch durch strengere gesetzliche Auflagen, etwa verschärften Bestimmungen bei digitaler Sicherheit und Datenschutz. Wo die Experten Einsparpotenzial bei der Verwaltung sehen, sind die Werbeausgaben - ihre Obergrenze sollte von derzeit 5,60 Euro je Mitglied auf durchschnittlich 2,80 Euro halbiert werden. Das würde jährlich rund 70 Millionen Euro einsparen.

Klaus Reinhardt | Präsident Bundesärztekammer

"An der grundsätzlichen Tatsache, dass wir sparen und hohe Ausgaben begrenzen müssen, da kann keiner dran vorbei", so Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, zur geplanten Gesundheitsreform.

15.04.2026 | 6:57 min

Warum gibt es so viele Krankenkassen?

Bei den gesetzlichen Krankenkassen handelt es sich um ein historisch gewachsenes Netz an Versicherungen. Viele große Industriebetriebe hatten ursprünglich eigene Kassen für ihre Beschäftigten. Bis heute stehen viele Kassen nur Menschen aus einer bestimmten Region offen. Begründet wird das etwa mit unterschiedlichen Versorgungsstrukturen von ländlichen und urbanen Regionen.

Dabei gab es bereits große Wellen der Zentralisierung. Im Jahr 1993 gab es laut GKV-Spitzenverband 1.221 unterschiedliche Kassen, 2000 waren es noch 420, inzwischen sind es 93. Die 20 größten Krankenkassen decken dabei 84 Prozent aller gesetzlich Versicherten ab, so der Bericht der Expertenkommission.

Es gibt kleinere und größere Krankenkassen mit deutlich unter- beziehungsweise überdurchschnittlichen Verwaltungsausgaben.

Expertenbericht FinanzKommission Gesundheit

Eine Fusionierung der gesetzlichen Krankenkassen zu einer Einheitskasse in Österreich habe keine Kostenvorteile gebracht, merken die Experten an.

sgs baas sievers

Insgesamt lobt Jens Baas, Chef der gesetzlichen TK-Krankenkasse, das Sparpaket der Bundesgesundheitsministerin, doch es bedürfe noch weiterer grundlegender Reformen.

14.04.2026 | 6:13 min

Was könnte den Wettbewerb zwischen den Kassen steigern?

Wirtschaftlicher Wettbewerb ist zwischen den gesetzlichen Krankenkassen nur eingeschränkt möglich. Den Großteil ihrer Leistungen müssen alle gesetzlichen Kassen gleichermaßen anbieten. Sie werden zentral vom sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss auf Basis des Sozialgesetzbuchs festgelegt.

Der Konkurrenzkampf erfolgt also primär über den Zusatzbeitrag bzw. die darunterfallenden Zusatzleistungen. Auch seine Höhe kann nicht völlig frei gewählt werden, sondern orientiert sich an Durchschnittswerten, die das Bundesministerium für Gesundheit jährlich herausgibt.

Trotzdem bestehe laut dem Expertengutachten bereits jetzt ein "starker Preiswettbewerb". Zusätzliche Umwandlungen von Pflicht- zu Zusatzleistungen könnten zwar den Wettbewerb zwischen den Kassen stärken, würden für viele Versicherte, die sich diese Zusatzbeiträge nicht leisten können oder wollen, aber eine Verschlechterung der Versorgung bedeuten.

Fazit: Die von CDU-Generalsekretär Linnemann geforderte Zusammenlegung der Kassen ist nach Experteneinschätzung keine Maßnahme, die garantiert zu deutlichen Einsparungen und mehr Wettbewerb führen würde.

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