Finanzierung der Krankenkassen:Wie Ministerin Warken das Gesundheitssystem umbauen will
von Jan Henrich
Das Gesundheitssystem steuert auf ein massives Finanzloch zu. Ministerin Warken hat nun Pläne für ein Reformpaket vorgestellt. Einige Streitfragen sind aber offengeblieben.
Bundesgesundheitsministerin Warken hat Maßnahmen zur Entlastung der gesetzlichen Krankenkassen vorgestellt. Unter anderem sollen die Zuzahlungen für Medikamente angehoben werden.
14.04.2026 | 1:42 min66 Vorschläge hatte eine Expertenkommission Ende März für die Reform des Gesundheitssystems vorgestellt. Eine massive Schieflage bei der Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen solle damit abgewendet werden. Nun hat Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angekündigt, drei Viertel der Maßnahmen zügig umsetzen zu wollen.
Auf Ärzte, Apotheken und Versicherte scheint einiges zuzukommen. Alle Beteiligten müssten einen Beitrag leisten, so Warken bei der Pressekonferenz zur Vorstellung ihres Reformpakets. Große Streitfragen wie der Karenztag, eine Zuckersteuer und die Kosten für Behandlungen von Bürgergeldempfängern sind allerdings noch ausgeklammert.
Höhere Zuzahlungen für Medikamente und Begrenzung der Mitversicherung
Unter anderem sehen die Pläne vor, dass die derzeit geltende Zuzahlung von mindestens fünf und höchstens zehn Euro für verschreibungspflichtige Medikamente auf 7,50 bis 15 Euro angehoben werden soll. Zudem soll die Kostenübernahme für homöopathische Behandlungen und Hautkrebs-Screenings entfallen.
Für eine Umsetzung der Gesundheitsreformen brauche es viel Abstimmung in der Koalition, sagt ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Spiekermann.
30.03.2026 | 5:53 minAußerdem plant die Ministerin neben weiteren Maßnahmen auch Einschränkungen bei der bisher geltenden beitragsfreien Mitversicherung von Familienangehörigen, insbesondere bei Ehepartnern. Einschnitte sind ebenfalls bei den Krankenkassen vorgesehen. Verwaltungs- und Werbeausgaben sollen gekürzt und Vergütungen für Führungskräfte begrenzt werden.
Das plant Gesundheitsministerin Nina Warken
- Die Zuzahlungen von mindestens 5 Euro und höchstens 10 Euro, wenn man ein verschriebenes Medikament in der Apotheke abholt, sollen angehoben werden - auf 7,50 Euro und 15 Euro.
- Homöopathische Leistungen sollen nicht mehr auf Kassenkosten zu bekommen sein.
- Die bisher alle zwei Jahre mögliche Hautkrebs-Vorsorge auch ohne Symptome soll nicht mehr kostenfrei sein.
- Die beitragsfreie Mitversicherung soll "modifiziert" werden: Weiter beitragsfrei mitversichert sein sollen demnach Kinder, Eltern von Kindern unter sieben Jahren sowie von Kindern mit Behinderung, pflegende Angehörige und Menschen im Rentenalter. Für alle anderen bisher beitragsfrei versicherten Ehepartner plant Warken einen eigenen Beitrag von 3,5 Prozent. Gelten soll dies dann ab 2028.
- Eine Klausel, die höhere Vergütungsanstiege ermöglicht, soll gestrichen werden.
- Vor bestimmten Eingriffen soll eine zweite ärztliche Meinung eingeholt werden können.
- In Praxen soll für bestimmte Leistungen die Bezahlung außerhalb genereller Honorarbudgets gestrichen werden - etwa für offene Sprechstunden oder das erstmalige Laden von Behandlungsdaten in die neuen elektronischen Patientenakten.
- Medikamente sollen verstärkt mit günstigeren Rabattverträgen gehandelt werden.
- Bei Arznei-Preisfindungen sollen weitere Sparregeln eingeführt werden.
- Bei den Apotheken soll ein Rabatt erhöht werden, eine versprochene Erhöhung beim Fix-Honorar aber kommen.
- Verwaltungsausgaben sollen begrenzt und die Werbeausgaben halbiert werden.
- Vergütungen von Führungskräften der Kassen und auch der Kassenärztlichen Vereinigungen sollen begrenzt werden.
via dpa
Paritätischer Gesamtverband kritisiert "Kostenverschiebungen"
Kritik an den Vorschlägen kommt unter anderem vom Paritätischen Gesamtverband. Das Reformpaket beinhalte kaum echte Einsparungen, sondern in erster Linie "Kostenverschiebungen auf die Versicherten und Beitragszahler". Insbesondere die geplante Regelung zur Mitversicherung werde viele Familien hart treffen, sagt Hauptgeschäftsführer Joachim Rock.
Die Bundesregierung entlastet sich selbst zulasten der Beitragszahler.
Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes
Der Gesetzesentwurf für das Reformpaket soll in wenigen Wochen im Bundeskabinett beraten und danach in den Bundestag eingebracht werden. Die schwarz-rote Koalition plant einen Beschluss noch vor der Sommerpause.
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31.03.2026 | 3:44 minMinisterin Warken hofft auf "nahezu" konstante Beiträge
Die Expertenkommission hatte das drohende Finanzloch bei den gesetzlichen Krankenkassen im kommenden Jahr auf 15 Milliarden Euro beziffert. Mit dem nun vorgestellten Reformpaket samt der geplanten Erhöhung bei Zuzahlungen und Einschränkungen bei der Mitversicherung hofft die Ministerin, dass die Krankenkassenbeiträge "nahezu" konstant bleiben.
Ohne diese Reform würde die Belastung der Versicherten und der Arbeitgeber um ein Vielfaches höher ausfallen.
Nina Warken (CDU), Gesundheitsministerin
Einige größere Streitpunkte in der Diskussion um die Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen sind derzeit allerdings noch ausgeklammert. Die Expertenkommission hatte unter anderem eine gestaffelte Steuer auf zuckerhaltige Erfrischungsgetränke vorgeschlagen. Ebenfalls wurde in den vergangenen Monaten in der Bundespolitik über die Einführung eines Karenztags diskutiert, wonach Arbeitnehmer am ersten Tag einer Krankheit keine Lohnfortzahlung erhalten.
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27.03.2026 | 2:48 minWer zahlt für die Behandlung von Bürgergeldempfängern?
Beide Themen tauchen in dem Reformentwurf nicht auf. Die Ministerin sei nicht zuständig. Die Federführung liege bei anderen Ministerien, so Warken. Ein weiterer Streitpunkt in den vergangenen Wochen war auch die Frage, wer für die gesundheitliche Versorgung von Bürgergeldempfängern zahlt. Derzeit tragen die Krankenkassen die Kosten.
Die von Warken eingesetzte Expertenkommission hatte den dazugehörigen finanziellen Aufwand mit zwölf Milliarden Euro für das Jahr 2027 beziffert und eine Finanzierung aus Steuermitteln vorgeschlagen. Doch Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) lehnt das bislang ab. Eine Einigung konnten die beiden Ministerien anscheinend nicht erzielen. Die Argumente seien ausgetauscht, sagte Warken bei der Pressekonferenz, doch eine Lösung gebe es nicht.
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